Biz mit Biss: Warum Dracula und seine Verwandten einfach nicht totzukriegen sind

Am 16. 9. feiert im Wiener Ronacher das Musical „Tanz der Vampire“ Wiederauferstehung. Auch im TV, auf der Kinoleinwand und am Buchmarkt erweisen sich Vampire als unsterblich. Warum uns die Blutsauger gerade in Zeiten der Krise faszinieren.

Ängstlich weicht der Kassierer vor dem Mann in Camouflage-Hemd und Trucker-Kappe zurück, als dieser einen Six-Pack auf den Tresen stellt. Es ist kein Bier, das der Redneck-Südstaatler da kaufen will. Es ist „Tru Blood“ – synthetisches Blut. In „True Blood“, dem neuen Serienhit des US-Fernsehsenders HBO, sind Vampire im Jetzt angekommen und kämpfen nun darum, als ganz normale Mitglieder der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Hilfreich ist dabei natürlich der neue Drink, der die sonst so blutgierigen Untoten davon abhalten soll, sich an ihren Mitmenschen zu vergehen. Anders als im Ur-„Dracula“ von Bram Stoker, der alte Mythen im späten 19. Jahrhundert zu einem Roman verwob, sind die neuen Vampire keine zurückgezogenen Finsterlinge mehr, denen mit Kruzifix, Pfahl und Knoblauch auf den Leib gerückt werden kann. Sie haben Jobs, zahlen Steuern und verhalten sich auch sonst unauffällig. Abgesehen davon, dass man sie tagsüber nie zu Gesicht bekommt.

Bissfeste Erfolge
Die Serie des Senders HBO, der schon mit „Sex and the City“ oder „Six Feet Under“ Trendgespür bewies, ist nur die Spitze eines wieder entflammten Vampirkults. Bereits nach der zweiten Folge entschied man sich, der hohen Einschaltquoten wegen, eine zweite Staffel zu produzieren. Auch auf der Leinwand sorgen die Untoten derzeit für ein todsicheres Geschäft. So spielte „Twilight“, die erste Verfilmung der Vampirsaga von Bestsellerautorin Stephenie Meyer, weltweit bislang 384 Mio. $ ein. Der Filmstart des Sequels „New Moon“ ist für November anberaumt. Drei der bislang aus vier Romanen bestehenden „Bis(s)“-Buchserie von Stephenie Meyer befinden sich auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Weltweit verkaufte die 35-jährige Mormonin 70 Millionen Stück ihrer Romane und wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Auch Anne Rice und der russische Autor Wiktor Pelewin reüssieren mit Blutsaugern am literarischen Markt. Detto auch der mexikanische Erfolgsregisseur Guillermo del Toro, der derzeit für seinen trashig aufgemachten Debütroman „Die Saat“ (Heyne) gefeiert wird.

Un-Totentanz
Ein Genre-Dauerbrenner ist auch die Musical-Fassung von Roman Polanskis Transsylvanien-Persiflage „Tanz der Vampire“ ( im Bild ). Nach zwölf Jahren kehrt das Grusical nun nach Wien zurück. Premiere ist am 16. 9. im Ronacher. Auch hier hat man den Trend der Zeit erkannt und präsentiert eine überarbeitete Fassung mit neuem Bühnenbild, neuen Kostümen und: neuem Ende. Graf Krolock ist, wie Regisseur Cornelius Baltus betont, „ein moderner“ Gruftphilosoph geworden: „Euch Sterblichen von morgen prophezeie ich jetzt und hier: Sobald euer nächstes Jahrtausend beginnt, ist der einzige Gott, dem jeder dient, die unsterbliche Gier.“ Damit erklärt der Vampir wohl selbst bestens den Hype um sich und seine unsterblichen Verwandten: Neben Immobilienhaien und Heuschrecken ist der gierige Vampir zum Sinnbild der Wirtschaftskrise geworden. „In der Ökonomie kann es nicht nur Gewinner geben. Irgendwer muss der Ausgesaugte sein“, verweist Wirtschaftspsychologe Alfred Lackner auf die Analogie zwischen Wirtschaftskrise und medialer Vampir-Präsenz. Mit dieser Erklärung steht der Psychologe nicht alleine da. Auch der Wirtschaftscoach Michael Schmitz sieht in der unendlichen Gier der Investmentbanker eine Allegorie auf ausbeutende Vampire. „Prämien kassieren, Kunden zu waghalsigen Entscheidungen drängen – mancher Anlageberater saugt seine Klientel unbarmherzig aus.“

Wie du und ich
Rainer Maria Köppl, Österreichs einziger universitärer Vampirforscher, analysiert seit Jahren, warum Dracula in unserer aufgeklärten und entmystifizierten Gesellschaft nicht totzukriegen ist, und wartet auch mit anderen Erklärungsmodellen auf: „Die Figur ist stärker denn je, weil die neuen Blutsauger als Menschen wie du und ich inszeniert werden und dennoch anders sind. In Serien wie ‚True Blood‘ wird via Vampir z. B. auch die Frage, wie man mit potenziell gefährlichen Minderheiten umgeht, behandelt.“ Umgemünzt heißt das, es spielen immer auch Ängste vor dem Fremden mit, wie der Professor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft ausführt: „Immigranten als Vampire, die ins Herz Europas kommen, um unseren Sozialstaat anzuzapfen“ (siehe Artikel ) .

Schöner Sauger
Gleichzeitig hat sich das Vampir-Bild radikal gewandelt, vom Zombie zur attraktiven Figur. „Der magere, schicke Vampir ist zum Schönheitsideal im verfetteten Amerika geworden und verkörpert den neuen Puritanismus, der sich mit Kunst- und Tierblut begnügt“, so Köppl. Ein Snob unter den Monstern, gebildet, aristokratisch, weltgewandt, ewig jung – und: finanziell unabhängig. Eine Top-Immobilie dient als Gruftersatz. Kurzum ein Mann, von dem sich Frauen gerne „nehmen“ lassen. Ein Rollback in Sachen Frauenbild? Diesen Vorwurf muss sich zumindest Erfolgsautorin Stephenie Meyer für ihre „Bis(s)“-Tetralogie gefallen lassen, in der sie die Heldin auf den untoten Retter warten lässt. „Wirklich realitätsfern ist das nicht“, merkt hingegen „Tanz der Vampire“-Regisseur Cornelius Baltus ironisch an. „Frauen wollen Sicherheit und schätzen gut situierte Herren. Für einen Platz auf einer Yacht an der Côte d’Azur lässt man sich doch gerne aussaugen.“

Von Manfred Gram, Michaela Knapp und Lukus Wagner

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