Buchtipp: Davido Schalkos "Weiße Nacht" deutet Haider-Petzner-Drama als Phänomen

In Anlehnung an die Schundhefte der 30er-Jahre präsentiert sich David Schalkos neuer Roman über zwei Lebensmenschen als böse Parabel auf den gesellschaftlichen Rechtsruck.

„Er trug wie ich ein weißes Hemd mit einer violetten Krawatte. Und einen schwarzen Anzug. Wir lachten wie kleine Kinder, die der Welt gemeinsam einen Streich gespielt­ hatten. Plötzlich hielt er inne, schüttelte den Kopf und kam ganz langsam näher. Wie ein neugieriger Fuchs, der hinter seinem Bau hervorlugte. Er näherte sich meinem Ohr, hielt die Nase höchs­tens einen Millimeter entfernt. Ich konnte seinen warmen Atem spüren. Lebkuchen. Und er flüsterte: Eternity, Thomas.“ Thomas führt ein völlig unaufgeregtes Leben, bis er den Menschen findet, der seine Welt ins Schwanken bringt. Seinen Lebensmenschen. Von ihm fühlt er sich das erste Mal wirklich erkannt und angenommen, er ist angekommen. Mit ihm zusammen scheint nichts unmöglich.

Unterhaltungswerk rund um einen Messias
Thomas ist der naive Ich-Erzähler in David Schalkos neuem Buch, der frappant an Stefan Petzner erinnert und an der Seite seines Mentors in dessen Silberrakete mit sportlicher Lässigkeit und bedingungslos treu die Welt erobert. „Das ist ein schwarzer Karl-May-Roman über zwei Weggefährten“, relativiert Schalko den Sprengstoff seines „kleinen Unterhaltungswerks rund um das Wirken eines Messias“. „Weiße Nacht“ ist der dritte ­Roman des 36-jährigen Kreativkopfs, der für den ORF Formate wie „Sendung ohne Namen“ oder „Die 4 da“ entwickelt hat und mit seiner Produktionsfirma Superfilm auch die Late-Night-Show „Willkommen Österreich“­ produziert. Zu schreiben begonnen hat er ihn vor einem Jahr, nach dem Eklat, den ein satirischer Dialog von Stermann und Grissemann in „Willkommen Österreich“ über die Haider-Heiligenverehrung in Kärnten ausgelöst hat.

Die bessere Bildwelt gewinnt
Mittlerweile, so Schalko, sei das Thema aber noch relevanter geworden: „‚Weiße Nacht‘ ist ja kein Buch über Haider oder Petzner. Es ist ein Buch über ein Phänomen, das immer stärker wird. Es handelt sich um die Vermengung von rechten Inhalten, Esoterik und dem extremen Erlösergedanken, der derzeit in der Politik steckt. Da werden Pop­mythen zu einem attraktiven Mediencocktail vermengt. Das zeichnet sich im Fall Berlusconi ebenso ab wie bei Sarkozy oder Obama. Diesbezüglich arbeiten alle mit den gleichen Mitteln, nur bei uns schaut es halt etwas provinzieller aus“, analysiert Schalko und setzt nach: „Es geht eigentlich nur noch darum, wer die besseren Bilderwelten generieren kann und mehr Erlebniswelten anbietet. Das Wort ‚untragbar‘ ist in der österreichi­schen Politik eigentlich nicht mehr vorhanden. Ein Herr Graf bleibt Nationalratspräsident, und auch Herr Strache darf Wehrmachtsdeserteure als Mörder bezeichnen.“

Persiflage auf den Dreigroschenroman
In Schalkos Roman geht es nicht ums Realpolitische, es geht um die Bilderwelt, die dahintersteckt. Formalästhetisch erinnert das Abenteuermärchen in seiner Kunstsprache an die Belletristik der 30er-Jahre. Und ist durchaus als Persiflage auf den nationalsozialistischen Dreigroschenroman, der mit ähnlichen esoterischen Mitteln und der Verkitschung von Politik und Heimat gearbeitet hat, gedacht. Da werden munter, aber präzis biblische Bilder und Werbetexte gemixt, wird zwischen Buberlpartie und Jüngertum gependelt. „Genauso wird derzeit in der politischen Realität alles vermischt“, zieht der Autor Parallelen, „Inhalte bestehen aus Floskeln, die remixt werden. Zu einer Art Pop-Politik wie jener des Herrn Strache.“ Schlager-idylle, der SS-Treueschwur und die „Wandlung“ im Katholizismus seien „die drei Säulen, auf denen rechtspopulistische Politik steht“, die sich in Zukunft wohl noch stärker mit Esoterikern verbünden werde.

"Jeder weiß, wofür ich stehe"
Autorenkollege Robert Menasse hat sich für Schalkos Buch schon im Vorfeld stark gemacht: „Schalkos Risiko ist, missverstanden zu werden. Vielleicht ist dies produktiver als der Wunsch, verstanden zu werden.“ Angst, von den Falschen vereinnahmt zu werden, hat der gebürtige Waldviertler jedenfalls keine. „Jeder weiß, wofür ich stehe. Es würde mich auch wundern, wenn das Buch dem Herrn Mölzer gut gefällt.“ „Weiße Nacht“ sei jedenfalls keine kalkulierte Provokation, sondern seine Haltung. Der Roman wurde vorab von einem Anwalt genau gelesen. Das Ergebnis: klarer Fall von Satire. Das Buch erscheint Ende September, im Frühjahr steht dann Schalkos zweiteilige Krankenhausserie „Der Aufschneider“ mit Josef Hader auf dem ORF-Programm.

Von Michaela Knapp

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