Bob Dylan ist 70: Walter Gröbchen über einen Musiker, der Generationen prägte

Die Medien-Festspiele zum 70. Geburtstag Bob Dylans lassen die Popkultur-Ikone ungerührt. Oder doch nicht? WALTER GRÖBCHEN über Status und Status quo des bedeutendsten Singer-Songwriters der Jetztzeit.

Es bedarf eigentlich keines besonderen Aufhängers, sich an Bob Dylan ab- und das Œuvre des Mannes intellektuell aufzuarbeiten. Robert Alan Zimmerman, am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota, geboren und unter dem bekannten Pseudonym zum Leitstern der Popkultur aufgestiegen, ist seit jeher ein beliebtes „object of desire“ für Lagerfeuersitzungen, Textexegesen und verschworene Dichter- und Denkerzimmer-Runden.

Sogar in der Universitätsbibliothek Klagenfurt findet sich eine Magisterarbeit über „Die surrealen Elemente in den Texten Bob Dylans“. Eines von unzähligen Werken der Sekundärliteratur, die der Meister selbst im Vorfeld seines 70. Geburtstags trocken kommentierte: „ Everybody knows by now that there’s a gazillion books on me either out or coming out in the near future. So I’m encouraging anybody who’s ever met me, heard me or even seen me, to get in on the action and scribble their own book. You never know, somebody might have a great book in them. “

Den Anstrengungen der Rock ’n’Roll-Buchhalter und Dylan-Interpreten tut der Spott des Meisters keinen Abbruch. Sie tragen und trugen insbesondere seine frühen Songs vor sich her „wie ein süditalienisches Dorf die mumifizierte Zehe ihres lokalen Heiligen bei einer Prozession, die von der Kirche zu den Weinkellern führt“, wie der Blogger Bernhard Torsch spitz formulierte.

Hier, in der Fan-Hemisphäre des Internets, ist den hauptberuflichen Kritikern und Musikwissenschaftlern eine deutungsmächtige Konkurrenz erwachsen. „Blog Blog Bloggin’ On Heaven’s Door“ dürfte rund um den Dylan-Feiertag deutlich erhöhte Zugriffszahlen erreichen. Und das bei einer Generation, die die herausragende Rolle des Song-Poeten gerade mal als historischen Abriss nacherzählen kann. Oder Hymnen wie „Like A Rolling Stone“ – vom gleichnamigen Magazin anno 2004 zum „besten Song aller Zeiten“ gekürt – oft nur mehr vom Hörensagen kennt. Ach ja, der alte Bob mit der krächzenden Stimme.

Ewiger Säulenheiliger

Der Legendenstatus ficht aber den notorischen Legendenstatus-Verweigerer und unermüdlichen Live-Darsteller seiner selbst nicht weiter an. Oder doch? Bei Konzerten, die Dylan im April dieses Jahres in Peking, Shanghai und Hongkong gab, wurden Vorwürfe laut, die US-Ikone – von einigen Journalisten in ihren anklagenden Artikeln hartnäckig als „Protestsänger“ geführt – hätte sich von den chinesischen Behörden zensurieren lassen. Und sich etwa nicht zur Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei geäußert. „Dylan schwieg zunächst“, so der „Rolling Stone“, „wie er es eigentlich immer tut.“ Dann aber fand sich auf der offiziellen Homepage www.bobdylan.com ein Statement, das das Schweigen unterbrach. Es gab keine Zensur, so Dylan, die Konzerte seien gut besucht gewesen, und zwar hauptsächlich von jungen Chinesen, nicht von US-Veteranen. Nur die Darstellung in den einheimischen Medien als ewiger Sixties-Säulenheiliger – zusammen mit Joan Baez, Che Guevara, Jack Kerouac und Allen Ginsberg – sei ihm ziemlich auf den Geist gegangen. Und letztlich sinnlos gewesen: Den Konzertbesuchern von heute sagten diese Namen nichts.

„Bob Dylan möchte die Rolle als Gewissen der Nation, ja der ganzen westlichen Welt, die er aufgrund von zwei Alben Anfang der Sechzigerjahre aufgebürdet bekam, endlich abgeben“, vermutet „Rolling Stone“-Autor Maik Brüggemeyer. Dieses Resümee wird – mindestens in der Apostelgemeinde im World Wide Web – nicht unwidersprochen bleiben. Denn einerseits hat Dylan nie strikt das „Gewissen der Nation“ gegeben, weder in seinen ernst- noch schalkhaftesten Phasen. Oder sagen wir so: Der Ball blieb beim Hörer, der Sänger selbst ließ alle Interpretationen offen.

Das ist ein nicht geringer Teil des nachhaltigen Reizes und der Sprengkraft der metaphern- und drogenschwangeren, provokant verrätselten, für Popverhältnisse ungemein komplexen Poesie Dylans. Die lustvolle Verstörung der Erwartungshaltung seines Publikums zählte immer zu den Trademarks des Singer-Songwriters: vom Bruch mit der zart besaiteten Folk-Community beim Newport Festival 1965 („Play it fucking loud!“) über die christliche Fundamentalisten-Phase Ende der Siebzigerjahre bis zur Veröffentlichung wunderlicher Weihnachtsliederalben („Christmas In The Heart“, 2009).

Ewig junger Bob

Doch solche Hakenschläge, die Dylan immer auch dem eigenen Klischee entkommen ließen, unterhöhlen nicht den Status des vielleicht einflussreichsten Musikers des 20. Jahrhunderts. Im Gegenteil. Die lächerliche Gewissensfrage „Beatles oder Rolling Stones?“, die heute noch in diversen Foren und Organen der Popkultur durchexerziert wird, lässt sich mit einem lakonischen Verweis auf His Bobness abschmettern.

In der „Rolling Stone“-Liste der „500 besten Alben aller Zeiten“ ist Dylan mit zehn Alben vertreten, darunter zwei in den Top Ten – okay, die Beatles haben insgesamt elf Alben in diesem papierenen Pantheon geparkt, aber die Urheberschaftsdebatte zwischen Lennon- und McCartney-Parteigängern spricht einmal mehr für den großen Einzelgänger. 2008 erhielt Dylan den Pulitzer-Sonderpreis. Nur der Literatur-Nobelpreis steht noch aus. Seit Jahren, nein: Jahrzehnten. Aber auch das dürfte Mr. Zimmerman herzlich egal sein. Wie der weltweit wogende Weihrauchduft zum Siebziger. Anyway: Keep on rollin’, uralter, ewig junger Bob.

Bob Dylan Symposium: von 19. bis 21. 5. im Amerikahaus; u. a. mit Wolfgang Kos und Doris Knecht. Info: dylanvienna.at
Tribut Concert: Fr., 20. 5., 20.30 Uhr, Bunkerei.

- Walter Gröbchen

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