Belvedere-Chefin Agnes Husslein über den Museumsstandort Wien

Die aktuellen Besucherzahlen belegen: Das Interesse an Kunst wächst. Belvedere-Chefin Agnes Husslein über den Museumsstandort Wien und warum es gar kein Zuviel an Ausstellungen geben kann.

Während die Österreich Werbung gerade um ihr Image kämpft, darf sich der Wien-Tourismus freuen. Dieser Tage ziehen die Wiener Museen Bilanz. Auch wenn die Topliste der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Wiens erst Anfang März veröffentlich wird, lässt sich bereits jetzt festhalten: Es war ein sehr erfolgreiches Jahr für die Ausstellungshäuser. „Das Interesse an Kunst wächst, auch die Jugend wird immer offener“, freut sich etwa Bevedere-Chefin Agnes Husslein.

Nicht nur in der erfolgsverwöhnten Albertina oder im Kunstforum (wo vor allem der Ansturm von 362.000 Besuchern bei der Frida-Kahlo-Schau für Jubel sorgte) – auch im Belvedere verzeichnet man heuer selbst im Vergleich zum bisher bestbesuchten Jahr 2008 (mit 807.283 Besuchern) einen Publikumsanstieg. Kommende Woche präsentiert Husslein ihre Bilanzpressekonferenz.

Die resolute 56-jährige Kulturmanagerin geht heuer ins fünfte Jahr ihrer Amtszeit und kann auf allen Ebenen gute Ergebnisse vorweisen. Sie hat die Marke Belvedere aus dem Dornröschenschlaf geweckt und dem Haus ein neues Profil gegeben. So findet sich im Oberen Belvedere die Sammlung mit den Klassikern des Hauses von Klimt bis Schiele, während das Untere Belvedere mit Sonderausstellungen belebt wird. Derzeit etwa mit der auch international gefeierten Valie-Export-Personale. Damit komme sie, so Husslein, ihrem erklärten Ziel, das Belvedere zum Kompetenzzentrum österreichischer Kunst zu machen, Schritt für Schritt näher. Das Konzept geht nicht nur wissenschaftlich, sondern auch wirtschaftlich auf. „Wir sind das Haus mit der niedrigsten Basisabgeltung und der höchsten Eigendeckung.“ (2009: 56,2 Prozent).

Prestigeprojekt des heurigen Ausstellungsjahres ist aber zweifellos die Fertigstellung des 20er Hauses. Von 1962 bis 2001 war der von Architekt Karl Schwanzer für die Weltausstellung in Brüssel 1958 entworfene Pavillon das erste Museum moderner Kunst in Wien. Adolf Krischanitz hat das Architekturjuwel um 31,3 Mio. Euro revitalisiert und ausgebaut. Geht alles nach Plan, wird das 20er Haus am 20. 9. – auf den Tag genau 49 Jahre nach der Ersteröffnung – wiedereröffnet. Und damit, so Husslein stolz, „endlich auch ein Ort für die österreichische zeitgenössische Kunst im internationalen Kontext, also für die Kunst nach 1945 bis heute. Das hat in Wien gefehlt.“

Damit hat das Belvedere auf einen Schlag 2.500 Quadratmeter mehr Ausstellungsfläche zu bespielen, die Kosten dafür müssen aber aus dem eigenen Budget abgedeckt werden. Die für Juni geplante Schau mit Arbeiten der deutschen Starfotografin Candida Höfer wird daher aus Einsparungsgründen abgesagt. „Dieses Jonglieren“ sei aber nur für den Eröffnungsbetrieb vorstellbar, für den weiteren Betrieb müsse es eine Erhöhung der Basisabgeltung geben, betont Husslein. Immerhin sind im 20er Haus neben der Präsentation der Sammlungsbestände auch drei Sonderausstellungen pro Jahr geplant.

Hochwertiges Angebot

Während in anderen internationalen Metropolen Ausstellungshäuser vor der Schließung stehen, herrscht in Wien reges Leben in der Szene. So wird etwa intensivst ein Standort für den Neubau des Wien Museums gesucht. „Ich finde toll, was derzeit in Wien passiert. Es gibt international kaum eine Stadt, wo man auf kleinem Raum so viele hochwertige Museen findet“, analysiert Husslein. „Aber die Stadt definiert sich natürlich auch über Kunst und Kultur. Das ist ein enormer Wirtschaftsfaktor.“

Die Angst vor einem Zuviel an Angebot sehe sie nicht, vielmehr sollte man die ewige Fragestellung „Wie viele Museen braucht Wien?“ zur Frage „Welche Museen braucht die Stadt?“ konkretisieren. Es gehe dabei vor allem um profilstiftende Konzepte. „Die Besucher müssen weltweit wissen, was im jeweiligen Museum zu sehen ist und wofür ein Haus steht.“ Die neue Museumsordnung hat diesbezüglich noch nicht zu den gewünschten eindeutigen Positionierungen geführt. Seit zwei Jahren arbeitet Husslein mit ihrem Team etwa an einer großen Egon- Schiele-Schau, die sich explizit nur mit Selbstporträts und Porträts beschäftigt (ab 17. 2.).

Ab 22. 9. zeigt auch das Leopold Museum eine Schiele-Großausstellung „Ich sehe die Sammlung Leopold als ein Privatmuseum mit interessanten Schiele-Beständen, aber auch dieses Haus wird einmal Profil zeigen müssen durch seine Ausstellungspolitik“, kommentiert das Husslein trocken. Sie vertraut auf konstruktive Absprachen mit dem zukünftigen künstlerischen Leiter des Hauses, der bis Juni gefunden werden soll.

Frauenpower

Auch mit der durch die Museumsordnung ins Leben gerufenen DirektorInnen-Konferenz sei sie sehr zufrieden. Da sei das Klima derzeit besonders gut. Vielleicht liegt das ja auch an der ausgewogenen Besetzung in der heimischen Museumslandschaft. Von der neuen Mumok-Leiterin Karola Kraus über Nationalbibliotheksherrin Johanna Rachinger, KHM-Generalin Sabine Haag bis zur neuen Chefin des Jüdischen Museums, Danielle Spera, oder Ingried Brugger im Kunstforum liegt die Kunst in Frauenhänden. Und die greifen derzeit kräftig durch.

Karola Kraus nimmt im Mumok in der Zeit vom 30. 5. bis 9. 9. Adaptierungen in der Größenordnung von 2,7 Mio. vor, Sabine Haag treibt im KHM den Umbau der Kunstkammer voran, und Danielle Spera bringt nach dem Museum am Judenplatz nun auch das Palais Eskeles auf den neuesten Stand der Ausstellungstechnik. Das Klima unter den Damen ist sehr gut, wie Agnes Husslein betont: „Frauen arbeiten strukturiert und organisiert, mit hoher emotionaler Intelligenz und Sensibilität. Da gibt es keine Befindlichkeiten. Es wird alles konstruktiv ausdiskutiert. Und das tut der Museumslandschaft sehr, sehr gut.“

– Michaela Knapp

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