Buchmarkt: Zerfledderungsgefahr durch Alleinverwerter und Textpiraten

Die Digitalisierung ordnet die Buchbranche neu: Bücher werden zum Rohstoff für E-Books, Handys, Onlinedienste und Suchmaschinen. Verlage, Autoren und Buchhändler kämpfen nun an mehreren Fronten gegen Monopolisten und Piraten.

Ein Umschlag, zwei Deckel, gebundenes Papier: Eben erst wurde das gedruckte Buch wieder mit einem „Welttag“ als kulturelle Errungenschaft gefeiert. Doch in Wirklichkeit haben digitale Technologien das kompakte Ding längst zerfleddert: Bücher werden gescannt, mit Suchmechanismen durchstöbert und zu Download-Files eingeschmolzen. Die Strukturen, auf denen Verlage, Autoren und Händler bislang ihre wirtschaftliche Existenz aufgebaut haben, schmelzen mit dahin.

Verlag als reine Merchandiser?
Autoren fürchten angesichts der jüngsten Entwicklungen um die Verwertungshoheit über ihre Werke, Verlage sehen ihre Kompetenz zur Vermarktung durch einen wachsenden Download-Markt bedroht. Buchläden, die ihr Angebot schon um Hörbücher und E-Reader erweitert haben, konkurrieren über Grenzen mit Online-Händlern. Selbst Antiquare müssen im weltweit vernetzten Versandhandel um bibliophile Kundschaft kämpfen. Die Zukunftsperspektiven wirken teils schon skurril: Verlage könnten sich künftig darauf beschränken, Merchandising-Artikel von Autoren zu verkaufen, die ihre Texte gratis im Internet anbieten, mutmaßte etwa der deutsche Buch-Blogger Leander Wattig.

Streit um Archivverwertung
Im Vergleich zur Musikbranche, die in der Diskussion gern als abschreckendes Beispiel genannt wird, geht es bei der Zukunftsdebatte am Buchmarkt stärker um die Verwertung der Archive, die sich in Hunderten Jahren literarischen Schaffens angesammelt haben. Der gerichtliche Vergleich zwischen Google und US-amerikanischen Autoren- und Verlegerverbänden löste dabei im Herbst 2008 ein Erdbeben aus. Seit 2004 scannt der Suchmaschinen-Gigant die Bestände großer US-Universitätsbibliotheken – ohne die Urheber zuerst um Erlaubnis zu fragen. Nach Protesten von Verlegern und Autoren einigte man sich auf eine Regelung, die als sogenannter „class action suit“ Rechteinhaber weltweit mit einschließt.

60 Dollar pro gescanntem Buch
Bei Büchern, die nach wie vor im Handel erhältlich sind, müssen die Verlage Google ein Nutzungsrecht einräumen. Geschätzte fünf der sieben Millionen bislang gescannten Bücher sind jedoch im Handel vergriffen, ohne dass das Urheberrecht erloschen wäre. Eine weltweite Anzeigenkampagne rief zuletzt Rechteinhaber dazu auf, sich als Teilhaber zu melden: Sie bekommen 60 US-Dollar pro ungefragt gescanntes Buch, bei der weiteren Verwertung durch Google schneiden sie mit 63 % mit. Über die Verwendung der Texte – etwa den Einbau von Werbeeinschaltungen – haben gemeldete Autoren aber keinen Einfluss mehr.

Protest gegen die "Enteignung"
Europäische Interessenvertreter protestieren massiv gegen diese „Enteignung“. „Es ist der größte einseitige Rechtsdeal der Urheberrechtsgeschichte“, sagt Gerhard Ruiss, Chef der IG Autoren in Wien. „Google nimmt uns die Entscheidungsfreiheit der Rechtevergabe.“ Gemeinsam mit der Verwertungsgesellschaft LiterarMechana sowie deren Partnerinstitutionen in Deutschland und der Schweiz haben die Autoren eine Allianz gebildet: Die Verbände wollen ihre Mitglieder gesammelt aus dem Google-Deal herausreklamieren, die Vergütung kassieren und dann kontrolliert wieder einzelne Rechte abtreten.

Treibstoff Buch
Die Angst der Literaturschaffenden erklärt sich durch neue Verwertungsmöglichkeiten in der digitalen Welt, die noch nicht voll absehbar sind. Digitalisierte Bücher sind Treibstoff für Online-Bibliotheken, Datenbanken, E-Books und andere Endgeräte. Ein wenig des Stoffes ist schon heute umsonst abzuzapfen: Bücher, deren Autoren länger als 70 Jahre tot sind, sind frei verfügbar. Google plant jedoch, für urheberrechtlich geschütztes Material Nutzungslizenzen an Bibliotheken und Einzelnutzer zu verkaufen. Die schiere Größe des Unternehmens jagt der Branche Angst ein. „Es besteht die Gefahr, dass irgendwann ein Monopolist die Inhalte hat“, sagt Gerald Schantin, Geschäftsführer der Morawa-Kette und Präsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels (HVB).

Roman als E-Book?
Horrorszenarien der Gebühren-Treiberei sind von wissenschaftlichen Fachzeitschriften bekannt: Das Jahresabo für das „Journal of Comparative Neurology“ etwa kostet eine Uni-Bibliothek 25.910 US-$ (19.840 Euro). Der Markt der Fachliteratur sei für die Digitalisierung besonders empfänglich, bestätigt Schantin. „Wie viele Leute einen 400-Seiten-Roman als E-Book lesen werden, wissen wir noch nicht.“
Spätestens seit der Einführung von Amazons Lesegerät Kindle in den USA und Sonys E-Book-Reader PRS-505 ( im Bild ) in Europa nimmt die Buchbranche das E-Book sehr ernst. In den kommenden fünf Jahren dürften E-Books einen Anteil zwischen drei und fünf Prozent am Markt für Belletristik erlangen, schätzt der Experte. Anders als beim Hörbuch würden E-Books aber nicht als Zusatzprodukt, sondern als Ersatz für das gedruckte Werk gekauft.

Angst vor unkontrollierter Verbreitung
Noch hat der heimische Buchhandel den Vertrieb der Lesegeräte in der Hand, über Downloadportale stehen derzeit rund 1.200 Bände bereit. Auf der Website der Kette Thalia empören sich Leser allerdings schon über die Preisgestaltung: Mancher Bestseller kostet dort gleich viel wie die Hardcover-Version – die Buchpreisbindung gilt auch für E-Books. Ob der Buchhandel die Kontrolle am digitalen Markt behalten kann, ist keineswegs ausgemacht. Schon jetzt lassen sich pdf- und Text-Files leicht in das Sony-kompatible „epub“-Format umwandeln. Dem Schreckensszenario, in dem ein Monopolist die Verbreitung digitaler Literatur weltweit kontrolliert, steht eines gegenüber, in dem der literarische Treibstoff ohne Rücksicht auf Rechteinhaber zirkuliert.

460 Mio Euro für Bücher
Laut media control GfK stagnierten 2008 die Umsätze des heimischen Buchhandels, von 2006 auf 2007 waren die Umsätze noch um 3,8 Prozent gestiegen. Hörbücher, ein Wachstumsmarkt mit zweistelligen Zuwachsraten, machten 2008 insgesamt 2,4 Prozent des Gesamtumsatzes der Buchbranche aus. Im Jahr 2007 – dem letzten, für das absolute Zahlen vorliegen – gaben die Österreicher insgesamt 460 Mio. Euro für Bücher aus. Dass das Buch stirbt, glaubt niemand so recht – Menschen hielten einfach gern ein Buch in der Hand, bestätigen die Experten. Nicht gesagt ist aber, dass Leser ihre Bücher beim Händler ums Eck kaufen.

Online-Handel boomt
Der Marktanteil des Online-Handels lag vor fünf Jahren noch bei rund zwei Prozent, heute seien es zwölf bis 13 Prozent – obwohl heimische Buchhändler Werke gleich schnell liefern könnten, wie Branchenvertreter Schantin betont. Doch selbst erklärte Bücherwürmer ziehen die Vergleichsmöglichkeit im Netz oft dem Weg zum Händler vor. Der Wiener Softwareentwickler Wolfgang Franek hat mit seiner Site eurobooks.com das Modell von geizhals.at auf die Buchbranche übertragen: eurobooks leitet Suchanfragen an diverse Anbieter – darunter Größen wie Amazon und libri.de, aber auch an Antiquariate und Kleinhandlungen – weiter. Klickt der User auf das Angebot eines Partners und kauft dort, kassiert eurobooks Provision.

Umwälzung im Antiquariatsbuchhandel
Die deutsche Firma ZVAB, die eine ähnliche Suchmaschine nur für Antiquariate anbietet, schätzt, dass in Deutschland 350 Mio. Euro allein mit alten Büchern umgesetzt werden. Auch Amazon und Privatverkäufer auf eBay fischen in diesem Segment. „Der Antiquariatsbuchhandel hat dadurch die größte Umwälzung seiner Geschichte erfahren“, sagt der Händler Richard Jurst, der bis 2006 das Antiquariat „Buch & Wein“ in Wien leitete. Wer als Antiquar überleben wolle, müsse entweder mit teuren Raritäten handeln oder versuchen, im Billigsegment mit großem Lagerbestand in den Online-Handel einzusteigen.

Klassischer Nahversorger
Er selbst verließ sich seit jeher nicht auf Buchverkäufe: Herzstück seines Unternehmens waren Lesungen, bei denen Tickets und Getränke verkauft wurden. Der „Buch & Wein“-Chef ist heute nur mehr im Nebenjob als Veranstalter tätig: Seinen Brotberuf übt Jurst mittlerweile im Buchladen „Am Spitz“ in Wien-Floridsdorf aus, einem Shop mit Angeboten für jene, die nur ungern beim Online-Händler kaufen. Diese klassischen Nahversorger, sagt Jurst, seien nach wie vor zukunftsträchtig: „Wir sind einfach ein Kommunikationszentrum.“

Von Michael Huber

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