Bollywood und Social Web: Österreich entdeckt sich selbst als Filmstandort

Seit Österreichs Filmschaffende mit internationalen Auszeichnungen überhäuft werden, ist das ehemalige Stiefkind Film auf dem Weg zu „Everybody’s Darling“. Auch Politik & Wirtschaft werben international für das Filmland Österreich.

Mumbai. Blitzlichtgewitter im Mekka der indischen Filmindustrie. In der Lobby eines Luxushotels stehen Männer in Business­anzügen und Frauen mit blassem Teint, umringt von Medienvertretern. Filmstars aus Hollywood? Politiker aus Europa? Eigentlich beides, denn Stefan Ruzowitzky ist Österreichs – bis dato einziger – Oscarpreisträger im Regiefach, Reinhold Mitter­lehner ist Wirtschaftsminister und Josef Pröll Vizekanzler und Finanzminister eines EU-Landes. Nur, was führt die Herrschaf­ten zum Gipfeltreffen in die Metropole des Hindi-Films? Den Arbeitsbesuch auf dem indischen Subkontinent nutzte die prominent besetzte Politdelegation, um für „Location Austria“ zu werben.

James Bond brachte Millionen
Der Name der österreichi­schen Film Commission ist Programm. In den vergangenen 13 Jahren konnten mehrere internationale Filmproduktionen für einen Dreh in die Alpenrepublik geholt werden. So turnte vor zwei Jahren Daniel Craig als James Bond durch die „Tosca“-Kulisse der Bregenzer Festspiele und bescherte dem Ländle Rekordbesucherzahlen und eine Medienberichterstattung im Wert von mehreren Millionen Euro. Allein während der 17 Tage dauernden Dreharbei­ten profitierte die Region von 3,8 ­Millionen Euro direkten Ausgaben. Ein monetärer Erfolg, den es zu wiederholen gilt. Dafür macht das Wirtschaftsministerium einiges locker: Bis 2012 wird der Filmstandort Österreich mit zusätzlichen 20 Millionen Euro gefördert. Zwar wurden für den österreichischen Film auch bisher Bundesmittel von 41,4 Millionen Euro (2008) zur Verfügung gestellt, aber die Vergabekriterien beruhten bisher nur auf ­künstlerischen Aspekten und Juryentscheidungen. Dies soll sich nun ändern, denn eine nachhaltige­re Wirkung versprechen sich die Initiato­ren von der Einbeziehung wirtschaftlicher und touristischer Kriterien. Minister Mitter­lehner dazu in Mumbai: „Wir erhoffen uns davon eine Stärkung unserer international anerkannten Filmwirtschaft. Zudem wollen wir mehr Koproduktionen aus dem Ausland anlocken.“

"Bergvermietung nicht ausreichend"
In Indien fällt die ­Ankündigung auf fruchtbaren Boden: Mit mehr als 1.000 Filmproduktionen pro Jahr hat Bollywood das glamouröse ­Hollywood als Traumfabrik längst überholt. Rund 2,5 Milliarden US-Dollar setzte die indische Filmindustrie 2007 – hauptsächlich auf dem Heimatmarkt – um. Österreichs Filmwirtschaft nimmt sich mit einem Gesamt­umsatz von 667,67 Millionen Euro (2008) dagegen wie ein Entwicklungsland aus. Seit Oscarpreisträger Ruzowitzky nicht nur über einen Namen, sondern auch über eine Stimme in der heimischen Filmindus­trie verfügt, fordert er mehr finanzielle und koordinierte Förderungen: „Das Vermieten der Berge kann nur einen Teil dazu beitragen, Österreich als Filmland zu posi­tionieren, die Entwicklung einer ­filmischen Infrastruktur muss folgen.“ Der Grund, war­um sich Ruzowitzky gerne vor den Werbe-Karren spannen lässt und nicht nur im tropi­schen Mumbai wirbt, sondern auch bei dem Urlaubsspot der Österreich Werbung Regie führte, liegt auf der Hand: „Österreich soll heimischen Filmschaffenden ein ideales Sprungbrett bieten, aber auch Gründe, immer wieder in Österreich zu drehen.“

Mit einem Fuß in Bollywood
In Bollywood hat Österreich also bereits einen Fuß in der Tür. Die Tiroler Bergwelt lockt schon seit Jahren mit intakter Natur und funktionierender Infrastruktur indische Filmproduktionen ins Land – eine richtige Großproduktion mit Stars wie Shah Rukh Khan oder Aishwarya Rai war allerdings noch nicht darunter. Denn so einfach sind die exotischen Crews nicht zu ­beherbergen. „Dreharbeiten verursachen immer einen immensen Aufwand. Die Bereitschaft und das Verständnis, auf kulturelle Unterschie­de einzugehen, müssen gegeben sein“, klärt Johannes Köck, Leiter der Cine ­Tirol, auf. Filmleute sind keine Urlauber, viele Tourismusverbände glauben aber, mit der Ankündigung einer internationalen Filmproduktion wäre die Arbeit erledigt. Der Rest dreht sich sozusagen von selbst, wie der „Werbemotor“ eben auch. Weit gefehlt, selbst große Namen und Millionenbudgets sind kein Garant für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg.

Filmfinanzierung durch Mikrobeiträge
Weil staatliche Förderungen und Produzentengelder oft nicht ausreichen, um Filme zu entwickeln, zu finanzieren und zu vermarkten, hat sich der ehemalige ORF-Mitarbeiter und Filmproduzent Roman Tolic ein neues Geschäftsmodell überlegt. Seit vier Jahren entwickelt Tolic gemeinsam mit Experten ein „Social Network for ­Filmmaking“. Das Online-System für netzbasierende Filmwirtschaft sieht eine Finanzierungsmöglichkeit mittels Mikro-Beiträgen vor. Generiert werden diese über Social Communitys. Tolics Start-up Hercules Filmnetwork hat bereist die Jury der Initiative „Go Silicon Valley“ überzeugt. Mit dem Sprung über den Teich will Tolic Investoren finden, um sein Projekt auf dem internationalen Markt zu positionieren. „Ich bin sehr stolz darauf, als eines von 20 österreichischen Hochtechnologie-Projekten vom Business Accelerator ausgewählt worden zu sein“, meint der gebürtige Belgrader.

Demokratisierung der Filmwirtschaft
Sein Ziel: „Durch diese neue Form der Finanzierung von Filmen tragen wir zur Demokratisierung der Film- und Medienwirtschaft bei.“ Bevor sich der Filmprofi mit seinem Projekt nach Silicon Valley begibt, sucht er allerdings noch nach einem Partner: „Wir benötigen einen starken Partner, der uns als österreichi­sches Unternehmen bei den Verhandlun­gen mit großen Investoren unterstützt. Es gibt bereits potenzielle Partner aus dem Telekom-Bereich.“ Tolics Pokerface mag zwar film-, aber noch nicht spruchreif sein.

Romana Kanzian

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★