Architektur für die Kunst: Niederösterreichs Kulturstätten können sich sehen lassen

Museen für Nitsch und Rainer, ein Klangturm für Sankt Pölten, ein Wolkenturm in Grafenegg – ein neuer ­Architekturband dokumentiert Bauten für die schönen Künste in Niederösterreich. ­Landeshauptmann Erwin Pröll erklärt, wie er sein Kulturland in den kommenden Jahren weiter aufrüstet.

Die Hochzeitsfeierlichkeiten vor zwei Wochen waren ein voller Erfolg. Da nutzte Übermalstar Arnulf Rainer sein im Septem­ber eröffnetes Museum im Ba­dener Frauenbad für ein bis in den Blumenschmuck auf den Marmor farblich abgestimmtes Fest für seine Tochter. Zu seinem 80er am 8. 12. weilt der unermüdliche Künstler längst auf Teneriffa, seinem winterlichen Zweitwohnsitz. Für Besucher des Museums gibt es zur Feier des Tages freien Eintritt für die Eröffnungsausstellung, welche die Relevanz von Rainers Frühwerks 1949 –1961 demonstriert. Für zwei Millionen Euro wurde die ehemalige Badeanstalt in Rainers Geburtsstadt von der Architektengruppe Lottersberger-Messner-Dumpelnik subtil ad­aptiert und auf 600 m 2 stimmige Fläche in den Marmorsälen des klassizistischen Bades wie in den ehemaligen Umkleidekabinen geschaffen. Nach Hermann Nitsch, der 2007 mit einem eigenen Haus in Mistelbach geehrt wurde, hat nun auch Arnulf Rainer sein eigenes Museum in Niederösterreich.

Finanzspritzen beleben kulturelle Landschaft
300 Millionen Euro hat man in Österreichs größtem Bundesland in den letzten 15 Jahren in Bauten für die Künste investiert. So auch der Titel ei­nes neuen Bandes über zeitgenössische Architektur in Niederösterreich, der am 11. 12. von Erwin Pröll präsentiert wird. „Ich habe lieber, man blickt mit Neid als mit Mitleid nach ­Niederösterreich“, freut sich der Landeshauptmann. Dass man gerade in Niederösterreich mit Aufsehen erregender Architektur mediale Meter macht – noch nie sind so viele Bauten entstanden wie in den letzten zwei Jahrzehnten –, führt er neben den auf­gestock­ten Mitteln – das jährliche Kulturbudget beträgt rund 130 Millionen; zum Vergleich: Bei Prölls Amtsantritt im Jahr 1992 stand man bei 41,5 Millionen Euro! – vor allem auf die ausgegliederte Organi­sation zurück: die NÖ Kulturwirtschafts GmbH, eine Holding, unter deren Dach rund 30 vom Land geförderte Einrichtun­gen vereint sind. „Ein Kulturbetrieb“, so Pröll, „stößt in der herkömmlichen Verwal­tung an Grenzen. Bei dieser Abwicklung geht es Zug um Zug, wir sind knapp, aber mit der entsprechenden Beweglichkeit organisiert. Was die finanziellen Ressourcen anlangt, haben wir deshalb einen Schwerpunkt auf die kulturelle Infrastruktur-Aufrüstung gelegt, weil ich denke, dass man mit offensiver Kulturpolitik auch dem Land ein unverwechselbares Profil geben kann.“ – „Kultur bedeutet Arbeit für viele und Werte für alle, auch für die nächsten Generationen“, betont Pröll sein Motto.

Nicht alle Konzepte stoßen auf Begeisterung
Dass die Idee, auf breiter Ebene Schwellen­angst zu nehmen, nicht immer reibungslos ab­läuft, zeigte sich in Mistelbach. Das Museumszentrum, das dort im Mai 2007 eröffnet wurde und von archipel architektur + kommunikation für rund vier Millionen Euro in eine ehemaligen Maschinenfabrik integriert wurde, beherbergt zwei Museen – das Nitsch Museum und „Lebenswelt Weinviertel“. Die klosterartige Anlage mit einer Fläche von 6.100 m 2 ist nach wie vor umstritten und sorgte für emotionale Diskussionen. Trotzdem ist es das größte monografische Museum Nitschs und war Juli diesen Jahres Schauplatz der Uraufführung seiner Symphonie „Die Ägyptische“. Den nicht immer berauschenden Besucherzahlen so mancher neuen Institution steht Pröll gelassen gegen­über: „Wir kalkulieren bei diesen Bauten nicht nur den touris­tischen Aspekt mit ein, ­sondern auch den regional­politischen. Es kommt nicht in erster Linie auf die Besucher­zahlen an, es geht vor allem um die Belebung der regionalen Kulturszene. Ich bin überrascht, wie schnell man heute mit Kulturarbeit Breite gewinnen kann.“ Zu einem ­unumstritte­nen Publikumsmagneten hingegen hat sich das Musikfestival Grafenegg entwickelt. Ein Lieblingsprojekt des Landeshauptmannes, der hier sein Anliegen von der Harmonie zwischen traditioneller und moderner Archi­tektur verwirklicht sieht. Der von der Architektengruppe nextENTERprise errichtete 23 Meter hohe „Wolkenturm“ gilt längst auch international als Attraktion. Er schärft, so die Architekturkritik einhellig, nicht nur das akustische Empfinden der ­Zuhörer, sondern wohl auch deren Augensinn.

"Kultur kann niemals und nirgends gesättigt sein"
Museen für Nitsch und Rainer, ein Kunstforum für Frohner, ein Filmarchiv in Laxenburg, eine mobile Tribüne in Haag – „wenn attraktive Kultur ­geboten wird, ist das nur ­Motivation zur Innovation im Menschen“, unterstreicht Pröll seinen Ansatz, dass „niemals und nirgends Kultur gesättigt sein kann“. Er ist schon mit neuen Projekten bemüht. Es gelte, so Pröll, auch für das Œuvre von Zeitgenossen wie Karl Korab oder Linde Waber eine Heimstätte zu finden. Man arbeite gerade an der Konzeption für ein gemeinsames ­Museum. „Mir ist auch wichtig, dass wir die Wachau-Maler wie Erich Giese oder Wilhelm Schwengler in ihrer Tradition nicht aussterben lassen.“ Dazu soll schon bald ei­ne Art Wachau-Maler-Nachwuchsförderzentrum in Weißenkirchen entstehen. Man wolle, so der Landesvater, mit den angeführten Kulturbauten für einzelne Regionen ein neues Wahrzeichen schaffen: 650 Tonnen Stahl und ca. 1.000 m 2 Glas hat etwa Architekt Ernst Hoffmann bei dem 1996 errichteten Klangturm (im Bild) verarbeitet. Mit einer Gesamthöhe von 77 Metern ­bietet er St. Pöltens schönste Aussichtsterrasse, mit dem Panoramalift oder über 280 ­Stufen erreichbar. „Ich habe schon in meiner ­frühesten Jugend eine Sensibilität für dörfliche Architektur und bauliche Struktur gehabt. Es geht ja nicht nur darum, Kultur­erbe zu revitalisieren, sondern auch – mit Blick auf die Zukunft – darum, was wir hin­zugefügt haben und wonach man un­seren kulturellen Standard dereinst bewerten wird.“ Oder, wie Arnulf Rainer selbst­sicher formuliert: „Als Pionier muss man der Kunst permanent Grenzgebiete ein­verleiben. Nach einer Anzahl von Jahren bekommt das dann von selbst Schönheit.“

Michaela Knapp

Buchtipp: Bauten für die Künste. Der Architekturband über NÖ (Springer, € 34,95) ist ab 12. 12. im Handel.

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