Ausstellung: 'Chalo! India.' verschafft einen Überblick über Indiens bunte Kunstszene

Ob Joga, Hightech oder Bollywood – Indien boomt. Eine Überblicksschau zeitgenössischer Kunst im Essl Museum gibt nun Gelegenheit, Klischees über das Land zwischen Kaste und Kapitalismus zu hinterfragen.

Die raumgreifenden Skulpturen von Subodh Gupta werden mit großer Vorsicht aufgebaut. Der 45-jährige Künstler gilt mit seinen Installationen von Milchkannen und Tellern aus glänzendem Stahl bereits als der Damien Hirst Indiens. Er transformiert Ikonen des indischen Alltags wie das in Aluminium gegossene Allerweltsauto Ambassador oder Küchen­utensilien zu Fetischobjekten und ist mit seinem Œuvre der Blickfang angesagter Kunstmessen. ­Einen Raum weiter stapelt Nataraj Sharma Käfige für seine skulptu­rale „Air Show“ bis an die Decke des Museums. Mittendrin: Karlheinz Essl, in angeregter Diskussion mit den angereisten Künstlern. „Die Ausstellung ist auch für mich ein ­Experimentierfeld“, erklärt der Sammler und Museumschef (im Bild mit Bharti Khers Elefant aus
Fiberglas)
.

Essls aufwändigste Schau
„Chalo! India.“ (Ersteres bedeutet auf Hindi so viel wie „Los geht’s!“) zeigt 100 Werke von 27 Künstlern aus ganz Indien und ist die bisher umfassendste Überblicksschau aktueller indischer Kunst in Europa. Entstanden ist sie in über zweijähriger Vorbereitungszeit in Zusammenarbeit mit dem Mori Art Museum in Tokio. Und es ist die bisher aufwendigste Schau in der zehnjährigen Geschichte des Hauses, zumal die indischen Künstler alle Techniken von der Malerei bis zur aufwendigen Medieninstallation ausreizen. Allein der Versicherungswert für den Riesenelefanten, der das Entree der Schau schmückt, beläuft sich auf zwei Millionen Euro. Die Figur der Künstlerin Bharti Kher ist in mehrfacher Hinsicht prototypisch für den neuen Boom-Markt. Kher ist eine indischstämmige Britin, die Anfang der 1990er-Jahre von London nach Indien auswanderte. Der Durchbruch gelang ihr mit Bildern aus Bindis – jenen Tupfen, die sich (verheiratete) Frauen auf die Stirn kleben oder malen – und exotischen Tieren und Frauenfiguren aus Fiberglas. Ihr Beitrag zur Essl-Schau, „The Skin Speaks a Language Not Its Own“, zeigt einen gerade erwachenden weiblichen Elefanten als Symbol für die erwachende Wirtschaft (im Bild) .

Hungrig nach Farben und Exotik
Nach China schielt der Kunstmarkt nun auf Indien, ist sichtlich hungrig auf Farbenrausch und Exotik einer Region zwischen Kaste und Kapitalismus. Man kennt Namen wie den in Bombay geborenen Anish Kapoor, der mit seinen Materialskulpturen aber längst zu den Briten gerechnet wird, ebenso wie den derzeit in der Kunsthalle ausgestellten Raqib Shaw, der schon 2007 mit Sensationspreisen von 3,8 Mio. € für Aufmerksamkeit sorgte. Arbeiten von Subodh Gupta oder Bharti Kher sind seit Anfang 2000 zwischen Venedig und São Paulo präsent. „Wenn die Kuratoren der documentas und Biennalen in ein Land auf Visite kommen, um ihre Künstlerlisten zusammenzustellen, ist es das erste untrügliche Zeichen dafür, dass eine Nation auf der globalen Karte der Kunst verstärkt wahrgenommen wird“, analysiert Karlheinz Essl.

Ist Indien das neue China?
Im August 2008 hat mit The Devi Art Foundation das erste private zeitgenössische Kunstmuseum in New Delhi eröffnet, und auch der New Yorker Galerist Peter Nagy betreibt dort mittlerweile eine Galerie. Innerhalb kurzer Zeit haben die Künstler aus Indien an Wert zugelegt. In Bangalore, New Delhi und Mumbai hat sich eine vitale Szene entwickelt. Weltweite Sammler stärken nun den in Indien schon längst vorhandenen Markt auch international. Ist Indien also das neue China am Kunstmarkt? Die Situation sei nicht zu vergleichen, betont Essl. „China ist eine Diktatur, Indien die älteste Demokratie in Asien. In China gab es keine Möglichkeit, religiöse Traditionen auszuleben, in Indien ist das ein wesentlicher Teil der Gesellschaftsordnung“, differenziert Essl, der das Land als Geschäftsmann wie Sammler bereist hat. „China ist die Werkbank der globalisierten Welt, während Indien für Hightech steht. Die Ambivalenz zwischen globalisierter Kunst und Verankerung in der Tradition finde ich spannend.“

Hinterfragung der Klischees
„Chalo! India.“ zeigt großteils Arbeiten von in Indien lebenden Künstlern. Das Künstlerduo Thukral und Tagra, das mit 30 Jahren zu den Jüngsten zählt, beschäftigt sich in plakativen Rauminstallationen mit den Wünschen junger Inder. Man mischt ­Popart und Bollywood, schöpft einerseits aus der kulturellen oder nationalen Symbolik, andererseits aus den sozialen Umwälzungen, die die Verbreitung westlicher Lifestyles mit sich bringt. Was die Nachhaltigkeit dieser Arbeiten am Markt betrifft, wird sich laut Karlheinz Essl, der sich schon mit seiner Schau über die Balkan-Kunst, „Blut & Honig“, als Trendsetter erwies, erst eine Elite herausbilden, die dann im Diskurs eine ­Rolle spielen wird. „Aber solche internationalen Auftritte wie ‚Chalo! India.‘ sind wichtig als Kick-off, um zu zeigen, wer diese indischen Künstler sind, und um Klischees zu hinter­fragen.“

Von Michaela Knapp

Indische Kunst-Schauen:
Essl Museum: „Chalo! India.“ dokumentiert mit über 100 Arbeiten von 27 Künstlern eine neue Ära indischer Kunst und ist die erste umfassende Überblicksschau in Europa. Eröffnung: Di., 1. 9., 19.30 Uhr.
Kunsthalle Karlsplatz:  „Absence of God“ nennt der indisch-britische Künstler Raqib Shaw seine Schau glamouröser wie böser Skulpturen und Bilder. Bis 27. 9.
Galerie Krinzinger:  Auch die Wiener Galeristin setzt auf junge Inder und zeigt derzeit Arbeiten von Anant Joshi oder Tushar Joag.

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