Albert Schmidleitner: "Das Im-Mittelpunkt-Stehen überlasse ich meinen Künstlern"

Mit der Übernahme des Vindobona betreibt Simpl-Chef Albert Schmidleitner sein drittes Kabarettlokal in Wien. Der medienscheue Unterhaltungszampano im Porträt.

Sein Handy läutet permanent, Albert Schmidleitner bleibt dennoch stets freundlich und professionell, koordiniert fernmündlich Handwerker, löst Probleme und kann dazwischen immer noch herzhaft lachen – immerhin eröffnet der Simpl-Chef und Betreiber des Palais Nowak mit dem Vindobona am Wallensteinplatz in zwei Wochen sein drittes Kabarettlokal in Wien. Dann gilt es, durchschnittlich 1.250 Plätze pro Tag zu füllen.

"Bin so was von uneitel"
Kaum einer abseits der Kulturszene kennt den 53-jährigen umtriebigen Nachtvogel. Ein Phantom, das alle Fäden in der Hand hat. Für Schmidleitner die ideale Position: „Ich bin so was von uneitel, das Im-Mittelpunkt-Stehen überlasse ich meinen Künstlern.“ Mit den ersten Ankündigungen von der Wiedereröffnung des Vindobona ist Schmidleitner nun dennoch ins Gespräch gekommen. Als „Brain“ und Motor der heimischen Kabarettszene soll der Unterhaltungszampano, seit den 80er-Jahren auch Besitzer der Satyr-Filmwelt-Buchhandlung, auch die Kleinkunstbühne im 20. Bezirk, die der Vorgänger Wolfgang Kratzl durch desaströse Umbauarbeiten arg verschuldet zurückließ, zum Hotspot machen.

Die Seele des Simpl
Schmidleitner arbeitet ohne Subvention und vertraut großteils der Mundpropaganda. Journalisten gegenüber hat er ein gesundes Misstrauen, „weil es immer weniger gibt, die eine Ahnung haben oder auf Kleinkunst spezialisiert sind“. Das Simpl rennt, wie der Chef auf Holz klopfend betont, gut. Ist über Wochen hin ausverkauft. Seine 35. Revue hat der Profi mittlerweile hinter sich, „da erschüttert einen nichts mehr so schnell“. Übernommen hat Schmidleitner das Traditionshaus 1993 vom damaligen Chef Martin Flossmann. Bei ihm hat der ehemalige Jus-, Germanistik- und Kunstgeschichtestudent als Bühnenarbeiter begonnen, ehe er bereits mit 24 Jahren Geschäftsführer des Hauses wurde. Ganz in der Tradition des 1912 als „Bierkabarett Simplicissimus“ eröffneten Etablissements blieb er auch da schon im Hintergrund. „Auch den alten Baruch Picker kannte niemand, jeder dachte, das Simpl gehört dem Farkas“, erläutert er das tradierte System. Um rund 13 Mio. Schilling hat Flossmann das Haus an Schmidleitner übergeben. Heute ist Michael Niavarani das offizielle Gesicht der Bühne. Die Seele des Simpl allerdings ist Albert Schmidleitner.

Eher Service- als Kontrollfreak
Trotz durchgehendem Erfolg liegt der Kulturmanager aber nicht am Pool einer Stadtrandvilla, sondern pendelt unermüdlich zwischen seiner Wohnung am Karmelitermarkt, dem neuen Arbeitsplatz am Wallensteinplatz und der Wollzeile. Rund 90 Angestellte arbeiten mittlerweile in den drei Häusern. Dennoch findet man auch den Chef immer wieder an der Kassa oder am Telefon. Kontrollfreak sei er keiner, eher ein Service-Freak, der auch schon mal das Papier auf den Toiletten wechselt, wenn Not am Mann ist, betont Schmidleitner. „Das ist Dienst am Kunden, da muss alles laufen und jede einzelne Kassiererin freundlich sein. Gerade ein Traditionshaus ist immer Chance und Belastung gleichzeitig. Ins Simpl kommen die Leute mit einer Riesenerwartungshaltung, woanders lassen sie sich positiv überraschen.“

Palais für schräge Unterhaltung
Das Simpl steht für die Tradition, für das klassische bürgerliche Lachtheater, im Programm-Zentrum steht die immer wieder totgesagte Revue. Die Dependance, das Zelt „Palais Nowak“ beim Gasometer, wiederum steht, wie Schmidleitner betont, „für schräge Unterhaltung“. Ab 20. Oktober etwa ist „Boeing Boeing andersrum“, die schwule Version des Filmklassikers, angesetzt, mit Werbe-Inder Ramesh Nair und Stefano Bernardin. Ab 16. Mai kommen dann Kasperl, Petzi & Zwerg Bumsti im Puppensozialdrama „Krawutzi Kaputzi!“ zurück. Und auch für das dritte Haus gibt es ein klares Profil, das der Profi in der Kabarettszene allgemein derzeit ebenso vermisst wie gute Infrastruktur der einzelnen Häuser. „Man muss heute die Veranstaltungslokale upgraden, auch gastronomisch. Es geht nicht um Haubenküche, aber in jedem Fall um mehr als Frankfurter und das klassische Eiaufstrichbrot. Im Vindobona soll es eine gute Küche geben.

Ethno-Comedy im Vindobona
Schmidleitner hat die Bausünden des Vorgängers rückgängig gemacht und will in der Brigittenau Kabarett „für Hiesige wie Zuagraaste“ machen. „Wir wollen dem Melting Pot Wien ein neues Zentrum für Comedy und Unterhaltung geben“, erklärte der neue Betreiber die Idee der Ethnoschiene. „Wenn man bedenkt, dass ein Drittel der Wiener Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat, so ist es absolut angebracht, dieser Vielfalt Rechnung zu tragen, erläutert er sein mutiges Konzept, bei dem er sich an Wolfgang Teuschls Dialektlexikon hält, wonach alle Personen, die nicht in Wien geboren wurden, als „Zuagraaste“ gelten, vom nach Wien gezogenen Vorarlberger Studenten über den Schauspieler aus Zimbabwe bis zum US-Musicaldarsteller. Eröffnet wird mit einer „Grätzl-Soap“ am 10. Oktober. „Jägerstraße“, so der Titel, eint Geschichten aus dem Leben rund um den Hannovermarkt: „Es geht um Minderheiten, Großfamilien, Armut, Prostitution, Wettbüros, Drogendealer, rappende Sprayer und Sliwowitz schmuggelnde Automechaniker, perverse Pfarrer und schwarze Heiratsschwindler.“ Für die Besetzung konnte ein multikulturelles Ensemble gewonnen werden. Von Türken über Japaner bis zu Afrikanern. Der Erfinder der Grätzl-Soap ist „Krawutzi Kaputzi!“-Autor Johannes Glück, der auch Regie führt.

Im Ironietest durchgefallen
Dass man, was das Ironieverständnis betrifft, auf manchen Kulturschock gefasst sein muss, zeigte sich bereits nach der Presse-Präsentation zur Soap, wo man „echte Neger und Chinesen“ versprach und sich sofort mit einem „Neger sagt man nicht“-Protest der Grünen konfrontiert sah. „Auch die ‚Tschuschenkapelle‘ verkauft sich nicht, wie es politisch korrekt wäre, als ‚Vereinigte Slawenband‘“, zeigt sich Schmidleitner ob der nicht angekommenen Satire erstaunt. Er glaubt fest daran, dass sich auch das nahezu unbekannte Ensemble am Wallensteinplatz zum Quotenhit entwickeln wird: „Qualität setzt sich durch. Klar verkauft sich heute ein Name wie Michael Niavarani am besten. Als ich aber mit dem Niavarani zu arbeiten begonnen habe, war er auch ein weitgehend unbekannter Perser.“

Von Michaela Knapp

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★