Alles außer normal: Auslaufmodell Kleinfamilie

Alles außer normal: Auslaufmodell Kleinfamilie
Alles außer normal: Auslaufmodell Kleinfamilie

Vater, Mutter, Sohn und Tochter: Das junge Ideal der aus Liebe gegründeten Kleinfamilie verliert an Wert.

Alles außer normal: Vater, Mutter, Sohn und Tochter - das Ideal der Kleinfamilie wird immer öfter von alternativen Familienformen abgelöst. Patchworking ist der Modebegriff des Jahrzehnts. Individualismus prägt die Kultur. Das Kleinfamilien-Ideal bröckelt.

Er hat einen Sohn aus erster Ehe, sie eine Tochter aus einer losen Verbindung. Heute sind die beiden Eltern von Zwillingen. Seine Ex hat einen neuen Partner, aber kein weiteres Kind. Ihr Ex, mit dem sie eine Tochter hat, ist wiederum mit einer Frau zusammen, die schon einen fast erwachsenen Sohn hat.

Fmilie bedeutet heute oft eine kunterbunte Mischung. Gleichgeschlechtliche Eltern, Patchwork-Komposita, klassische Vater-Mutter-Kind-Verbände. Kein soziales Konstrukt ist emotionaler aufgeladen, öfter Gegenstand politischer Ränkespiele, Ziel, Passion und Untergang des Menschen. Familie ist nicht weniger als ein Grundbedürfnis des Menschen. Trotzdem ist sie einem stetigen Wandel unterworfen.

Family Facts: Alleinerzieher und Geburten

Familie, aber anders

Die klassische Kleinfamilie, die wir heute als Ideal ansehen, ist ein Konstrukt, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dem schnellen Aufstieg der Mittelschicht in Europa und Amerika zu beobachten war. Die Mittelschicht entstand und kam zu Geld und Wohlstand. Großeltern, in den vorigen Generationen noch als Pflege-und Beaufsichtigungskräfte für den Nachwuchs eingesetzt, wurden durch bezahlte Baybsitter und Nannys ersetzt. Das eigene Vorstadthaus mit Gartenzaun und Garage wurde zum allgemeingültigen Lebensziel. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie kurz diese Periode der Kleinfamilie als Ideal war.

Von der Antike an war die Familie ein sozialer Verbund von Menschen, die unter einem Dach lebten und sich durch seine Größe definierte. Im alten Rom war "Familia" noch ein komplett wirtschaftlich geprägter Begriff und umfasste alle Menschen, die einem "Pater familias", dem männlichen Haushaltsvorstand, nahestanden. Dazu gehörten Ehefrau, Kinder, genauso aber uneheliche Kinder, Sklaven und das Vieh. Das Hauptaugenmerk der frühzeitlichen Familie lag eher auf wirtschaftlicher Absicherung und auf Verlässlichkeit als auf Romantik und pädagogisch wertvoller Erziehung des Nachwuchses.

Family Facts: Erstgeburten und Scheidungsrate

Heute ist Familie ein Begriff, der die komplette Bandbreite der postautoritären Gesellschaft ablichtet: Vielfältig, bunt, aber auch furchtbar kompliziert. Noch immer werden 90 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren bei Ehepaaren groß. Allerdings beinhaltet das Ehepaar neben der Normfamilie auch alternative Formen, zu denen neben Stief-, Adoptiv- und Pflegefamilien auch die Patchwork-, die Regenbogen- und die Mehrgenerationenfamilie gehören. Die Familie bewegt sich nicht mehr innerhalb der in den vergangenen Jahrzehnten on Kirche, Werbung und Konsumgesellschaft propagierten Normen.

Junge Idee der Liebe

Wolfgang Mazal, Professor für Soziologie an der Universität Wien: "Die Vorstellung, dass Liebe die grundlegende Eigenschaft einer Ehe und damit der Familie sein soll, hat sich erst in den vergangenen 200 Jahren entwickelt." An dem Zweck der Familie, Sicherheit und wirtschaftlicher Geborgenheit für den Nachwuchs zu sichern, hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: Durch die Industrialisierung und die weitreichende Armut unter weiten Teilen der Bevölkerung gelang es sogar vielen nicht, sich den Wunsch nach einer eigenen Familie zu erfüllen. Sie blieb ersehntes, noch unerreichbares Ziel für viele Knechte, Soldaten und Bauern.

Family Facts: Jungväter und Patchwork-Familien

Im Laufe des 19. Jahrhunderts halfen medizinische Neuerungen, die Mutter-und Kindersterblichkeit zu reduzieren, und die Menschen wurden mobiler. Die Arbeitswelt wurde zunehmend in die Stadt verlegt. Durch gestiegene Mobilität, Landflucht, das rasche Vordringen nichtagrarischer Arbeitsplätze und die bedingte Trennung von Arbeitsplatz und Wohnort löste die Kleinfamilie die Mehrgenerationenfamilie als räumlich enger Verband zunächst in den Städten sukzessive ab.

Individualismus als Game-Changer

Heute ist wieder eine gegenteilige Strömung zu beobachten. "Verbindlichkeit hat in der heutigen Gesellschaft keinen Wert mehr. Das Ausprobieren hat einen höheren Rang", so Soziologe Mazal. Das zeigt sich nicht nur in den Beziehungen, die vermehrt an der romantischen Vorstellung, "bis dass der Tod sie scheide", scheitern. "Der Individualismus, die Suche nach Perfektion und Heterogenität der städtischen Bevölkerung führen zu einer Lebenssituation, die das Verknüpfen zweier Lebensstränge immer schwieriger macht", meint Mazal.

Family Facts: Geburtenrate und Verletzungen bei Kindern

Der deutsche Soziologe Ulrich Beck beschrieb Mitte der Achtzigerjahre in seinem Buch "Risikogesellschaft", wie mit den Individualisierungsschüben alle bisherigen Leitbilder ihre Gültigkeit verloren. Die moderne Gesellschaft katapultiert den Menschen aus einem festgefügten und engen Lebenskorsett in die unendliche und verheißungsvolle Vielfältigkeit. Obwohl die lebenslange, stabile Beziehung nach wie vor das gewünschte und erhoffte Modell ist. In der Realität obsiegt oft das Ego. Das zeichnet sich auch hierzulande innerhalb der Familienstruktur ab.

Kinderlos liegt im Trend

Von knapp 2,4 Millionen Familien in Österreich haben nur 181.000 Familien drei und mehr Kinder -das ist ein Österreichschnitt von 1,67 Kindern pro Familie. Obwohl Ehepaare mit Kindern den häufigsten Familientyp bilden, geht der Trend Richtung Zweisamkeit - gewollt oder ungewollt - ohne Kinder. Für die konstante Rückläufigkeit der klassischen Familie und der durchschnittlichen Kinderzahl zeichnen die zurückgehende Geburtenrate, steigende Scheidungs- und Trennungsraten und der Trend zu alternativen Lebensformen verantwortlich.

Family Facts: Armut und Einzelkinder

Bei einem Viertel der österreichischen Familien mit Kindern unter 27 Jahren sind nicht beide leiblichen Elternteile im Lebensalltag vorhanden. Sie wachsen in Ein-Eltern-Familien, Patchwork-oder Pflegefamilien auf. Fast jeder fünfte Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren lebte 2013 bei Mutter oder Vater, wobei der Anteil der alleinerziehenden Mütter deutlich höher ist. Das bedeutet einen Anstieg von alleinerziehenden Eltern im Vergleich zu 1996 um 37 Prozent. Dazu kommen die Jugendlichen, die innerhalb eines alternativen Familienmodells wie beispielsweise nichtehelichen Lebensgemeinschaften aufwachsen. Ihr Anteil hat sich seit 1996 um beachtliche 56 Prozent erhöht.

Folgen für die Politik

Der Begriff der Familie hat sich rasant gewandelt, die Politik kann nicht Schritt halten. Orientierte sich in den 50er- und 60er-Jahren die Familienpolitik noch am Alleinverdienermodell, so ist sie seit den 70er-Jahren ein Experimentierfeld. Je nach Partei reicht das Spektrum vom traditionellen Familienbild bis zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Problem: Die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der verschiedenen Parteien sorgten für einen widersprüchlichen Regelungsmix. So finden sich viele Familien in einer Grauzone wieder, die ihnen die Möglichkeit zur freien Entfaltung nimmt und mehr Verwirrung als Klarheit stiftet.

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