Bühne: Für Wiens Theatermacher beginnt die heurige Saisoneröffnung verheißungsvoll

Der Run auf Theater- & Opernkarten straft Negativprognosen Lügen. Nicht nur der „Faust“ des neuen Burgchefs, auch Operette, Puppenspiel und Musical sind nachgefragt – was Sie zur Saisoneröffnung erwartet.

„Das wird unser bisher bester September“, freut sich Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger bereits vorab über den Kartenverkauf an seinem Haus im gewöhnlich zähen ers­ten Monat der neuen Theatersaison. Anders als vielerorts prognostiziert, sind nicht ausschließlich Geldsparen, Cocooning und Patschenkino angesagt. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die Theater – respektive jegliche Bühnenunterhaltung qualitativer Art – sind die Gewinner der Krise. Das belegen auch die aktuellen Besucherzahlen international wie national. So schloss der New Yorker Broadway schon die vergangene Saison mit dem besten Ergebnis seiner Geschichte. Und auch in der breiten Palette heimischer Festivals von Grafenegg bis Frequency durfte man sich über Besucherrekorde freuen. Die Salzburger Festspiele konnten bei 93 Prozent Auslastung ein Plus von zehn Prozent bei privaten Kunden verbuchen, in Bregenz freute man sich über 98 Prozent Auslastung.

Blauer Engel in der Josefstadt
Eine der erfolgreichsten Produktionen der Bregenzer Festspiele, die Uraufführung von „Der blaue Engel“ nach dem Roman von Heinrich Mann und dem Film von Josef Sternberg, eröffnet nun auch die Saison im Theater in der Josefstadt. Hausherr Föttinger hat die Story um die Barfußtänzerin Rosa Fröhlich, genannt Lola Lola, als Tingeltangel-Show auf einer Karussellbühne in Szene gesetzt und in der Zeit von Heinrich Mann belassen. „Ich halte diesbezüglich nicht viel von krampfigen Gegenwartsbezügen“, so der Josefstadt-Chef. „Ich erzähle ein Dreigroschenmärchen über Sehnsüchte, die nicht gestillt werden können. Eine Parabel über zwei Menschen, die sich aus ihrer gewohnten Umgebung reißen, um in einer anarchistischen Tat über den Tellerrand des eigenen Lebens zu blicken“, umreißt er seine Sicht der populären Geschichte der 23-jährigen Lola und des 57-jährigen Professors Unrat, der der Kindfrau verfällt. Erwin Steinhauer spielt den alternden, liebestollen Mann, der als tragischer Clown an seiner Leidenschaft zugrunde geht. Katharina Straßer (im Bild) räkelt sich lasziv in Strapsen und interpretiert Songs wie „Männer umschwirren mich wie Motten das Licht“ auf ihre Art neu.

Sex sells, oder hilft zumindest
Straßer ist damit gleich die zweite Blondine, die im Eröffnungsprogramm der Josefstadt ins Auge sticht. Denn in den Kammerspielen wandelt TV-Liebling Mirjam Weichselbraun im engen Kleidchen als Sugar auf den Spuren von Marilyn Monroe in der Bühnenfassung von „Manche mögen’s heiߓ. Geschicktes Marketing, gekonntes Jonglieren mit Schlüsselreizen in der Krise? „Keineswegs“, relativiert der Josefstadt-Boss. „Eher Zufall denn Konzept. Aber, so Föttinger schmunzelnd: „Es hilft schon. Wir zeigen ja nicht ‚Wallenstein‘, sondern leichteren Stoff.“ Auf „Well-made Plays, die Menschen berühren, aber in destabilen Zeiten nicht noch weiter verunsichern“, will Föttinger auch hinkünftig setzen. Denn: „Ich habe nur einen Wunsch: ein volles Theater zu haben.“

Siebenstündiger Faust-Marathon
Dass es „kein Proportionalverhältnis von Unverstandensein und Anspruch“ gibt, betont auch der neue Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann im FORMAT-Interview . „Dass man ein anspruchsvoller Künstler ist, tröstet noch nicht über einen halb leeren Saal hinweg.“ Den wird es zumindest in der ersten Burg-Saison sicher nicht geben. Zu neugierig sind Publikum und Feuilleton auf das Programm und die Handschrift des eloquenten Deutschen. Hartmann startet sein Flagship des deutschsprachigen Theaters demgemäß mit einem Premierenstakkato, um sich in der ganzen Unterschiedlichkeit seiner Arbeit zu präsentieren. Erstes Bühnen- wie Medienereignis ist dabei zweifellos der „Faust“, den Hartmann selbst als siebenstündigen Marathon mit Tobias Moretti und Gert Voss in Szene setzt. Ein Event, der sichtlich auch den ORF nicht ungerührt ließ. Er liefert seinen Zusehern Theateratmosphäre in einem neuartigen Live-Doku-Mix von der Premiere am 4. September unter dem Titel „faust.geballt“ (ab 22.30 Uhr).

Minichmayr rockt an der Burg
Nicht minder laut wird die zweite große Burg-Premiere abgehen: Da rockt Birgit Minichmayr, eben von „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gekürt, als „Struwwelpeter“ in der gleichnamigen Junkoper nach Heinrich Hoffmann das Haus. Ganz im Sinne des Direktors: „Unsere Sinnmembranen sind vielfach abgestumpft, gehören revitalisiert und stimuliert. Das kann Theater – im besten Fall.“ Als „therapeutische Befreiungsinstitution“ sieht auch ­Rabenhof-Chef Thomas Gratzer sein Haus. Er lässt zur Saisoneröffnung wieder die Puppen tanzen. Nach „Bei Schüssels“ und „Beim Gusenbauer“ heißt es nun „Bei Faymann“. Schon im Sommer waren mehr als die Hälfte der angesetzten Vorstellungen ausverkauft. Immerhin wird hier, so Gratzer, „der Wahnsinn, der einem auf politischer wie gesellschaftlicher Ebene alltäglich begegnet, mit Schmäh verarbeitet“.

Von Michaela Knapp

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