D. Remnicks neue Obama-Biografie ist eine akribisch recherchierte Bestandsaufnahme

Die Obama-Biografie von „New Yorker“-Herausgeber David Remnick ist das zentrale Sachbuch des Herbstes und der kommende Woche beginnenden Frankfurter Buchmesse.

Im Jahr 1961 sagte der damalige US-Justizminister Robert F. Kennedy in einem Radiointerview: „Ohne Zweifel wird auch ein Schwarzer in den nächsten dreißig bis vierzig Jahren die Stellung erreichen können, die mein Bruder als Präsident der Vereinigten Staaten innehat.“ Es war dasselbe Jahr, in dem die knapp 19-jährige Studentin Ann Dunham aus Kansas im Kapi’olani Medical Center in Honolulu, unweit des Strands von Waikiki, ihr erstes Kind zur Welt brachte. Nach seinem Vater, einem kenianischen Austauschstudenten an der Universität Honolulu, bekam es den Namen Barack Hussein Obama jr.

Mit seiner Prophezeiung lag Bobby Kennedy nur um ein knappes Jahrzehnt daneben. Die Meinung eines entschiedenen Gegners der Rassendiskriminierung war allerdings im Amerika der frühen 1960er-Jahre alles andere als mehrheitsfähig. Sogar die schwarze Community selbst fühlte sich durch Kennedy eher auf den Arm genommen als respektiert. James Baldwin, einer der großen afroamerikanischen Autoren, erinnerte sich einige Jahre später an „das Gelächter und die Bitterkeit und den Hohn, mit dem diese Äußerung aufgenommen wurde“.

Für schwarze Amerikaner stellte sich die Sache um Kennedy, den Urenkel irischer Einwanderer, im Jahr 1965 so dar: „Aus der Sicht des Mannes im Harlemer Friseurladen war Bobby Kennedy erst gestern hier und ist jetzt bereits auf dem Weg zur Präsidentschaft. Wir waren seit vierhundert Jahren hier, und jetzt erzählt er uns, wenn du brav bist, lassen wir dich in vierzig Jahren vielleicht Präsident werden.“

Black Yuppie

Und doch wurde mit Barack Obama im November 2008 ein Afroamerikaner US-Präsident. Ein wenig aussichtsreicher Kandidat, dessen „komischer Name“ sich seit dem 11. September 2001 sogar noch auf den des berühmtesten Terroristen der Welt und Amerikas Feind Nummer 1 reimte. Dazu hatte Obama eine seltsam kosmopolitische Biografie, mit einem afrikanischen Vater und einer weißen Mutter aus Kansas; er wuchs auf der Urlaubsinsel Hawaii und in Indonesien auf und besuchte die elitärsten Ausbildungseinrichtungen der USA. Als er sich anschickte, erste politische Ämter in Chicago zu übernehmen, galt er vielen – gerade in den größtenteils schwarzen Vierteln der Stadt – vor allem als „buppie“, als „black yuppie“.

Er war zu jung, um sich in der Nachfolge Martin Luther Kings als Mitstreiter der Bürgerrechtsbewegung Autorität erworben zu haben, besaß trotz seiner drei Chicagoer Sozialarbeiterjahre als Community Organizer kaum „street credibility“, weil er nicht von der Chicagoer South Side stammte, die die Geschichte der Rassendiskriminierung und der urbanen Verelendung vieler Schwarzer aus erster Hand gesehen hatte. Und er war verdächtig, weil er mit Weißen wie Schwarzen gleichermaßen selbstverständlich umgehen konnte.

Remnicks Stärke liegt im Detail

„Barack Obama. Leben und Aufstieg“ heißt die neue Biografie des „New Yorker“-Herausgebers David Remnick. Er ist ein herausragender, mit dem Pulitzerpreis gekrönter Journalist und erfahrener Biograf, der sich davor bereits mit „King of the World“ einer anderen Ikone des schwarzen Amerika angenommen hatte: Muhammad Ali. Auf beinahe 1.000 Seiten beschreibt Remnick Obamas Werdegang. Es ist eine akribisch recherchierte Bestandsaufnahme, für die der Autor mit einer Unmenge von Weggefährten, Studienkollegen, Lehrern, Freunden, Verwandten sowie vielen Politikern, Intellektuellen und mit Obama selbst gesprochen hat.

Die großen Linien von Obamas Leben sind jedem, der die internationale Berichterstattung über ihn halbwegs verfolgt hat, bekannt. Remnick ist das bewusst. Daher liegt die Stärke seines Buchs in den Details. Sie sind es auch, die es zu einer spannenden Lektüre machen. So verfolgt er einige der gängigsten Assoziationen, die mit Obama verbunden sind, zurück zu ihren Wurzeln. Etwa das hartnäckige Gerede davon, dass er „nicht schwarz genug“ sei, das ihn bis zum Präsidentschaftswahlkampf verfolgte.

Es stammt aus der Zeit Ende der 1990er-Jahre, als Obama zur Wahl für den Senat von Illinois antrat. Ihm, dem Harvard-Absolventen, der zum ersten afroamerikanischen Präsidenten der „Harvard Law Review“ gewählt worden war, fehlte der Chicagoer Stallgeruch. Obamas Slogans „Yes, we can!“ und „Change we can believe in“, die später so berühmt wurden, tauchten erstmals in seinem Wahlkampf zum US-Senat 2004 auf. Er griff damit den spanischen Slogan „Sí, se puede!“ der United Farm Workers und einen Schlachtruf des Baseballteams der Philadelphia Phillies aus den 1970er-Jahren auf.

Das wirklich Wesentliche an Remnicks Blick auf Obama ist die ungeheure Konsequenz, mit der er dem Rassenthema, dem „schlafenden Riesen“ der US-amerikanischen Politik, auf der Spur bleibt. Obama – der mit seinen weißen Großeltern und seiner weißen, weltoffenen Mutter größtenteils im multiethnischen Hawaii aufwuchs – war, wie Remnick nachzeichnet, schon als Jugendlicher intensiv mit dem Thema seiner Hautfarbe beschäftigt. Wiewohl er auf Hawaii geografisch abgeschnitten war von den Erfahrungen der US Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre, im Positiven wie im Negativen.

Natürlich war auch er immer wieder mit kleinen rassistischen Zwischenfällen konfrontiert. Erst später, nach dem College, als er beschloss, als Sozialarbeiter tätig zu werden, entschied er sich nicht zufällig für Chicago, eine der US-Hochburgen des Rassenkonflikts, wo er erstmals mit einer Umgebung konfrontiert war, in der die Rassenfrage eine große Rolle spielte. Das Thema begleitet ihn, obwohl er selbst das Offensichtliche erst sehr spät direkt thematisierte und sich stattdessen als Repräsentant einer im Wandel begriffenen, multiethnischen US-Gesellschaft darstellte, für die seine Erfahrungen und Chancen symbolhaft stehen sollten.

Remnicks Buch ist auch eine hervorragende Charakterstudie Obamas als zielstrebigem, gelassenem, hochintelligentem Mann, der rasch hohe Ziele in der Politik verfolgte, sich zu einem begnadeten Netzwerker und Spendensammler entwickelte und seine Fähigkeit zu chamäleonhafter Anpassung an sein Gegenüber mit einer Art übergeordneter Bereitschaft zur Vermittlung vereint. Früh wurde ihm Großes zugetraut. Lange bevor er erste Ämter innehatte, kursierten unter seinen Freunden Bemerkungen über Obama als zukünftigen Präsidenten. Seine Halbschwester Maya schenkte ihm 2005 zu Weihnachten ein paar T-Shirts mit dem Aufdruck „Obama ’08“ – ein Jahr bevor er Anfang 2007 seine Kandidatur bekannt gab.

Auch von der Verstörung im Clinton- und im Mc-Cain-Lager angesichts der Obama-Manie der Medien ist ausführlich die Rede. Die, die sich in ihren Verdiensten (im Fall des Paars Clinton insbesondere für ihre Nähe zu schwarzen Wählern) und ihrer Redlichkeit und Tapferkeit (McCain) im Vorteil gegenüber einem Newcomer gesehen hatten, mussten einsehen, dass das Zukunftsversprechen Obamas ihre Leistungen überwog – und ließen sich sogar zu einer Reihe von Untergriffen ihm gegenüber hinreißen.

2008 kam für Obama die Zeit für den „perfekten Sturm“ aufs Weiße Haus. Eine historische Melange aus politischen Glücksfällen und Gegebenheiten – die Schwäche der Republikaner, ein maximal unbeliebter amtierender Präsident und ein ebensolcher Konflikt im Irak, Überdruss bei den Wählern, in ihren politischen Haltungen änderungswillige Bevölkerungsgruppen – traf in Obama auf einen ungeheuer charismatischen, neuen Politikertypus, der die Demokraten stärker begeisterte als alles seit Robert Kennedy. Obama erkannte seine Chance, against all odds, und ergriff sie.

– Julia Kospach

DAVID REMNICK: „Barack Obama. Leben und Aufstieg“.
Berlin Verlag, € 34,–. Ab 2. 10. im Handel.

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