Antony Hegarty im Porträt: Der Paradies­vogel hat seinen Platz im Pop gefunden

Antony Hegartys Stimme erweicht Steine. Mit Antony and the Johnsons veröffentlicht er nun sein drittes Album und kommt im Frühling nach Österreich.

Es ist der Karriere wohl nicht eben abträglich, wird man von einer Größe wie Lou Reed als Gastsänger auf Tournee mit­genommen – vor allem dann, wenn man zu dem Zeitpunkt ein unbeschriebenes Blatt ist. 2003 widmete sich Reed mit seinem Songzyklus „The Raven“ dem Schaffen Edgar Allan Poes, und besagten Liederreigen galt es in erweiterter Form auf die Bühne zu bringen. Allabendlich dabei war eine leicht korpulente, gleichsam androgyne Gestalt, die mit Engelsstimme den alten Velvet-Underground-Song „Candy Says“ intonierte, ein Stück über den von Andy Warhol geförderten Transvestiten Candy Darling.

"Transgender Kid"
Jener Sänger firmierte nur unter seinem Vornamen: Antony. Die Entscheidung, ausgerechnet ihn eine Ode an eine Dragqueen singen zu lassen, kam nicht von ungefähr. Schon in jungen Jahren trug er mit Vorliebe Mädchenkleider, tanzte für seine Freunde und bezeichnete sich später als „Transgender Kid“ – ein weibliches Wesen, gefangen im Körper eines Mannes, gesegnet mit einer Stimme, die sich schwer einordnen lässt. Schwarz? Weiß? Männlich? Weiblich? Und wie alt überhaupt? Vergleiche kann man viele anstellen, treffend ist keiner. Bestenfalls zum Soul eines Otis Redding oder dem Timbre einer Billie Holiday lassen sich Parallelen ziehen. Wobei dieses Organ nicht immer gewürdigt wurde. In Interviews gibt Antony gern zum Besten, dass ihm in der Schule gesagt wurde, dass er wohl Musik lieben würde; allein: Sein Können würde nicht mit seinem Enthusiasmus übereinstimmen.

Make-up in der Surferstadt
Geboren wurde Antony Hegarty, so sein voller Name, 1971 im englischen Sussex. Seine katholisch geprägte Familie wechselte öfters den Wohnort, 1977 etwa ging es nach Amsterdam. Die Zeit, die der kleine Antony dort verbrachte, bezeichnet er heute gern als die unbeschwerteste seiner Kindheit. Ganz anders erging es ihm, als die Hegartys 1981 nach San Diego, Kalifornien, zogen. Das Klima war nicht nur mild, sondern auch konservativ – ein Umfeld, nicht unbedingt ideal für einen künftigen Paradiesvogel. „Ich war ein Alien aus einer anderen Dimension“, gab er gegenüber dem „Guardian“ zu Protokoll. Kein Wunder: Antony hatte langes Haar und trug Make-up und entsprach so gar nicht den Klischees eines Jungen in einer Surferstadt. Ein wenig einfacher wurde es für ihn, als er als Teenager zum Grufti mutierte, ließ die Gothic-Szene der Achtzigerjahre doch gern die Grenzen von Identitäten und – zumindest äußerlich – Geschlechterrollen verschwimmen und frönte dem weiblichen Prinzip.

Selbstzerfleischende Anfänge
1990, nachdem er das College beendet hatte, zog Antony nach New York, um an der dortigen Universität Experimentelles Theater zu studieren. Langsam, aber sicher wurde er Teil der schwulen Subkultur des Big Apple. In einem Club ­namens Pyramid trat er jeden Abend mit ­einer Performancegruppe auf, die Musik dazu schrieb er selbst. Irgendwann realisierte er, dass er nicht vom Fleck kam, konzentrierte sich auf die Musik und trat mit einer Begleitband auf – Antony and the Johnsons waren geboren. Die Songs aus Antonys Feder waren zunächst teils ihn selbst zerfleischende, teils anklagende Piano-Balladen, die Romantizismus ebenso viel schulden wie Gospel, Soul und, wenig verwunderlich, experimentelleren Tönen. Als im Jahr 2000 das selbst betitelte Debüt erschien, sorgte es in erster Linie in Insiderkreisen für Aufmerksamkeit. So gelangte ein Exemplar in die Hände des eingangs erwähnten Lou Reed, was Antony einige Türen öffnen sollte. Dennoch war er zu dieser Zeit außerhalb der schwul-lesbischen Szene weitestgehend unbekannt. Nichtsdestotrotz machte er sich mit seiner Band unverzagt an die Aufnahmen seines zweiten Albums – und nachdem endlich eine Plattenfirma gefunden war, sollte der Durchbruch gelingen.

Ermutigung in Moll
„I Am A Bird Now“, herausgebracht im Februar 2005, erzählte von Unsicherheit, vom Umgang mit Identitäten, dem Leben als Mensch zwischen den Geschlechtern. „One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful girl / But for today I am a child, for today I am a boy“, heißt es in einem Schlüsselsong, an anderer Stelle singt Antony über die Hoffnung, im Moment des Todes nicht allein zu sein. Dass der Titel „Hope There’s Someone“ mittlerweile gern auf Beerdigungen gespielt wir, behagt dem Sänger, Pianisten und Songwriter ganz und gar nicht: „O Gott, das klingt wie ein Alptraum. Das ist ein Song für die Lebenden, kein Tribut an die Toten.“ Überhaupt sind Antonys oft in Moll gehaltene und melancholisch gefärbte Kunstlieder keineswegs hoffnungslos, sondern ermutigen Andersartige, zu ihrem Ich zu stehen. Dass dieses zweite Album zum Erfolg wurde, haben Antony and the Johnsons sicherlich der Tatsache zu verdanken, dass es in diversen Blogs hymnisch gefeiert wurde; den britischen Mer­cury Prize zu gewinnen trug auch dazu bei. Nicht unwesentlich war aber wohl der Auftritt einiger Gäste auf „I Am A Bird Now“: Mentor Lou Reed gab sich ein Stelldichein, außerdem Antonys Idol Boy George, Poptragöde Rufus Wainwright und Freak-Folk-Ikone Devendra Banhart. Eine halbe Mil­lion Exemplare wurden verkauft – in Zeiten von legalen wie illegalen Downloads eine beachtliche Leistung.

Oden an die Natur
Mittlerweile ist Antony Hegartys Stimme aus dem Pop unserer Tage nicht mehr wegzudenken: Er sang unter anderem mit Marianne Faithfull, Bryan Ferry, Björk und zuletzt gar mit Herbert Grönemeyer; außerdem war er für das Neo-Disco-Projekt Hercules and Love Affair als Vokalist tätig. Dass er mit den Johnsons dennoch die Zeit fand, ein neues Werk fertigzustellen, grenzt dabei fast an ein Wunder.
„The Crying Light“ knüpft nicht unbedingt an das vorangegangene Werk an. Klar, die zehn Titel werden abermals von behutsamen Pianoklängen und dieser einzigartigen Stimme dominiert. Die Arrange­ments sind aber weniger üppig, Gastauftritte gibt es auch keine. Der gravierende Unterschied ist aber ein inhaltlicher: Statt über die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft und zwischenmenschliche Belange zu lamentieren, widmet sich Antony diesmal der Natur – beziehungsweise ihrem Untergang durch den Raubbau seitens der Menschheit: „I need another world / This one’s nearly gone.“ Bei allem Defätismus bleibt uns zumindest eines: die Schönheit dieser Stimme, wie aus ­einer anderen Welt.

CD und Termine
Auf dem dritten Album von Antony and the Johnsons gibt Sänger ­An­tony Hegarty einmal mehr den Schmerzensmann. Diesmal beklagt er zu sanften, fast kammermusikalischen Tönen eindringlich den Raubbau an der Natur und ihren drohenden Untergang. „The Crying Light“ (Edel) erscheint am 16. Jänner. Live erleben kann man das Stimmwunder am 1. Mai im Rahmen des Donaufestivals in Krems.

Von Christian Kisler

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