Alle meschugge?

Alle meschugge?

Von Georg Kreisler bis Sacha Baron Cohen - das jüdische Museum Wien beschäftigt sich mit dem breiten Spektrum des jüdischen Humors von seinen Wurzeln bis zur Gegenwart.

Ich kann mein Programm ‚Jud süß sauer‘ nennen, aber sicher nicht ‚Ein Jude gibt Vollgas‘. Es gibt Grenzen, die ich wahre“, erklärt Oliver Polak. Der 37-jährige deutsche Comedian ist Vertreter einer neuen Komiker-Szene, die die Lebendigkeit der Tradition jüdischen Humors demonstriert. Mit seinen unkonventionellen Auftritten hat er sich innerhalb kürzester Zeit eine Fangemeinde erobert. Er spielt satirisch mit NS-Emblemen, thematisiert unverkrampft Antisemitismus oder plaudert über seine Beschneidung. Aber darf man das? "Ich darf das, ich bin Jude“, kontert Polak und ergänzt: "Je größer das Tabu, desto genialer muss der Witz sein. Der Gag muss stimmig sein, die Haltung des Künstlers muss stimmen.“

Bis wohin sie gehen können und was zu weit ist, wissen auch der britische Komiker Sacha Baron Cohen, der deutsche Regisseur Daniel Levy und die US-Sitcomstars Jerry Seinfeld und Larry David. Sie alle nehmen ihr Publikum radikal in die Pflicht und demonstrieren, dass Lachen eine subversive Kraft hat und Humor sich veränderten Lebensbedingungen anpasst.

Mit Chuzpe

Die lange Tradition des jüdische Humors steht auch im Zentrum der umfangreichen Ausstellung "Alle meschugge?“ im Jüdischen Museum Wien. Marcus G. Patka und Alfred Stalzer haben sie in eineinhalbjähriger Recherche und nach der Idee der Direktorin des Hauses zusammengestellt. Ein herzhaftes Lachen wünscht Danielle Spera dabei ihren Besuchern, auch wenn es, wie sie betont, in der Schau "nicht bloß um den Witz oder das Witzeerzählen geht: Es steckt eine Lebenseinstellung dahinter. Mir war wichtig, zu zeigen, dass das Thema bei weitem kein oberflächliches ist. Dass es weit in die jüdische Geistesgeschichte reicht, dass es sehr viel mit der jüdischen Kultur, der jüdischen Religion und Tradition zu tun hat. Und: dass es nie Witze des Witzes wegen sind, sondern dass sie immer mit einem Stück Weisheit enden. Manch kluger Rabbiner beginnt seinen Vortrag humorig, um so die Aufmerksamkeit des Publikums zu wecken.“

"Alle meschugge?“ ist eine geistes- wie kulturgeschichtliche und sozialwissenschaftliche Ausstellung, die das Thema aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet und von den Wurzeln in Osteuropa bis ins Heute führt. Denn, so Spera, "es ist wichtig, zu zeigen, woher der Humor kommt. Selbst im Angesicht der Shoah, oder gerade da, wurde der Humor vielen zum letzten Rettungsanker im Kampf ums Überleben.“

Die Schau beschäftigt sich auch damit, wie sich Inhalte und Ausdrucksformen in den letzten beiden Jahrhunderten verändert haben. Ausgehend vom jiddischen Witz und seiner Tradition über das Kabarett und die Karikatur, präsentiert man auch alle Facetten der Unterhaltungsindustrie von Varieté, Vaudeville, Wanderbühnen oder Operette bis hin zu Film und Fernsehen. Der jüdische Witz und der jüdische Humor zeichnen sich auch dadurch aus, dass man sich über sich selbst lustig macht. Das kann natürlich zu einer Gratwanderung werden, wie die Ausstellung anhand des Beispiels der jüdischen Jargonbühnen in Berlin oder Budapest um 1900 zeigt: Hier präsentierten Juden deftige Zoten, billige Witze und bedienten sich dabei zutiefst negativer Klischeebilder. Was, wie Kurator Alfred Stalzer weiß, auch innerhalb der jüdischen Gemeinde für Kritik sorgte, denn: "Der jüdische Witz kann derart leicht zum Judenwitz verkommen.“

Tucholsky & Torberg

"Alle meschugge?“ versucht das Thema zu fokussieren. Der Schwerpunkt liegt auf Wien und Berlin, denn beide Metropolen waren vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Zentrum jüdischen Humors. Man denke an Namen wie Fritz Grünbaum, Kurt Tucholsky, Hermann Leopoldi und Friedrich Hollaender. Ebenso wird thematisiert, wie in der Nachkriegszeit die Shoah von jüdischen Künstlern humoristisch verarbeitet - oder auch verdrängt wurde. Dabei steht Österreich mit Karl Farkas, Friedrich Torberg, Gerhard Bronner und Georg Kreisler im Mittelpunkt. In sieben inhaltlich gegliederten Räumen wird die NS-Zeit mit der Ermordung bzw. Vertreibung vieler Exponenten jüdischen Humors ebenso thematisiert wie die Ausformungen jüdischen Humors in Israel und den USA. Der Witz und Humor einer Minderheit drückt hier längst das Lebensgefühl der Mehrheit aus. "Ein sehr hoher Prozentsatz an Stand-up-Comedians in New York ist jüdischer Herkunft, ebenso verhält es sich im Hollywood-Film“, verweist Spera auf Mel Brooks, Danny Kaye, Jerry Lewis, Bette Midler oder Woody Allen.

Im Jüdischen Museum wird die Humorgeschichte dem Publikum auch anhand herausragender Szene-Persönlichkeiten nähergebracht. Neben Fotos, Karikaturen, Dokumenten und Devotionalien kommen vor allem Film- und Hörbeispiele zum Einsatz. In Rahmenprogramm wird eine Filmreihe Filme von Klassikern von Ernst Lubitsch bis zu brachialerem Stoff von Daniel Levy zeigen, der die Ausstellung auch eröffnen wird. "Denn beim Humor“, so Spera, "hat jeder seine eigenen Schmerzgrenzen. Mir ist Sacha Baron Cohen etwa in vielen Aspekten zu schräg, mein 17-jähriger Sohn liebt das.“

Ganz auf die neuen Medien konzentriert man sich in der Promotion der "angewandten Ausstellung“, bei der via Facebook jeder seinen jüdischen Lieblingswitz posten kann. Jener der Direktorin ist kurz und prägnant: Anruf bei der Mutter: "Hallo, Mama, wie geht’s dir?“ "Blendend!!“

Alle meschugge?

Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem breiten Spektrum des jüdischem Humors von seinen Wurzeln in Osteuropa bis zur Gegenwart und präsentiert, in spannender Ausstellungsarchitektur, Dokumente wie Devotionalien.

Eröffnet wird prominent und in zwei Tranchen: am 18. 3. mit Ehrengast Rafi Kishon (18.30 Uhr), am 19.3. mit einer Festrede des Regisseurs Dani Levy (18.30 Uhr).

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