Austrokrimi: Mit Wortwitz und Skurrilität sprengen Österreichs Autoren das Genre

Mit einer abgründigen Kitzbühel-Story und einem unkonventionellen Ermittler liegt Neuentdeckung Georg Haderer im Trend heimischer Krimiautoren, denen es schon lange nicht mehr um den klassischen Whodunit geht.

„Klar war ich dort“, gibt Georg Haderer unumwunden mit breitem Grinsen zu. Die Rede ist von Hansi Hinterseers Bergmesse in Kitzbühel, die dieser Tage mit über 10.000 Besuchern alle Rekorde brach. Immerhin habe der Hansi am gleichen Tage Geburtstag wie er, und die Massenwanderung auf den Hahnenkamm sei einfach ergreifend. „Die Natur ist schön, alle sind fröhlich und Hinterseer selbst charmant und freundlich, vielleicht naiv, aber in jedem Fall: authentisch. Hinterseer hat einfach den Blick auf die der Sonne zugewandte Seite, ich beschäftige mich mit den Schatten und zeige halt, wer auf der Rückseite des Berges abstürzt.“ Genauer gesagt: hängt. Mit einem am Gipfelkreuz des Karstein aufgespannten Toten beginnt der Krimi von Georg Haderer, das Debüt des 36-jährigen Kitzbühlers. „Schäfers Qualen“ zeigt die Reibungsfelder zwischen den Giergeiern der Region und den Grünliberalen, spart nicht mit Wortwitz und skurrilen Bildern und reiht sich damit nahtlos in die Riege der heimischen Autoren, die das Genre Krimi längst um einen literarischen Mehrwert bereichert haben und nicht mehr nur auf die Actionzutaten eines konventionellen Pageturners setzen. Vielmehr geht es bei den Austrokrimi-Neuerscheinungen des Herbstes um stilistische Raffinesse und den Blick hinter Idyllen und Klischees.

Blick fürs Detail
Das Böse hinter der malerischen Melancholie zwischen den Weinkellern zeichnet etwa Alfred Komareks Polt-Krimis aus, Thomas Raab lässt seinen Willibald Adrian Metzger in einer Kuranstalt auf allerlei schräge Vögel treffen, und Heinrich Steinfest liefert in gewohnter sprachlicher Brillanz groteske wie hintersinnige Betrachtungen zum Neustart eines Pornostars. Den Blick für absurde Details schätz man auch an Georg Haderers Krimi. Sein Polizeiermittler Johannes Schäfer ist gebürtiger Kitzbühler, aber als Major der Kriminalpolizei längst in Wien ansässig. Für einen Fall in seinem Heimatdorf allerdings schickt man den unkonventionellen Denker vor Ort, um die Skepsis der Einheimischen abzubauen. „Aber die Vergangenheit ist ein Hund, und wenn sie zubeißt, lässt sie einen nicht mehr los“ – das bekommt auch der „komplexe Organismus“ Schäfer zu spüren. Er ist ein Zer­rissener, zweifelnd, rastlos in jeder Be­ziehung, auch was die Frauen betrifft. „Der Glaube an die Arbeit“, so der Autor über seinen Helden, „ist ja nicht weit weg von einem religiösen Glauben.“ Als Typus in einer Verfilmung sehe er den Schäfer als jungen, schroffen Moretti, „mit einer gewissen Eitelkeit und einem ordentlichen Vogel.“ Mit viel Lokalkolorit skizziert ­Haderer die Abgründe hinter Skilehrerschmäh und Wirtshauscharme, thematisiert die Geldgier der Tourismusbranche wie das psychopathische Verhalten mancher regionaler Manager und hat zudem für Kenner jede Menge Zitate aus der Kriminalliteratur eingebaut.

Aus der Schublade
Band zwei aus der eben erst aus der ­Taufe gehobenen „Schäfer“-Reihe liegt bereits fertig in der Lade und wird wieder in Wien spielen. Denn, so Haderer, „Verharren an einem Schauplatz zeugt doch eher von der Trägheit der Schaffenden.“ Das wäre auch Haderers Sache nicht: Dem elterlichen Betrieb gerecht werdend, hat der Abbrecher eines Germanistikstudiums seine Ausbildung als Schuhmacher abgeschlossen, weitere Berufserfahrungen als Journalist, Skilehrer und Barmann gesammelt, um als Texter in der Werbebranche zu landen. Den ersten Satz zu seinem Krimi hatte er schon lange im Kopf. Der klassischer Whodunit hätte ihn aber nie interessiert. „‚Kriminalroman‘ bezeichnet heute nur noch eine Schublade für den Markt“, ist sich Haderer sicher. „Ein Verbrechen und wie man damit umgeht ist ja per se ein gesellschaftspolitisches Thema. Den Leser fasziniert am Krimi dasselbe wie an jedem guten Roman: Er findet Menschen in außergewöhnlichen Situationen mit Konflikten, in denen sie sich bewähren müssen. Da fiebert man halt mit. So gesehen sind ‚Ödipus‘ oder ‚Schuld und Sühne‘ eigentlich auch Krimis.“

Von Michaela Knapp

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