Comeback des Wienerliedes

Das Wienerlied blüht wie der Prater im Frühling und findet, neu interpretiert, ein junges Publikum. Selbst die Wiener Festwochen setzen bei der Eröffnung auf das traditionelle Kulturgut. Eine Bestandsaufnahme der neuen Dudelszene.

Comeback des Wienerliedes

Definitionen sind ja prinzipiell eine gute Sache. Sie geben eine grobe Orientierung, man kann sich - falls nötig - daran festhalten und wenn man ein Freund der Ambition ist, lassen sie sich mit ein wenig geistigem Aufwand auch auswendig lernen. Allerdings muss man sich dessen gewahr sein, dass auch an Definitionen der Zahn der Zeit nagt. Nur wenige überdauern unverändert. Und manche entziehen sich überhaupt gleich als Ganzes.

Das "Wienerlied“ scheint so ein flüchtiger Geselle zu sein. Im Groben weiß man, worum es geht, wenn der Begriff fällt. Man hat einige Parameter im Kopf oder im Ohr: Heuriger. Geige. Zither. Und Wein scheint auch irgendwie ein integraler Bestandteil zu sein. Hans Moser kommt einem in den Sinn. Qualtinger und Heller lauern auch irgendwo. Und Roland Neuwirth und Karl Hodina, die sich ab den 1960er Jahren mit Heurigenkultur beschäftigt haben, tauchen auch auf. Aber so richtig zu fassen kriegt man den Terminus nicht.

Urbaner Musikantenstadl

Das breite Spektrum in den Umsetzungsmöglichkeiten, das vom simplen Straßenlied über Theatercouplets und Kabarettnummern bis hin zu Spott- und Kunstliedern reicht, macht Erklärungsansätze jetzt auch nicht unbedingt einfacher. "Es ist Volksmusik, der man anhört, dass sie im urbanen Raum entstanden ist“, versucht Klemens Lendl, Sänger und Violinist der Wienerliedcombo "Die Strottern“ einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden.

Auch für Musiker und Schriftsteller Ernst Molden ist die Kombination aus Stadt und Volksmusik reizvoll. Er ging im Laufe seiner musikalischen Karriere langsam dazu über, von der Hochsprache in den Dialekt zu wechseln.

Dabei streift man, vor allem als Wiener Musiker, zwangsläufig am Wienerlied an. Molden hat sich intensiv mit den Wurzeln dieser Gesangskultur beschäftigt. Vor allem das Dudeln, diese Mischung aus Jodeln und Koloraturgesang, die 2010 zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben wurde, verleitet den Musiker zu einem Bonmot, das auf den Kern des Wienerlieds abzielt: "Jodeln ist laut, es geht von Tal zu Tal, das Dudeln ist leiser, sanfter und geht von Heurigentisch zu Heurigentisch. Absturzgefahr ist trotzdem gegeben.“

Der städtische Einfluss ließ jedenfalls, als sich das Wienerlied vor gut 200 Jahren entwickelte, einiges an Genremixturen zu. "Wien war immer ein musikalischer Schmelztiegel. Man spürt in alten Wienerliedern sowohl die Einflüsse der Hochkultur, als auch die Musik der Immigranten aus der Donaumonarchie“, erklärt Klemens Lendl, der mit seinem Bandkollegen David Müller zur Speerspitze von Liedermachern gehört, die sich mit neuen Zugängen das musikalische Erbe der Stadt Wien erarbeitet haben. "Die Strottern“ machen dies, vor allem mit Jazz. Dafür gab es in den letzten Jahren Auszeichnungen. Einen Amadeus zum Beispiel oder im Vorjahr den deutschen Weltmusikpreis "Ruth“. Vor allem aber sehr viel Publikumszuspruch.

Vienna Calling

Alleine beim "Entstauben“ des Wienerliedes sind "Die Strottern“ und Ernst Molden jedenfalls nicht. Als Pars pro toto kann man an dieser Stelle das Trio Kollegium Kalksburg anführen, das bereits in den 90er Jahren wichtige Vorarbeit auf diesem Terrain geleistet hat. Bands wie das "Trio Lepschi“, bei dem Krimiautor Stefan Slupetzky involviert ist, kamen dazu. Und dann sind da auch noch Musiker wie Willi Resetarits, Birgit Denk, alte Austropop-Haudegen wie Ambros und Danzer, der junge Liedermacher Nino Mandl, der als "Der Nino aus Wien“ in der heimischen Popszene neue Impulse bringt, und auch der Name der Dialekt-Soul-Band "5/8erl in Ehr’n“, fällt oft, wenn vom "Neuen Wienerlied“ die Rede ist.

Das Quintett definiert sich aber als Popband, wie Max Gaier, Sänger bei den "5/8erl in Ehr’n“ erzählt. Das Einwirken traditioneller Wiener Liedkultur ist dennoch gegeben: "Wir verarbeiten viele Einflüsse in unserer Musik. Natürlich auch das Wienerlied. Vor allem die Doppelbödigkeiten und der Schmäh, die darin vorkommen, sind sehr inspirierend.“

Von Genregrenzen und Einzementierung halten die "Achterl“ also nichts. Einen ähnlichen, unverkrampften Zugang hat auch Nino Mandl: "Ich habe mit meiner Musik schon auch Ausflüge ins Wienerlied gemacht, aber ich sehe das eher so, wie die Beatles ein paar indische Elemente in ihre Songs gegeben haben. Ich glaube der Einfluss von Wienerliedern auf meine Musik ist eher dezent. Ich würde einfachheitshalber ja lieber alles Pop nennen, weil in den Begriff viel mehr reinpasst.“

Trotzdem. Das Label "Neues Wienerlied“ gibt es und darunter ist gegenwärtig vieles möglich. Soul-, Blues-, Jazz-, ja sogar HipHop-Musiker greifen auf die typischen Heurigenklänge zurück. Es scheint beinahe so, dass, nachdem das Konstrukt Wienerlied im k.u.k-Schmelztiegel durch unzählige Genreeinflüsse und Gepflogenheiten gewachsen war, jetzt von Außen neue Impulse alles wieder aufbrechen und zu einem homogenen Ganzen formen. So ist etwa für den Herbst die Veröffentlichung einer Zusammenarbeit des Rappvirtuosen Skero mit der Wienerliedtruppe "Wienglühn“ angekündigt. Als "Müßig Gang“ steckt die ungleiche Partie - einige Hörproben geistern diesbezüglich bereits im Internet herum - traditionelle Wienerlieder in frisches Gewand, man hat aber auch Neues in dieser Gangart im Talon.

Zudem wird einem, wenn man moderne Gegenentwürfe zum klassischen Wienerlied hören möchte, in der Stadt und Umgebung, übers Jahr verteilt, einiges an Festivals und Veranstaltungen geboten. So startet am 18. April etwa das vierwöchige Festival "wean hean“ und die Wiener Festwochen eröffnen heuer sogar am Rathausplatz ihr Programm mit einem Wienerlied-Schwerpunkt. Im Sommer ist das "Schrammelklang-Festival“ in Litschau bereits zum Traditionstermin avanciert und im Herbst findet dann die Veranstaltungsreihe "Wien im Rosenstolz“ statt.

Global, lokal

Das Publikum nimmt das Angebot jedenfalls gerne an. Wobei anfangs, als sich die Genregrenzen zu verschieben begannen, Wienerlied-Puristen es dem Neuem nicht ganz einfach machen wollten. Ernst Molden erinnert sich: "Als ich angefangen habe im Dialekt zu singen und im Rahmen ausgewiesener Wienerliedabende aufgetreten bin, erntete ich oft böse Blicke vom Publikum. Schon alleine, weil ich keine zweihälsige Kontragitarre gespielt habe.“

Die Skepsis im Plenum scheint einer Freude an der Wiederentdeckung und Neubewertung gewichen zu sein. "In einer Zeit der Globalisierung gibt es immer auch eine Pendel-Gegenbewegung. Also einen (Mikro-)Trend hin zum Nationalen, Regionalen, Lokalen. Wenn das internationale Charts-Futter nach McDonald’s schmeckt, hat man gern wieder mal den Duft eines Wiener Schnitzels oder einer Burenwurst in der Nase“, analysiert der Musikverleger und Journalist Walter Gröbchen.

Sein Label "Monkeymusic“ dokumentiert unter anderem einmal im Jahr mit dem Sampler "Wien Musik“ die Szene der Donaumetropole. Und zwar "ästhetisch strikt liberal“, wie Gröbchen sein Programm umreißt. Dementsprechend weitgefasst ist auch sein Definitionsansatz: "Für mich darf, Wienerlied‘ alles sein, was entfernt die Liedform benutzt und etwas über Wien erzählt.“

Dudeln & Folklore

Ähnlich sieht es auch Valerie Sajdik. Die polyglotte Sängerin, die aus der Jazz- und Chanson-Ecke kommt, gestaltet am 23. April im Wiener Konzerthaus unter dem Titel "Wiener Salettl“ einen Wienerlied Sing-along Abend. Unter anderem mit Agnes Palmisano, die die hohe Kunst des Dudelns beherrscht und sie von der Wiener Sängerlegende Trude Mally gelehrt bekommen hat. "Es gibt allgemein einen Trend zu neuer Romantik und Folklore, Brauchtum und alter Kunst. Der Popularitätsschub des Wienerliedes speist sich auch aus dem Wunsch, wieder Geschichten und Inhalte vermittelt zu bekommen. Dafür ist das Wienerlied ein gutes Medium“, analysiert Sajdik. Die Geschichten, die einem da erzählt werden, sind vielfältig und gehen durchaus ins Komplexe, sind verspielt und haben Humor.

Was also sind die Zutaten für ein gutes Wienerlied und was macht es für ein breites Publikum, darunter auch Nicht-Wiener, reizvoll? "Es ist der Mix aus Schlitzohrigkeit, G’fühligkeit, Raunzerei, Morbidität und Ressentiments einerseits und aus Instinkt, Schmäh, Lässigkeit und gelernter Weltoffenheit anderseits. Also jene Melange, die angeblich auch die Wiener selbst prägt“, meint Walter Gröbchen. Und ja, das klingt ein wenig nach Klischee, aber: "In Klischees steckt doch immer auch eine Portion Wahrheit.“ - Haaaallloooo!

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