Buchmesse: China-Schwerpunkt sorgt nicht nur zwischen Buchdeckeln für Spannung

Skandale im Vorfeld, ausgeladene Autoren und viel Exilliteratur: Von 14. bis 18. Oktober steht China im Zentrum der Frankfurter Buchmesse, die damit wohl zur spannendsten seit Jahren werden dürfte. Dazu: Aktueller China-Lesestoff im Überblick.

Bei Ling nannte es das „sowohl absurdeste als auch unvergesslichste Symposion, an dem ich je teilgenommen habe“. Der regimekritische Lyriker stand im Mittelpunkt jenes Eklats, den sich die Frankfurter Buchmesse heuer schon im Vorfeld ihrer Eröffnung eingehandelt hatte: Die Messe hatte Bei Ling und seine Kollegin Dai Qing im September auf Druck des offiziellen China von dem internationalen Symposion „China und die Welt“ ausgeladen. Auf Intervention des deutschen PEN-Zentrums reisten die beiden doch an, durften aber anstelle ihrer geplanten Vorträge nur kurze Begrüßungsstatements von sich geben und ansonsten als Ehrengäste in der ersten Reihe sitzen.

Gastland China erfordert Gratwanderung
Sogar das aber war Chinas ehemaligem Botschafter in Deutschland, Mei Zhaorong, zu viel: Der forderte die chinesische Delegation aus Protest gegen die anwesenden Regimekritiker zum Auszug auf und wetterte, China sei nicht nach Frankfurt gekommen, um sich über Demokratie belehren zu lassen. Daneben stand der peinlich berührte Buchmessen-Direktor Juergen Boos, der erst Tage später angesichts harscher Zensurvorwürfe klare Worte fand. „Der Kompromiss, mit den Autoren Dai Qing und Bei Ling zu sprechen und ihnen eine Alternative zum Auftritt auf dem Symposion nahezulegen, war falsch“, sagte Boos und übte sich in Selbsterkenntnis. „Die Frankfurter Buchmesse hat mit dem Ehrengast China eine Gratwanderung vor sich, die Standhaftigkeit erfordert.“ Mit seinem widersprüchlichen Gastland, das Thema von rund 500 Veranstaltungen sein wird, bekommt der alljährliche Länderschwerpunkt der Messe eine brisante neue Dynamik. Die Länderschwerpunkte deswegen infrage zu stellen wäre die falsche Reaktion. Besser, man sieht es wie Ina Hartwig, Literaturredakteurin der „Frankfurter Rundschau“: „Vielleicht war es von Anfang an naiv, anzunehmen, man könnte mit der selbstbewussten und autoritären Volksrepublik, wo regimekritische Schriftsteller unterdrückt, eingesperrt und gefoltert werden, demokratisch plaudern. Diese Buchmesse wird die spannungsreichste der letzten Jahre. Und die spannendste vielleicht auch.“

Zensur und Turbokapitalismus
China also. Mit ihm gibt es ein hochinteressantes Literaturland zu entdecken, eines, dessen Autoren zwischen Zensur und Nischenexistenz, Anpassung und Verfolgung, Turbokapitalismus und kommunistischer Doktrin, zwischen Internationalisierung und Rückblicken auf die sozialpolitischen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte schreiben. „In China ist das, was nach offizieller Vorstellung als chinesische Literatur gilt, in die geografischen wie ideologischen Grenzen der Volksrepublik gezwängt“, kritisiert Bei Ling, der seit 2001 im politischen Exil in Boston und Taipeh lebt. Er ist einer von vielen, die ins Ausland gegangen sind und – wie er sagt – die lange chinesische Tradition dessen fortsetzen, was offiziell unter „Nestbeschmutzung“ läuft: „Die heute im Exil lebenden Schriftsteller zu ignorieren heißt, einen wichtigen Teil der zeitgenössischen chinesischen Literatur zu verleugnen.“ Das gilt genauso für den chinesischen Literaturnobelpreisträger 2000, Gao Xingjian, der in Paris lebt und auf Französisch schreibt, wie auch für den großartigen Ma Jian, Jahrgang 1953, der China 1999 Richtung London verlassen hat und dessen Bücher auf Englisch erscheinen. Auch das ein Zeichen der zeitgenössischen chinesischen Literatur-Gegenkultur: Viele ihrer wesentlichsten Werke sind weder in China noch auf Chinesisch geschrieben. So zum Beispiel Ma Jians monumentaler Roman „Peking Koma“ (Rowohlt, 928 S., € 25,70), eine der zentralen Herbst-Neuerscheinungen, der sich völlig ungeschminkt mit Chinas jüngster Geschichte befasst und mit dem Trauma des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989, das Ma miterlebt hat.

Verkaufsargument Verbot
Über 100 chinesische Autoren werden sich während der Buchmesse in Frankfurt aufhalten. Trotz Einladung aller Voraussicht nach nicht darunter: Liao Yiwu, Autor des hochspannenden Bands „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser “ (siehe FORMAT-Buchempfehlungen ) . Bis jetzt verweigert ihm das Regime die Ausreise, weil man ihm seine Kritik am Blutbad auf dem Tiananmen-Platz nicht verzeiht, wofür er bereits mit vier Jahren Haft und Folter bezahlen musste. Das große Problem eines anderen prominenten Autors, des Nobelpreisanwärters Yan Lianke, ist hingegen die Zensur. Seine drei letzten Bücher fielen ihr unmittelbar nach Erscheinen zum Opfer, darunter auch das grandiose „Der Traum meines Großvaters“. Das Verbots-Etikett nützen viele deutsche Verlage, um ihre neuen China-Titel zur Messe zu bewerben. Das kann, muss aber kein Qualitätsmerkmal sein. Ebenso gilt umgekehrt: Auch die offizielle chinesische Schriftstellerdelegation, die nach Frankfurt anreist und deren 130 Autoren unter dem Generalverdacht der Linientreue stehen, hat einige ausgezeichnete Literaten zu bieten: etwa Li Er („Koloratur“, Klett-Cotta, € 25,70), Yu Hua (siehe Buchtipps ) oder Mo Yan („Die Sandelholzstrafe“, Insel, € 30,70).

"Streit gehört zur Buchmesse"
Ein ganz besonderes Buch, das die ungeheure Breite des chinesischen Buch- und Literaturschaffens im In- und Ausland zeigt, ist Chen Jianghongs „An Großvaters Hand“ (Moritz Verlag, € 25,60): Chen, Jahrgang 1963 und seit 1987 in Paris, erzählt darin die Geschichte seiner ärmlichen, aber glücklichen Kindheit in einer nordchinesischen Stadt, in der ab 1966 mit Maos Kulturrevolution alles auf den Kopf gestellt wird. Ein Kinderbuch und doch kein Kinderbuch, ist es vor allem eine gezeichnete Autobiografie, die dem Comic ebenso viel verdankt wie Holzstichen der Ming-Zeit, der Pop-Art oder der Lithografie der 20er-Jahre. Kurz und prägnant der Text, ungeheuer eindringlich die Illustrationen (siehe Bild) , die von Umerziehung und kleinen Rotgardisten erzählen, von Begriffen wie „Großgrundbesitzer“ oder „Erzkapitalist“, von einer öffentlich gedemütigten eleganten Nachbarin mit Mozart-Platten oder von begeisterten Massenkundgebungen. In Chen hat China einen überaus eigenständigen Chronisten. Deren gibt es zweifellos viele. Man muss nur nach ihnen Ausschau halten. Oder, wie Bei Ling sagt: „Das Wichtigste wird sein, aus der Stimmenvielfalt die individuellen, unabhängigen Töne herauszuhören.“ Abgesehen davon wird für diese Buchmesse gelten, was Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth als Losung ausgegeben hat: „Konfrontation ist nicht lästig, sondern produktiv – Streit gehört zur Buchmesse dazu.“

Von Julia Kospach

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