Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann: "Theater ist immer Krise“

Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann: "Theater ist immer Krise“

Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann

Karin Bergmann wurde als Direktorin des Burgtheaters bestätigt. Sie folgt dem gefeuerten Matthias Hartmann nach. Im Interview mit FORMAT-Redakteurin Michaela Knapp hatte Bergmann Anfang September noch als interimistische Direktorin über Verantwortung, Matthias Hartmann und darüber, was man sich am Haus hinkünftig leisten will und muss, Stellung bezogen (Ausgabe FORMAT 36/2014 v. 5.9.2014).

Format: "Gute Mi(e)ne“ zum bösen Spiel wurde bei Ihrer ersten Saisonpressekonferenz auf Bleistifte gedruckt und auch von Ihnen gezeigt. Warum hat man die Krise nicht stärker und offensiver zum Thema gemacht? Etwa nach dem Motto: Leck! Mich! Burg!

Karin Bergmann: Die Stifte mit diesem Motto gibt es schon länger, umso passender schienen sie mir jetzt. Wir wissen alle, Theater ist immer Krise, unabhängig von den Kosten. Ich sitze aber in diesem Sessel, weil es zwei Entlassungen und Vorwürfe der Misswirtschaft gab. Dinge, die noch im Raum stehen. Die Leute sind irritiert, fragen: Was passiert mit unserem Steuergeld? Das ist im Grunde die größte Beschädigung. Also ist für mich nicht vorrangig, zu dokumentieren, Theater ist teuer, aber ein Luxus, den wir uns leisten müssen, sondern ich will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir sehr wohl rechnen können und mit Realitäten umzugehen wissen. Und auch mit weniger Luxus sehr gutes Theater zeigen. Das entbindet mich aber natürlich nicht, die politischen Verantwortlichen darauf deutlich aufmerksam zu machen, dass wir an einem Scheideweg stehen. Man muss der nächsten langfristigen Leitung für dieses Haus klare Vorgaben geben, was man sich erwartet und welcher Auftrag erfüllt werden soll. Für eine kompetente Sanierung des Burgtheaters brauchen wir die Unterstützung unserer Partner, der Holding, der Republik.

Format: Mittlerweile ist ja nicht nur die Politik großes Schauspiel geworden, auch das Schauspiel ist zur Politik geworden. Es gibt immer weniger Geld für die Kultur, die Budgets sind ausgeschöpft …

Bergmann: Ich glaube, der österreichische Staat muss begreifen, dass es sich bei den großen Kulturinstitutionen nicht um Subventionen, sondern um Investitionen handelt. Das sind enorme Wirtschaftsfaktoren, auch was die Umwegrentabilität betrifft. Zudem ist das Burgtheater mit knapp 600 Mitarbeitern auch ein wichtiger Arbeitgeber. Österreich lebt vom Kulturtourismus und nicht nur vom Skifahren. Der Kulturminister hat mir die richtige Einschätzung dieser Bedeutung versichert. Das muss sich nun aber auch finanziell niederschlagen. Ich bin nicht als Schrumpf- oder Sparmeister angetreten. Ich werde sehr wohl dafür kämpfen, dass das Haus qualitativ und quantitativ weiterarbeiten kann, wie man es zu Recht vom Burgtheater erwartet.

Format: Sie waren vier Jahre im Ruhestand. Was hat sich zwischenzeitlich im Theaterbiz verändert?

Bergmann: Es ist ein schnelllebigeres Business geworden, paradoxerweise dadurch, dass alle mittlerweile viel langfristiger planen, wie man das sonst vielleicht nur von der Oper kennt. Bei den Schauspielern merkt man ganz extrem, dass gerade die Burgschauspieler im Moment die begehrtesten für Dreharbeiten sind. Es gilt also, sehr schnell attraktive Verabredungen zu treffen. Denn ich will auch am Haus wieder "in die Vollen“ gehen und spektakuläre Produktionen planen, die so ein Haus braucht. Die Leute kommen, sobald es Novitäten gibt, sobald es Projekte gibt, die Stadtgespräch sind.

Format: Wie viel Bildungsauftrag hat das Nationaltheater?

Bergmann: Ein sperriges Vokabel. Aber wir haben in der Tat einen Bildungsauftrag und sollten ihn nutzen, egal ob mit Komödie oder Kriegsepos. Wenn uns das wie diesen Sommer in Salzburg gelingt, als der ORF die "Letzten Tage der Menschheit“ kritisierte als "eine Lektion in Geschichte als umjubelter Theaterabend“, dann bin ich glücklich. Es geht darum, Haltung zu vermitteln. Es geht um Begriffe, die in jedermanns Leben einen Wert darstellen. Bildungsauftrag heißt, dass, auch wenn ich die "Antigone“ ansetze, klar wird, warum ich sie heute spiele.

Format: Wie aktuell kann ein Haus wie das Burgtheater überhaupt Stellung zum gesellschaftspolitischen Geschehen beziehen?

Bergmann: Das Burgtheater ist leider nicht so wendig, dass man auf tagesaktuelle Themen reagieren kann. Dazu haben wir zu lange Vorläufe: Kurzfristigkeit kostet immer viel Geld. Aber wir haben das Format "Carte Blanche“ erfunden, für Themen, die unter den Nägeln brennen. Stellung zu beziehen, sei es mit den Inszenierungen oder mit Veranstaltungen, die aktuelle Debatten aufgreifen, tut jedenfalls der Außen- wie der Innenwirkung des Hauses gut.

Format: Sie haben für die kommende Saison nur rudimentäre Spielplanvorbereitungen von Matthias Hartmann geerbt, zumal auch seine eigenen Regiearbeiten ausfallen. Wie sehen Sie Ihre Position als nicht regieführende Intendantin?

Bergmann: Ich kenne ja das Haus aus eigener Erfahrung unter Künstler-Intendanten wie auch unter nicht regieführender Direktion. Ich bin durchaus ein Anhänger davon, dass es Regisseure gibt, die ein Haus wie das Burgtheater prägen und einen Wiedererkennungswert schaffen. Aber das Haus ist so groß, dass ich eine nicht regieführende Leitung als besser erachte.

Format: Die Burg gilt, was die Produktionsbedingungen betrifft, im deutschsprachigen Raum immer noch als Schlaraffenland. Mit den Kosten für die Ludwig-Reiter-Schuhe einer Probe etwa finanzieren andere eine Off-Produktion. Was kann, will und muss man sich hinkünftig leisten?

Bergmann: Ludwig Reiter ist seit vielen Jahren ein großzügiger Sponsor von uns. Wenn Leute aus der freien Szene kommen, wundern sie sich natürlich, wenn sie unsere Dekorationen und die Ausstattung sehen. Das scheint alles für die Ewigkeit gebaut, muss im Repertoirebetrieb aber auch viel aushalten. Wir werden natürlich weiterhin versuchen, gute Probenmöglichkeiten zu liefern. Dabei gibt es jetzt aber wieder klare Vorgaben der Mittel.

Format: Sie sind nun die erste Frau an der Spitze des Burgtheaters, kommen aus dem inneren Kreis. Der ehemaligen Geschäftsführerin Silvia Stantejsky wurde es bekanntlich auch zum Verhängnis, nicht zu wissen, auf welcher Seite sie steht. Wie schaffen Sie die Abgrenzung?

Bergmann: Schauspieler genießen meine allerhöchste Wertschätzung und meinen Respekt, aber ich bin privat nicht mit ihnen befreundet. Mein Freundeskreis liegt außerhalb der Theaterwelt.

Format: Wie werden Sie denn hinkünftig auftreten? Claus Peymann hat sich stets ins politische Geschehen eingebracht, für Provokation gesorgt. Matthias Hartmann hat sehr schnell ein Netzwerk aufgebaut und mit den scheinbar richtigen Freunden posiert.

Bergmann: Posieren liegt mir gar nicht. Was von mir zu erwarten ist, ist meine Authentizität: Ich bin jemand, der sehr offen und direkt ist, alles andere als vorsichtig und sehr leicht begeisterungsfähig. Aber man ist qua Funktion interessant, nicht als Privatperson. Das verwechseln viele. Ich weiß, dass es um die Burgtheaterdirektorin geht. Ich stehe für das ganze Haus in allen Belangen und werde dies in Zukunft noch offensiver tun, denn wir brauchen Partner, Förderer und Unterstützer.

Format: Matthias Hartmann hat den alten Bühnenboden quadratmeterweise verkauft, auch das Haus an Red Bull vermietet. Wie weit würden Sie gehen?

Bergmann: Ich bin sogar bereit, etwas anzubieten, das noch jungfräulich ist, nämlich den eisernen Vorhang. Wenn ich jemanden finde, der sich dem Haus verbunden fühlt und dort präsent sein will, dann bitte gerne. Auch die Ansage zum Abschalten der Mobiltelefone könnte mit einem neuen Sponsor verknüpft werden. Damit erreicht er immerhin über 400.000 Besucher im Jahr. Und ich träume von einer Burg-Produktion, die ich mithilfe eines starken Partners in die Bundesländer schicken kann. Das hätte auch Signalwirkung: Immerhin zahlt jeder österreichische Steuerzahler für die Bundestheater.

Format: Sie haben die erste Bilanzpressekonferenz zur Krise als einen "Gang durch ein Tal der Tränen“ bezeichnet, wie haben Sie im Sommer entspannt ?

Bergmann: Es war anfangs in der Tat schwer, die Anspannung körperlich zu verarbeiten, weil ich nur auf das Haus fokussiert war und wir ja in Salzburg im Juli auch die Premiere von "Die letzten Tage der Menschheit“ hatten. Ich kann mich aber selbst mental gut coachen. Im August war ich in meinem kleinen Haus in der Steiermark, konnte viel schwimmen und lesen.

Format: Wohl auch die laufend neuen Aufdeckungen rund um "das wirtschaftliche Desaster“ Burgtheater …

Bergmann: Was mich schmerzhaft getroffen hat, ist, dass immer mehr Ensemblemitglieder in diesen Finanzcausae genannt wurden, das sorgt für neue Irritation und Verunsicherung. Und was mich persönlich betrifft, kann ich nur sagen: Ich werde auch das letzte Drittel meines Lebens nicht nach dem Motto leben: Ist der Ruf erst mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert … Daher habe ich mir zum ersten Mal in meinem Leben einen Anwalt genommen.

Format: Sie sind im Sommer in Salzburg auch mit Silvia Stantejsky gesehen worden, die in einem Prozess mit der Burg steht, deren Chefin Sie sind. Eine kluge Entscheidung?

Bergmann: Silvia Stantejsky war in Salzburg, weil ihr Mann dort fotografierte. Unser Zusammentreffen wird nun von Matthias Hartmanns Anwälten missbraucht. Ich werde auf all diese untergriffigen Attacken nicht eingehen, nur so viel zum menschlichen Aspekt: Ich habe auch keine Berührungsängste, was Matthias Hartmann betrifft.

Format: Der Prozess um die fristlose Kündigung von Matthias Hartmann artet zunehmend zu einer Schlammschlacht aus …

Bergmann: Matthias Hartmann würde meiner Meinung nach noch heute in diesem Sessel sitzen, wenn er es in diesem halben Jahr nach der Entlassung von Frau Stantejsky geschafft hätte, zu sagen: "Auch ich trage Verantwortung.“ Sich immer nur die Erfolge auf seine Fahne heften zu wollen, hat mit einer verantwortungsvollen Theaterleitung nichts zu tun. Das passt aber zu seinem Verhalten im Vorfeld des Prozesses: Angriff statt Verteidigung, lieber auf andere zielen, als in der Sache bleiben. Schon weil ich die Verantwortung für das Haus trage, werde ich an dieser Schlammschlacht nicht teilnehmen und versuchen, das Burgtheater aus dieser Art von Schlagzeilen möglichst herauszuhalten

Format: Welche Rolle wollen Sie diesbezüglich ab 2016 im Burgtheater spielen?

Bergmann: Es wird sich bald entscheiden, ob es ein Ganz-oder-gar-nicht sein wird. Für alles dazwischen bin ich nicht zu haben.

Das Interview stammt aus FORMAT 36/2014 vom 5. September 2014

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