Damen-Wahl: So präsentieren sich heimische Künstlerinnen erfolgreich in der Online-Welt

Österreichs neue Pop-Diven warten nicht mehr darauf, vom Musikbiz abgeholt zu werden: Sängerinnen wie Anna F. bauen sich den Ruhm selbst.

Es ist einfach, mit Anna F. (im Bild) eine Stunde zu verbringen: Unter dem Künstlernamen der 24-jährigen Steirerin sind auf YouTube so viele Videos zu finden, dass man beim Klicken rasch die Zeit vergisst. Neben dem Bank-Werbespot, der die Sängerin mit dem Ohrwurm „Time Stands Still“ bekannt machte, und Aufnahmen mit Lenny Kravitz, der Anna F. ins Vor­programm seiner aktuellen Tour holte, zeigen Online-Clips Österreichs neuen Popstar auch beim Zähneputzen, beim Her­­umalbern vor einem Auftritt, beim Singen im Badezimmer. Viele Videos sind mehr als zwei Jahre alt, und so wird schnell klar, dass der Aufstieg des heimischen Pop-Wunders gar nicht so kometenhaft war: Das Phänomen Anna F. ist eher das Resultat einer Kampagne, die lange unbemerkt am etablierten Musikbusiness vorbeiging.

Neue Wege
Anna F.s Erfolg zeigt die neue Dynamik, die viele Pop-Acts in Österreich erfasst hat. Die mediale Aufmerksamkeit, die derzeit eine Reihe heimischer Sängerinnen trendig erscheinen lässt, ist oft nur der Glitzerstaub auf einem Fundament, das die Musikerinnen durch Online-Präsenz, Live-Auftritte und Networking selbst gebaut haben. „Wir arbeiten seit drei Jahren daran, möglichst viele Menschen zu erreichen, und wir wollten den ganzen Weg video­mäßig mitverfolgen“, erzählt Anna F., als FORMAT sie in ihrem Heimatort Friedberg erreicht. Schon F.s erstes Konzert im Wiener Club B72 wurde gefilmt, ein früher Mitschnitt einer Livesession in Berlin sorgte 2007 für einen kleinen Hype auf der Videoplattform „Dailymotion“. F., die als Cutterin beim Sender ATV arbeitete, führt bei den Clips Regie, seit kurzem produziert sie mit der Kamerafrau Maria Trieb auch Videos exklusiv für Sponsoren – etwa für den Sportartikelhersteller Puma, der die Sängerin zuletzt als Model engagiert hatte.

Web als Plattform
Verblüffend an Anna F. ist vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Rechnung ohne die Musikindustrie macht: Ein Werbevertrag hier, eine Kooperation da ersetzt für sie die Vermarktung durch Plattenfirmen und Veranstalter. Auch das Album, das im September erscheinen soll, könnte ohne die üblichen Verbreitungs­kanäle auskommen. „Es wurden ja schon Alben durch Starbucks oder Modeketten vertrieben“, sagt F., die gemeinsam mit dem Produzenten und Schlagzeuger Alex Deutsch und dem Booking-Agenten Tom Resch an ihrer Karriere arbeitet. „Wir probieren, neue Wege zu gehen.“ Anna F.s Ansatz ist im heimischen Pop auch insofern neu, als die Künstlerin versucht, die Brücke zwischen den Taktiken der Alternativszene und jenen des Mainstreams zu schlagen. „Im Indie-Bereich ist es oft einfacher, das Netz als Plattform zu nutzen“, weiß Diana Lueger, Leaderin der Band „Zweitfrau“. „Im Pop ist es schwieriger, weil dieser Sektor so stark über Marketingaktivitäten geprägt wird.“ Einen echten Durchbruch allein durch Online-Präsenz hält Lueger für unwahrscheinlich. Doch internationale Acts wie Lily Allen nähren die Hoffnung.

Im Netz  
In Österreich gilt Anja Plaschg alias Soap&Skin als größter Star der MySpace-Ära: Durch eine Auswahl ihrer traurigen Songs löste die Steirerin online einen Kult aus – seit ihr Album „Lovetune for Vacuum“ im März erschien, ist Plaschg auf Bühnen von Paris bis London gefragt. Die Nachfrage nach Plaschgs CDs sei „enorm“, sagt ihr Labelmanager Oliver Kamien – dass ihre Web-Präsenz nicht überbewertet sei, zeigten mehr als 1,2 Millionen Zugriffe auf ihrer MySpace-Seite.Die Web-Community hält sich aber ungern lange an einem Ort auf: „Zweitfrau“ Lueger bezeichnet MySpace mittlerweile als „gestorben“, auch der Reiz von Facebook als Promotion-Tool scheint endlich. „Man muss das Medium oft wechseln und dranbleiben“, sagt sie. Anna F. blieb drei Jahre lang dran – und glaubte fest, dass ihre Strategie („Wir suchen nicht, wir lassen uns finden“) aufgehen würde. Auch ihr Hit wurde schließlich bei MySpace für die Werbung entdeckt – „dass Lenny Kravitz uns dann mit auf Tour nehmen würde, war ja so nicht geplant“, sagt sie. Dass Kravitz trotzdem hängen blieb, spricht letztlich für die Musik: Denn ohne leckeren Köder ist auch im Netz nichts zu fangen.

Michael Huber

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