'Am Ende des Tages' macht den Auftakt zu einem starken Kinoherbst

„Jedermann“ Nicholas Ofczarek zwingt im Kino einen Jungpolitiker, sich mit seiner dunklen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Peter Payers Psychodrama ist der Auftakt zu einem starken Kinoherbst mit österreichischen Produktionen.

Dass Nicholas Ofczarek große Gesten zu setzen vermag, zeigt er derzeit auf der Bühne am Salzburger Domplatz als „Jedermann“. Aber auch als neue zentrale Figur des heimischen Filmschaffens sorgt der 40-jährige Burgschauspieler für bleibenden Eindruck. Eben hat er im Waldviertel David Schalkos achtteilige TV-Serie „Braunschlag“ abgedreht. Ofczarek spielt darin einen Discobesitzer, der gemeinsam mit dem Bürgermeister (Robert Palfrader) dem Ort durch eine fingierte Marien-Erscheinung zu Geld verhelfen will. Aktuell ist Ofczarek mit dem Schweizer Alpenmysterydrama „Sennentuntschi“ im Kino präsent, und ab 26. August ist er als kongenialer Gegenpart von Simon Schwarz in Peter Payers Psychokrimi „Am Ende des Tages“ zu erleben.

Der einfache Aufbau der 1,33-Millionen-Euro-Produktion, die sich als feines Kammerspiel on the road entpuppt: drei Personen, zwei Autos, zwei Welten, eine Straße und die gewaltige österreichische Landschaft auf der Fahrt von Wien nach Tirol. Robert (Simon Schwarz), ein aufstrebender wie eloquenter SPÖ-Politiker mit guten Chancen für den Nationalrat, will im Vorwahlkampf ein letztes romantisches Wochenende mit seiner schwangeren Frau Katharina (Anna Unterberger), einer Tiroler Millionärstochter, in den Alpen genießen.

Nach einem Tankstopp sieht sich das Paar einem Verfolger ausgesetzt, der sich durch kein noch so riskantes Fahrmanöver ablenken lässt. Der vermeintliche Stalker entpuppt sich als Roberts Jugendfreund Wolfgang (Nicholas Ofczarek). Ein gemeinsames Essen mit dem ehemals besten Freund aus Simmering, der so gar nicht mehr ins aktuelle Umfeld passt, scheint unvermeidlich. Der lässt sein trauriges Leben zwischen Alkoholentzug, Vorstrafen und Therapie ablaufen. Man tauscht Visitenkarten und ein paar Plattitüden. Eine Umarmung, letzte Grüße. Fertig. „Ich hab’s im Griff“, ist Standardsatz des schon leicht entnervten Jungpolitikers.

Showdown im Chalet

Von wegen. Der Freund erweist sich wie Kaugummi an der Schuhsohle, lässt sich nicht mehr abschütteln, weiß mittels Peilsender immer, wo sein Opfer ist, zwingt es obsessiv und konsequent, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und bringt die Atmosphäre im Wagen des zunehmend die Contenance verlierenden Polit-Hoffnungsträgers zum Kippen. Was ist wirklich vor 23 Jahren zwischen den Freunden passiert? Und: Wer ist die kleine Manuela, in die sich Wolfgang schrittweise mit skurrilen Accessoires aus der Vergangenheit verwandelt? Auch die Ehefrau will’s jetzt wissen. Den Showdown gibt es am Ende des Tages nicht auf der Blutwiese, sondern im Alpenchalet der Millionärstochter. Innerhalb von 24 Stunden hat sich damit das Leben der drei Protagonisten komplett verändert.

„Die Einheit von Raum und Zeit hat mich fasziniert“, formuliert Regisseur Peter Payer die Herausforderung des Projekts. „Man bewegt sich von einem Wohnort zu einem Urlaubsort, und gleichzeitig in die Vergangenheit zurück. Ohne Rückblenden. Die Figuren bewegen sich zudem mit zunehmender emotionaler Anspannung in einer immer steiler werdenden Landschaft auf 3.000 Meter. Da geht es in doppeltem Sinn nicht mehr weiter, außer in den Abgrund. Man muss sich stellen.“

Vom Sicharrangieren & Verdrängen

Der Film spielt, durchaus humorvoll, mit der österreichischen Mentalität des Verdrängens und Sicharrangierens, mit den wiederkehrenden Stehsätzen und jämmerlichen Worthülsen einer PR-Sprache, die längst ihres Inhalts beraubt ist, und der Alles-ist-machbar-Haltung des politischen Apparates. Querverbindungen von Strauss-Kahn über Guttenberg bis zu Uwe Scheuch müssen nicht extra gesucht werden.

„Wir haben uns während der Dreharbeiten immer wieder überlegt, wie weit man die Story glaubwürdig drehen kann. Die Antwort ist: sehr weit. Denn die politische Unkultur ist groß. Speziell in Österreich, wo es auch keine Rücktrittskultur gibt. Aber moralistisch will der Film keinesfalls sein“, wehrt sich Payer gegen den Vorwurf des bemüht moralischen Impetus. „Da wird niemandem aufgezwungen, wer gut oder böse ist.“

Gut, und zwar extrem gut, sind jedenfalls die beiden Protagonisten des Psychoduells, Simon Schwarz und Nicholas Ofczarek, die sich mit Haut und Haar auf die Fallhöhe der Story einlassen. An die 100.000 Zuschauer will man mit der österreichischen Produktion erreichen. Im Vergleich: Rund 197.000 Besucher sahen „Die unabsichtliche Entführung der Elfriede Ott“. Im Schnitt gehen rund 45.000 Zuschauer in heimische Kinoproduktionen.

Für Payer ist die auch international gefeierte Erfolgsgeschichte des heimischen Films daher durchaus ausbaubar: „Es ist nicht nur eine Frage des Geldes oder der Strukturen, sondern vor allem eine des Stellenwerts im allgemeinen Bewusstsein und in der Wahrnehmung der heimischen Medien. Ich bin ein großer Freund des Sports; es soll auch nicht um einen Verteilungswettkampf gehen: Tatsache ist, ein sechster Platz bei einer Europameisterschaft findet garantiert mit einem kleinen Bild auf der Titelseite der Tageszeitungen Platz, eine Nominierung zu einem Filmfestival wird da kaum wahrgenommen, höchstens der Hauptpreis in Cannes. Für eine Kulturnation ein ungleiches Verhältnis.“

Weitere österreichische Filmproduktionen

Whore’s Glory, ab 9. 9.
Regie: Michael Glawogger

Für seine neue Doku bereiste Michael Glawogger die Städte Bangkok (Thailand), Faridpur (Bangladesch) und Reynosa (Mexiko) und porträtiert das jeweilige Rotlichtmilieu vor Ort. Eindrucksvoll und ohne moralisch zu werten, zeigt er eine Parallelgesellschaft, die ihre eigenen Gesetze hat. Zwischen zerplatzten Träumen, traurigen Geschichten und gelebter Solidarität wird klischeefrei und ungeschönt der globale Sexalltag gezeigt.

Michael, ab 2. 9.
Regie: Markus Schleinzer

Der Mittdreißiger Michael ist Versicherungsangestellter und lebt weitgehend unauffällig. Allerdings hält er bei sich im Keller einen Zehnjährigen gefangen. Markus Schleinzer protokolliert staubtrocken den Alltag eines Pädophilen und seines Opfers. Der Film lief im Frühjahr im Hauptbewerb von Cannes.

Wie man leben soll, ab 7. 10.
Regie: David Schalko

David Schalko stellte sich der Herausforderung, den Thomas-Glavinic-Bestseller „Wie man leben soll“ zu verfilmen. Der aberwitzige Stoff um den antriebslosen Tagedieb Charlie, der sich immer wieder in absurden Situationen wiederfindet, gerät zum Stelldichein der heimischen Kabarett- und Schauspielszene (u. a. Josef Hader). Sehenswerter Witz mit Hintergrund.

Atmen, ab 30. 9.
Regie: Karl Markovics

Leben und Tod – es sind die großen Fragen, denen Karl Markovics in seinem Regiedebüt „Atmen“ nachspürt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht der 19-jährige Roman, der nach einer Haftstrafe wieder resozialisiert werden soll und sich mit seiner Herkunft auseinandersetzt.

Mörderschwestern, ab 23. 9.
Regie: Peter Kern

Peter Kern spinnt die Geschichte der Lainzer Todesschwestern weiter und lässt interaktiv über Leben und Tod entscheiden.

Bulb Fiction: Die interessante, ironische Doku von Christoph Mayr beleuchtet die Glühbirne. Ab 16. 9.

Paradies: Ulrich Seidl erzählt über Mutter und Tochter
und ihre Liebes(ab)wege. Herbst 2011.

Anfang Achtzig: Film über Liebe im Alter. Mit Karl Merkatz und Christine Ostermayer. Spätherbst 2011.

Im Keller: Nochmals Ulrich Seidl. Diesmal mit einer Doku über Österreicher und ihre Keller: Herbst 2011.

Der kommende Kinoherbst jedenfalls garantiert ein kräftiges Lebenszeichen der diversifizierten heimischem Filmszene.

– Michaela Knapp, Manfred Gram

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