Arnulf Rainer: "Ich fürchte mich, schlechte Bilder zu hinterlassen“

Im Dezember feiert Arnulf Rainer seinen 85. Geburtstag. Ab dem 3. September zeigt die Albertina eine Rainer-Retrospektive. In seinem Badener Museum zeigt er noch bis zum 5. Oktober eine Gemeinschaftsausstellung mit Damien Hirst. Im Interview mit FORMAT Redakteurin Michaela Knapp räsoniert der Malstar über den Kunstmarkt, die Sammlung Essl, seine Rückenschmerzen und die Wichtigkeit eines geglückten Pinselstrichs.

Arnulf Rainer: "Ich fürchte mich, schlechte Bilder zu hinterlassen“

Format: Das heurige Jahr steht ganz in Ihrem Zeichen, gekrönt von Ihrem 85. Geburtstag im Dezember. Sehen Sie all den Ausstellungen, dem Jubel und Trubel um Ihre Person mit Freude oder Skepsis entgegen?

Arnulf Rainer: Maler sind keine Medienstars, da sie nur "einsam“ arbeiten wollen. Die Ausstellungen sind für sie Nebenbeschäftigung. Ich freue mich aber, wenn eine Ausstellung gut kuratiert und optisch spannend gestaltet ist. Ich mache das nie selbst. Erkläre mich dazu auch nicht öffentlich - so wie ein Clown nicht seine Darstellung oder ein Dichter seine Gedichte kommentiert.

Wie wichtig sind Ihnen internationale Präsenz und internationale Anerkennung? Sie sind ja auch einer der wenigen heimischen Künstler, die neben Franz West, Erwin Wurm und Valie Export in internationalen Rankings zu finden sind.

Rainer: Präsenz und Anerkennung sind natürlich für jeden Künstler relevant. Alter heißt aber auch Rückzug, bzw. der Blick "darüber hinaus“. Man verschafft sich Abstand oder vergräbt sich, soweit es gesundheitlich geht, in noch mehr Arbeit oder sinniert einfach vor sich hin.

Wie geht es Ihnen mit den Altershandicaps? Überlegt man sich genauer, in welche Arbeit man Zeit und Kraft investiert?

Rainer: Man hat zunehmend Altershandicaps. Ich übersehe keine größeren Bildflächen mehr. Die Vigilanz nimmt ab. So habe ich mich auf kleinere Formate zurückziehen müssen und kümmere mich nicht mehr um Kommunikation und Organisation. Gedächtnis und Zusammenhangsdenken schrumpfen, der Rücken schmerzt. Böse Blicke anderer erschrecken, und die Müdigkeit breitet sich immer mehr aus. Die Furcht, schlechte Bilder zu hinterlassen, peinigt mich.
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Arnulf Rainer, der Übermaler. Der am 8. Dezember 1929 geborene Arnulf Rainer beschäftigte sich bereits in den 50er-Jahren mit spätsurrealistischen Tendenzen und Kruzifikationen, ehe er sich Anfang der 1960er-Jahre auf Übermalungen konzentrierte und auch mit Malerei unter Drogen und Alkoholeinfluss experimentierte. Bereits 1989 hatte er als erster lebender österreichischer Künstler eine Soloshow im New Yorker Guggenheim Museum. Seine Werke hängen in den wichtigsten Museen weltweit. Im "Kunstkompass“-Ranking der weltweit erfolgreichsten Künstler belegt er aktuell Platz 65.
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Nach Jahren spekulativer Easy-on-the-eyes-Kunst scheint es einen Wandel zu geben: Man schätzt wieder Technik und Handwerk. Auch die Malerei wird wieder neu bewertet. Sie haben schon in den 1950er-Jahren Thesen zur zentralen Aufgabe der Malerei formuliert. Was macht für Sie heute die Kraft der Malerei aus?

Rainer: Wie schon immer die Stärke der Formerfindung und die Vielfalt der Phantasie. Man sehnt sich aber nicht mehr nach Wucht und Kraft, sondern nach einer geglückten "Ganzheit des Werkes“.

Wie geht es Ihnen mit Ihrem Frühwerk? Hat alles davon für Sie heute Bestand?

Rainer: Es sind die gesuchtesten Bilder.

Sie haben in einem Interview gesagt: "Ich interessiere mich nur dafür, meine Bilder zu verbessern.“ Wann ist ein Bild für Sie gelungen? Wann können Sie es aus dem Atelier entlassen?

Rainer: Gelungen? Wenn ich nicht mehr weiß, wie ich es kraftvoller oder "schöner“ machen kann, höre ich auf. Manchmal weiß ich das aber erst nach fünf bis zehn Jahren - und arbeite daran weiter.

Frage an den "Übermaler“: Welche Sujets sind es wert, bearbeitet bzw. übermalt zu werden? Inspiriert die Katastrophe mehr als die Idylle? Frauen mehr als Männer?

Rainer: Früher habe ich Groteskes und "Katastrophisches“ geliebt. Heute vor allem schöne Gesichter, also Frauen oder Geo- und Mikrostrukturen. Und einiges andere, das ich aber nicht verraten will.


Arnulf Rainer , "Es", 1970/1973

Sie haben sich immer kritisch mit dem Kunstmarkt auseinandergesetzt, auch eine Quadratzentimeter-Preisrechnung für Kunst vorgeschlagen. Ihre eigenen Arbeiten rangieren im besten Preissegment. Hätten Sie zu Ihren Anfängen damit gerechnet, nach den anfänglichen Protesten ein Aushängeschild der heimischen Kunstszene zu werden?

Rainer: Meine Bilderpreise berechne ich im Atelier nach Größe und dem Entstehungsjahr. Deswegen Quadratzentimetersysteme und Datierungen. Sonst wird alles zu willkürlich und stimmungsbehaftet. Am Anfang glaubt natürlich jeder Künstler, dass sich Qualität durchsetzt, an Aushängeschilder glaubt er aber selten.

Wie sehen Sie generell den heute überhitzten Kunstmarkt, auf dem international teilweise nicht mehr nachvollziehbare Preise gezahlt werden? Stehen da Preis und Wert noch in irgendeiner Relation?

Rainer: Man gönnt den lebenden Kollegen nie höhere Preise. Aber sie ziehen die anderen dann auch nach, mich eingeschlossen. Ob Preise das Werk auf einen Sockel stellen oder einen Schleier darüber werfen, ist mir nicht klar. Da fragen Sie besser Damien Hirst …

Wie haben Sie die Diskussion um den Verkauf der Sammlung Essl wahrgenommen? Sie sind ja selbst mit sehr vielen guten Arbeiten dort vertreten.

Rainer: Essl hat die Diskussion leider dadurch erschwert, dass er unbedingt weiter Museumsdirektor sein wollte. Die etablierten, erfahrenen Museumsdirektoren sahen in ihm aber nur einen konkurrenzierenden Amateur ohne Ausbildung et cetera und beurteilten dann halb bewusst seine Sammlung danach. Ihre Sammlungen sind aber, was die österreichische Kunst betrifft, meist auch nicht viel besser. Ich hoffe, dass einmal eine österreichische Nationalstiftung entsteht. Die Banken sollten die besten Werke auslösen und dieser Stiftung leihweise zur Verfügung stellen.

Sie haben viele Jahre als Professor an der Akademie unterrichtet - wie nehmen Sie die heutige Künstlergeneration wahr? Viele junge Künstler scheinen ja das Marketingkonzept vor dem ersten Werk zu haben.

Rainer: Die "heutige“ Künstlergeneration, in der es natürlich auch gute und weniger gute gibt, kenne ich nicht genügend, um dezidierte Meinungen zu haben. Marketingkonzepte schaden aber nicht, wenn man "Marktstrukturen“ wirklich erkennt. Das ist aber fast ebenso schwierig wie das Malen selbst.

Sie sind einer der Topnamen der heimischen Kunstszene, haben aber selbst mehrfach betont, sich nicht als österreichischer Künstler zu sehen, sondern als europäischer …

Rainer: Weil ich bei meinen Atelierstandorten, meinen Ausstellungen und Sammlern immer europäische Bezüge gesucht habe. Im Gegensatz zum amerikanischen Denken war mir die europäische Kunst- und Geistesgeschichte immer wichtig.

Sie sind keiner, der sich in der Seitenblicke-Gesellschaft oder der üblichen Kunstcrowd herumtreibt, verbringen seit 15 Jahren die Wintermonate auf Teneriffa und leben auch den Rest des Jahres zurückgezogen in Oberösterreich. Was schätzen Sie an dieser Zurückgezogenheit bzw. was lockt einen Arnulf Rainer noch aus dem Haus?

Rainer: Ich muss natürlich beruflich Besorgungen machen und habe durchaus auch einen Freundes- und Bekanntenkreis, und ich schaue mir gerne Ausstellungen an. Solange ich aber noch gesund genug bin, arbeite und arbeite ich. Ein geglückter Pinselstrich ist mir das Wichtigste im Leben.

Seit 2009 haben Sie in Ihrer Geburtsstadt, Baden, ein eigenes Museum, in dem man sich Ihrem Werk widmet. Wie kam es zur Kooperation mit Damien Hirst?

Rainer: Das Ausstellungskonzept des Museums ist so, dass ein erfahrener Kurator, der mein Werk gut kennt, gewählt wird und der dann, wie ein Regisseur, einen zweiten Künstler vorschlägt. Es gibt zwei Ausstellungen pro Jahr. Diesmal entschied sich Rudi Fuchs für Damien Hirst. Ich bin selber sehr neugierig, wie er die Gegenüberstellung bewältigt. Ich komme erst zur Eröffnung ins Haus und lasse mich überraschen.

Eigenes Museum, vielfältiges Werk, internationale Anerkennung - welche Wünsche bleiben da noch, was juckt Sie noch, künstlerisch umzusetzen?

Rainer: Ich habe nur eine kleine Anzahl von neuen Ideen. Wenn ich sie schon vorher öffentlich bespreche, freuen sie mich nicht mehr. Sie gehen sozusagen verloren, bevor ich sie in Bildern ausdifferenziert habe.

Abschließende Frage: Wie wünscht sich Arnulf Rainer seine Geburtstagsfeier?

Rainer: Ich werde zu dieser Zeit nicht mehr in Österreich sein. Ein Frühstück genügt mir, abends esse ich sowieso nicht gerne. An Feiertagen arbeite ich aber besonders glückhaft.

Ausstellungen:

Damien Hirst / Arnulf Rainer
Durcheinander / Commotion

Das Arnulf Rainer Museum im Frauenbad Baden zeigt erstmals Malerei des britischen Künstlers Damien Hirst in Österreich. Damien Hirsts Serie „Two Weeks One Summer“ werden ausgewählte Arbeiten Arnulf Rainers aus sechs Jahrzehnten gegenüber gestellt.
bis 5. Oktober
Arnulf Rainer Museum, Frauenbad
Josefsplatz 5, 2500 Baden

Arnulf Rainer
Die Albertina würdigt den international renommierten Künstler anlässlich seines 85. Geburtstages mit einer umfassenden Retrospektive, in der wesentliche Stationen seines komplexen Schaffens mit Schlüsselwerken präsentiert werden.
Eröffnung: 3. September 2014
Ausstellungsdauer: bis 8. Februar 2015
Albertina, Wien
Albertinaplatz 1, 1010 Wien

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