André Hellers neues Showtheater feierte in München Weltpremiere

André Hellers neues Showtheater hatte in München Weltpremiere. „Magnifico“ ist ein grotesker Bilderrausch, der alles will – und vieles kann. Im November kommt das Programm nach Wien.

Das Wort Geduld prangt quer über der Bühne, zusammengebaut aus den Körpern der Schattenspieler der Gruppe Pilobolus, löst sich effektvoll auf, der Vorhang fällt – und: Ein Rausch an Farben und beeindruckenden Bildern hebt an. Da galoppieren von Lichterketten illuminierte Pferde über die Bühne, da balanciert ein Kamel zum Radetzkymarsch, während ein Kentaurenballett von einer Hip-Hop-Formation niedergetanzt wird.

Eine Jongleuse spaziert hoch über dem Publikum kopfüber die Decke entlang, und die Spinne Adelheid jodelt aus vollem Herzen: „Leopold, du Herzensbua, i sing dir jetzt an Bledsinn vur.“ Man ist Teil eines Traumes und inmitten des neuen Projektes „Magnifico“ von André Heller.

18 Millionen Euro hat das Spektakel gekostet, das der Gesamtkunstwerker auf Bitte seines Produzenten Marcel Avram erdacht und gestaltet hat. Eine atemberaubende Show mit Pferden hat sich der Mann, der alle Shows von Michael Jackson betreut hat und auch mit Heller schon viele Projekte durchlitten hat, von diesem gewünscht. Und „Magnifico“ ist eine Show mit Pferden geworden, durchaus. Wenn auch keine Pferdeshow der herkömmlichen Güteklasse.

Pegasus an Stelle von Fury

In Hellers magischem Kosmos geht’s naturgemäß nicht um Fury, Cowboys oder Musketiere, da sind muskulöse Kentauren, das Trojanische Pferd oder das geflügelte Ross Pegasus als Inbegriff der Fantasie angesagt. Als Leitmotiv dient dem Weltenerfinder ein Pferd seiner Kindheit, das der Show den Titel gebende Einhorn Magnifico, dessen Bildnis ihm die Großmutter einst zum Schutz gegen die „angstbeladenen Abgründe in der Anderswelt der Nacht“ ins Zimmer gehängt hat. Heller erzählt nun Magnificos Traum, besser gesagt überprüft, wie so oft in seinen Projekten, die Träume auf ihre Statik in der Wirklichkeit. Für den Zuschauer bedeutet das: echte und unechten Pferde, Artisten und eigens kreierte Fabelwesen, vier Riesenquallen, ein Seepferdchen, zwei Rochen, Gigantenhände, Frösche, Pferdeflüsterer, Schattentänzer oder mit Diabolos jonglierende Mangamädchen.

Da ist die Fantasie mit ihm durchgegangen, könnte man meinen. Mitnichten. „Magnifico“ ist stimmig in der labyrinthischen Logik des Traums. Ein pralles Kaleidoskop voller Aberwitzigkeiten, das alles will: Staunen machen, verzaubern und zu Assoziationen anregen. Heller geht gerne zu weit. Aber die Grenzen des sogenannten guten Geschmackes, wer sollte sie ziehen? Er hat keine Angst vor Kitsch. Im Gegenteil, er setzt ihn gekonnt ein, wie eine eigene Farbschattierung, als Mittel der Selbstironie.

Auf eine narrative Handlung verzichtet Heller an diesem Abend weitgehend und zielt mit seiner höchst theatralen Nummernrevue auf die Schau- und Staunlust des Publikums ab. Wir haben keine Geschichte, nur die vollkommen unlogische Logik des Traums, hat er angekündigt: „Das Außergewöhnliche ist das Normale. In einem Traum kann man einfach alles tun ohne Begründung.“ Erst jüngst hat Andrea Breth im Akademietheater mit ähnlichem Ansatz einen fulminanten Theatererfolg gefeiert. Auch sie setzte bei ihrem irrwitziger Katastrophenreigen „Zwischenfälle“ nach Szenen von Daniil Charms, Georges Courteline und Pierre Henri Cami auf die Dramaturgie des Traums und eine bezwingende Erklärung: „Unter Umständen leben wir in einer Zeit, in der uns mehr der Unsinn zum Sinn führt.“

Dennoch: Vorerst verwirrte Gesichter in der Pause von „Magnifico“. Der Abend ist auch eine Herausforderung. „Ich möchte nicht wissen, wie es in dem drinnen ausschaut“, rätselt eine ältere Dame. Heller spielt mit den Sehgewohnheiten des Publikums, überfordert bisweilen die Aufmerksamkeit in einer berauschenden Dramaturgie aus Licht, Video und Musik. Dieser Abend zeigt aber nicht zuletzt auch, dass der 63-jährige Gesamtkunstwerker immer noch die Nase vorn hat, was Idee und Gefühl für großer Show betrifft. Er hat das Motto „Artisten, Tiere, Attraktionen“ mit neuem Inhalt geladen, indem er Talente, von denen man meint, sie wären längst ausgestorben, wie etwa der altertümliche russische Pierrot – zugereist aus einer verwehten Epoche –, konterkariert mit sensationellen Videos, einbettet in ein Licht-, Sound- und Bühnenkonzept der Extraklasse.

„Magnifico“ ist ein multimediales Spektakel, für das sich André Heller auch einmal mehr als großer Animator erwies: Er hat Künstler zusammengeführt, die aus Traditionellem Neues weben. Und dabei ein hochkarätiges, sich inspirierendes Team zusammengeführt: für das Videodesign etwa das serbisch-kroatische Duo Mileusni´c+Serdrevi´c, für die Lichtinstallation Peter Woodroffe, der schon die Rolling Stones ins rechte Licht gerückt hat. Michael Curry, einer der weltweit gefragtesten Produktionsdesigner, konstruierte die überdimensionalen Figuren, Parviz Mir-Ali, der auch schon Kompositionen fürs Wiener Burgtheater lieferte, war für die Musikmischung aus Walzer, Hip-Hop und Ethnopop zuständig. Und einen weiteren Namen wird man sich nun auch breitenwirksamer merken müssen: Left Boy. Dahinter verbirgt sich Hellers Sohn Ferdinand Sarnitz. Der 22-Jährige, der sich nach einjährigem Tontechnikstudium in New York auch hierzulande in Musikerkreisen bereits einen Namen gemacht hat, lieferte einen Großteil der groovigen Kompositionen.

2.700 Zuschauer feierten die Weltpremiere von André Hellers neuem Showtheater in München mit Standig Ovations. Wie eine Schnecke immer ihr Haus mit sich nimmt, hat Heller auch diesmal wieder eine eigene Landschaft aus sieben Zelten für sein neues Gesamtkunstwerk errichten lassen. Ab November wird „Magnifico“ in Wien Illusionsmomente der Extraklasse liefern. Der Vorverkauf startet bereits am 12. Februar.

– Michaela Knapp

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★