Burgerts Schinken: Erste Personale des deutschen Shooting-Stars in Krems

Mit rätselhaft-archaischen Bildwelten zählt Jonas Burgert zu den angesagtesten Malern der Kunstszene. FORMAT besuchte den Künstler vor der Personale in Krems in seinem Berliner Atelier.

Burgert ist schlicht mit Filzstift an das Tor gemalt, das zu einem Hof mit -zig graffitiübermalten Hallen in Berlin/Weissensee führt. In der Tür zur größten Lagerhalle, winkt ein Mann von 1,90 Meter. Kräftiger Händedruck und rein ins Atelier vom Ausmaß einer LKW-Halle.

Zu Gast bei Deutschlands angesagtestem Maler Jonas Burgert. Während der neu ausgerufene, aber höchst geerdete Shootingstar Tee kocht, führt im Hintergrund eine Assistentin letzte Anweisungen an jenem Bild aus, das Burgert extra für seine Österreich-Personale in der Kremser Kunsthalle gemalt hat. Eine spektakuläre, vier mal sechs Meter-Arbeit in jener beeindruckenden Kompositionstechnik und Bildsprache, die den 41jährigen quasi über Nacht berühmt gemacht haben.

Zehn Jahre hat er nahezu ohne Resonanz gemalt, vor fünf Jahren fand sich dann eine Arbeit – wie der Markt so spielt – in der richtigen Gruppenausstellung. Heute sind Burgerts „Schinken“, wie er sie selbst gerne bezeichnet, in den internationalen Privatkollektionen von Charles Saatchi bis Falckenberg vertreten und eine Assistentin im Fulltime-Einsatz, um Termine zu koordinieren. Während sich die Kunstwelt mit analytischen Kritiken über Burgerts rätselhaften archaisch wie zeitgemäßen Weltenmix überschlägt, kann er selbst kaum fassen, was in den letzten Jahren rund um seine Person abgegangen ist. Wie in einem Film sei das. „Ich warte immer noch drauf, dass bald der Abspann kommt.“

FORMAT: Sie werden als Zeremonienmeister des Weltschmerzes gefeiert, sind einer, der immer wieder giftmüll-verseuchte, apokalyptische Szenarien malt – wie geht es ihnen vor dem Hintergrund der Katastrophe in Japan?

Burgert: Ich würde so etwas nicht malen, aber symbolisch ist es natürlich interessant, weil ich mich in meiner Arbeit immer mit existenziellen Prinzipien beschäftige. Man merkt nun, daß alles nach hinten losgehen wird. Die Erde hat sich ja bisher nur geräuspert. Ich bin aber keiner, der das Politische in die Kunst holen will.

FORMAT: Schauen sie fern?

Burgert: Ich lese auch jeden Tag Zeitung. Klare Informationen, nüchterne Fakten – das ist das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich brauche das als Gegengewicht, weil man sich sonst als Künstler verliert, in einem Paralleluniversum versinkt. Der Witz ist ja, dass die bildende Kunst immer in der Lage sein muss, die Menschen abzuholen. Deswegen versuche ich Kontakt zur Realität zu halten.

FORMAT: Hat schon der kleine Jonas Lust an Horrorszenarien gehabt?

Burgert: Das Horrorartige, das alle in meiner Arbeit spüren, sehe ich gar nicht. Für mich ist das ein Teil der Realität.

FORMAT: Hoffentlich nicht ihrer Psyche?

Burgert: Ich hatte schon als Kind immer das Gefühl, ich muss ein Ventil finden, für diese ernsten Dinge. Ich war schon in der Schule ein bisschen anstrengend, weil ich existenziell sein wollte. Ich war immer am Subtext interessiert. Man kann auch nicht leugnen, dass ich in einem Künstlerhaushalt geboren bin. Mein Vater hat Malerei studiert, war Professor für Skulptur und unsere Wohnung war voll mit Bildern. Nach der Pubertät will man aber als Sohn garantiert nicht das machen, was der Vater macht. Ich habe also zuerst ein paar Semester Philosophie und Psychologie studiert.

FORMAT: Mit 22 Jahren sind Sie sich dann doch an die Berliner Hochschule der Künste gegangen.

Burgert: Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass ich jeden Tag malen lerne. Das ist herrlich. Man hat mich einmal bei einem Künstlergespräch gefragt, warum ich überhaupt male. Ich habe spontan geantwortet: „Weil es so schwer ist“. – Und mich dann über meine Antwort gewundert. Aber so ist. Ich glaube, ich finde diesen Job noch mit 80 spannend. Weil man nie das schafft, was man schaffen will. Das Phänomen Kunst ist nicht zu greifen.

FORMAT: Sie haben ihre eigene Bildsprache kreiert, einen sehr emotionalisierenden Kosmos der Symbole…

Burgert: Es war für mich wichtig, das alles zuzulassen. Ich wusste aber, wenn man so malt, gibt es einen Riesenaufschrei in der ganzen Konzept-Avantgarde-Szenerie.

FORMAT: Die Neue Leipziger Schule hat den Schrei aber doch etwas abgedämpft?

Burgert: Künstler wie Neo Rauch haben dafür gesorgt, dass Malerei wieder „angeschaut“ wurde. Ich wollte die Dinge benennen und mich nicht hinter einem Avantgarde-Diskurs und einer Coolness verstecken. Mir macht es nur Spaß, wenn ich authentisch arbeite. Auf die Gefahr hin, dass alle sagen, das ist zu emotional, zu direkt. Die so genannten coolen Künstler der Moderne versuchen ja, nicht angreifbar zu sein, berufen sich auf Politik oder Sozialkritik. Ich wollte an den Kern.

FORMAT: Sie haben zehn Jahre mit wenig Resonanz gemalt.

Burgert: Mit gar keiner…

FORMAT: Jetzt sind SIE cool und angesagt, jeder will einen Burgert haben, und ihre Bilder sind in die 200.000 Euro-Liga geklettert.

Burgert: Das hat was, klar. Aber ein Bild ist ein Kommunikationsmedium; und die Tatsache, dass die Leute so begeistert darauf reagieren, ist befriedigender als alles Geld.

FORMAT: Warum fruchtet ihre Arbeit gerade jetzt? Ist es zeitgemäße „Weltschmerzkunst“, wie ein Kritiker schrieb?

Burgert: Ich habe das Gefühl, diese Themen haben in der Kunst gefehlt. Ich zeige, was viele fühlen. Weltschmerzkunst? Warum nicht? Das kennen wir doch alle, wenn wir nachts im Bett liegen. Es gibt Sentimentalitäten, Wut und Hass. Warum müssen wir das immer kaschieren? Warum müssen wir denn immer l’art pour l’art machen für die drei Intellektuellen, die das dann richtig rezensieren?

FORMAT: Apropos: Manche sehen einen neuen Hieronymus Bosch in Ihnen, andere einen Hauch von Brueghel in ihren Arbeiten und Heidegger-Bezüge in den Titeln. Wie fühlt man sich als Puzzle für Intellektuelle?

Burgert: Es gibt natürlich kein bisschen Brueghel in meinen Bildern. Aber die Intellektuellen haben ein Problem, sie reagieren nur übers Gehirn. Das heißt, sie müssen eine Schublade finden, sonst sind sie hilflos. Ich würde mir vom Feuilleton die Reaktion meiner Ausstellungsbesucher wünschen, die versuchen eine eigenen Sprache zu finden, wie ich eine gesucht habe.

FORMAT: In ihrem Kosmos findet sich neben Harlekins, Skeletten, Amazonen, Dämonen und Schachbrettmuster immer auch das Giftgrüne, Toxische.

Burgert: Ich will das Perfide, Schleichende zeigen und gehe dafür mit den Farben an die Grenzen.

FORMAT: Und warum die vielen alten Kinder?

Burgert: Weil ich genau diesen Mix der kindlichen Energie, kontrastiert mit dem Prozess der Ernsthaftigkeit des Erwachsenenlebens, spannend finde.

FORMAT: Womit beginnt ein Bild?

Burgert: Mit einer atmosphärischen Idee. Ich trage so eine Idee zwei, drei Wochen mit mir herum. Es sind nie Albträume. Es gibt ernste Situationen, aber nie Brutalität. Ich beschäftige mich nicht mit Splatter-Szenarien, ich bin auch niemand, der in deutscher Schwere Richard Wagner an die Wand schreibt. Die Leute empfinden meine Bilder aber oft als bitter, weil sie ernst sind. Aber das Gruselige, Effekthascherische kommt nicht von mir, das entsteht in den Köpfen. Mir geht es immer um die Bühne, in dem das Ringen um unsere Existenz stattfindet. Wer wir sind, was wir tun und was das alles soll.

FORMAT: Sie wählen dafür immer abgeschlossene Räume, mit sehr theatralischem Setting: extreme Lichtstimmungen, exzentrische Kostüme….

Burgert: Ich will Nähe herstellen, als ob der Betrachter auch vorort wäre. Ich bin ein Bilderjunkie! Man selber produziert ja immer das gleiche Bild. Aber ich sammle Fotos und Skizzen von Menschen auf der ganzen Welt. Das ist mein Archiv. Stapelweise Assoziationsfelder. Menschen machen die verrücktesten Dinge, vom Bemalen ihrer eigenen Haut bis zum Huldigen eines Mercedes Benz, um sich eingebettet in die Welt zu finden. Das interessiert mich! Ich will eine übergeordnete Bildsprache finden, mit der die Leute weltweit etwas anfangen können, ob Inder oder Eskimo, denn die existenziellen Kämpfe sind überall gleich. Ob das klappt, wird erst viel später beurteilt werden können.

FORMAT: Dient ihnen die Malerei auch als Ventil oder ist das nur ein Klischee?

Burgert: Viele Klischees über Künstler stimmen. Für mich ist das durchaus ein Ventil. Ich bin nun im Alltag entspannter – ich kann alles in meinen Bildern ausleben.

FORMAT: Nun sogar mit Gewinnausschüttung. Sie sind für den Markt DAS angesagte Spekulationsobjekt.

Burgert: Das überhaupt einer bei mir über ein Investment nachdenkt, ist ein komischer Zwiespalt. Das ist grandios. Wenn man davon leben kann. Davor hatte ich tausende von Nebenjobs, über 15 Jahre lang und habe immer sehr bescheiden gelebt, weil ich viel malen wollte. Ich habe anspruchslose Jobs angenommen, die mich geistig nicht gefordert haben, um Potenzial für meine Bilder zu haben. Man braucht aber auch zehn Jahre, um eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Der Kunstmarkt ist größer geworden, das gesellschaftliche Interesse daran auch. Was mir nun innerhalb von fünf Jahren passiert ist, dafür hätte ein Künstler früher 20 Jahre gebraucht. Heute heißt es: entweder, oder. Du verkaufst alles, oder nichts.

FORMAT: Für einen echten Burgert gibt es derzeit Wartelisten, heißt das, ihre Bilder gehen noch nass aus dem Atelier?

Burgert: Wenn man als Künstler diese Chance bekommt – und so eine Chance kriegen 2 Prozent – dann reißt man sich zusammen und arbeitet wie ein Wahnsinniger. Das habe ich jetzt fünf Jahre lang gemacht. Jeden Tag. Das ist wie ein Workout bei der Größe meiner Bilder von vier Meter Höhe! Ich habe mir dazu sogar eine eigene Treppe von einem Schlosser bauen lassen. Ich bin acht Stunden am Tag am Arbeiten. Davon sind aber nur vier Stunden gut. Aber die vier Stunden davor sind Voraussetzung. Komischerweise entsteht Kreativität durch Langeweile.

FORMAT: Es heißt, Sie seien nachtaktiv…

Burgert: Das war mal so. Jahrelang habe ich erst abends um sieben zu malen angefangen, aber das ist nicht gesund, es tat mir auch psychologisch nicht gut und ich habe es mir wieder abtrainiert und komme nun um 10 Uhr ins Atelier. Ich arbeite auch wahnsinnig gerne sonntags, weil da alle anderen nicht arbeiten. Aber im Moment muss ich den Stress rausnehmen, Weil ich sonst umfalle. Das ist zumindest mein Plan. Ich muss mich immer daran erinnern, dass der Zustand nicht normal ist. Das ist die Kunstwelt, da kann jederzeit alles wieder zusammenkrachen.

FORMAT: Die Preise ihrer Arbeiten haben sich in kurzer Zeit verzehnfacht, für Sie nachvollziehbar?

Burgert: Jede Summe nutzt nur was, wenn sie auch einer bezahlt. Mir ist teilweise schon schwindelig geworden. Es gibt mehr Nachfrage, als es Bilder gibt. Das macht der Markt. Ich male meine Bilder und verlasse mich darauf, dass meine Galerien das gefühlvoll steuern.

FORMAT: Wann ist ein Bild fertig?

Burgert: Das ist eine Empfindung. Wenn ich nicht mehr weiß, was ich machen soll, dann ist es gut.

- Interview: Michaela Knapp

Jonas Burgert “Lebendversuch”
Kunsthalle Krems, Eröffnung: Sa., 26.3., 18 Uhr. Bis 29.5.
Unter dem Titel „Lebendversuch“ zeigt man in Kooperation mit der Kunsthalle Tübingen die erste Personale des Künstlers. Sie ist mit Werken von 40 Leihgebern bestückt.

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