Alain de Botton: "Urlaube spielen in unserer Imagination beinah eine religiöse Rolle"

Das Buch zur aktuellen Sicherheitsdiskussion: Der Autor Alain de Botton lebte eine Woche am Londoner Flughafen Heathrow und scannte die Passagiere auf seine Art. Ein Gespräch über Flughäfen als Mischung aus Schönheit & Horror, Streit beim Check-in & Träume vom Glück am anderen Ende der Welt.

FORMAT: Sind Sie gern auf Flughäfen?
De Botton: Sie faszinieren mich. Leider halten wir uns fast nur dann dort auf, wenn wir einen Flug erwischen müssen. Und weil es immer so kompliziert ist, den Weg zum Gate zu finden, neigen wir dazu, uns gar nicht groß umzuschauen.
FORMAT: Was gibt’s denn groß zu sehen?
De Botton: Flughäfen sind die imaginativen Zentren der modernen Welt. Dorthin sollte man gehen, wenn man wirklich alle Themen der Moderne buchstäblich in Aktion sehen möchte: Globalisierung, Zerstörung der Umwelt, entfesselten Konsum, Familienzusammenbrüche oder auch die Schönheit der Moderne.
FORMAT: Was lässt Flughäfen zu solchen Themen-Brennpunkten werden?
De Botton: Das Aufeinandertreffen von Hochtechnologie und Konsumkultur. Man fühlt dort das riesige kollektive Gedächtnis der modernen Welt: das Versprechen von Geschwindigkeit, Transformation, höllische Bürokratie und alptraumhaften Verlust der Individualität. Es ist eine Mischung aus Schönheit und Horror, die man als Künstler wunderbar feiern und betrauern kann.

Duty Free gegen die Traurigkeit
FORMAT: Schon in Ihrem frühen Roman „Versuch über die Liebe“ verlieben sich die Hauptfiguren auf einem Flug zwischen London und Paris. Wirken Flughäfen und Flugzeuge inspirierend für neue Lieben?
De Botton: Flughäfen bringen uns gedanklich immer in größere Nähe zum Tod. Das passiert unbewusst, löst Hemmungen und macht eine neue Liebe leichter möglich. Wir befreien uns von täglichen Gewohnheiten und sind offener für ungewöhnliche Begegnungen. Die Aussicht auf einen möglichen Flugzeugabsturz kann auch für Ehen, die sich mühsam dahinschleppen, Wunder wirken!
FORMAT: Glauben Sie, dass tatsächlich die meisten Menschen auf dem Flughafen an die Möglichkeit eines Absturzes denken?
De Botton: Ja. Wir wissen alle, dass wir die Götter herausfordern, wenn wir uns in den Himmel erheben. Wir wissen, dass ein Triebwerk ausfallen oder eine Tragfläche abbrechen kann und wir ganz leicht in Flammen aufgehen könnten. Wir reden nicht groß darüber, aber es ist geradezu unmöglich, diesen Gedanken nicht irgendwo im Hintergrund ablaufen zu lassen. Deswegen shoppen wir ja auf Flughäfen auch so gern – Duty Free steht für nichts anderes als den Versuch, unsere Traurigkeit über die Kürze und Fragilität des Lebens zu überwinden.
FORMAT: Dabei ist Fliegen die sicherste Art der Fortbewegung.
De Botton: Es mag sicher ausschauen, aber wenn etwas schiefgeht, handelt es sich um die schrecklichste und dramatischste Art, zu sterben. Wir sind fasziniert von all den Geschichten über Menschen, die sich sicher wähnten und von einer Sekunde auf die andere mit ihrem unmittelbar bevorstehenden Ende konfrontiert waren. Ich habe eine ganze Bibliothek mit Büchern über tödliche Flugzeugabstürze. Meine Freunde borgen sich diese Bücher dauernd aus, was nichts anderes ist als eine Strategie, das Leben, das man hat, schätzen zu lernen.

"Die Erfüllung eines Bubentraums"
FORMAT: Im August 2009 wurden Sie zum allerersten „Writer-in-Residence“ des Londoner Flughafens Heathrow. Wie kam es denn dazu?
De Botton: Heathrow suchte nach jemandem, der den Posten übernimmt. Sie fragten bei Literaturagenten und Verlagen in London. Ich brachte meinen Namen ins Spiel, schrieb einen ungeheuer überzeugenden Bewerbungsbrief und wurde genommen.
FORMAT: Wieso waren Sie denn so wild darauf, eine Woche auf einem der größten Flughäfen der Welt zu verbringen?
De Botton: Ich war extrem scharf auf den Job, weil ich Flughäfen immer geliebt habe. Gleichzeitig sind sie Orte, über die es sich nicht ganz leicht schreiben lässt. Es gibt Hunderte Sicherheitsvorschriften und Regulierungen. Für diesen Auftrag aber – es sollte ja ein Buch daraus entstehen – bekam ich die Erlaubnis, überall am Flughafen hinzugehen und alles anzuschauen. Für mich war es die Erfüllung eines Traums.
FORMAT: Eines Bubentraums?
De Botton: Ja. Bubenträume sind sehr oft die richtigen Träume. Es stellt sich sowieso die Frage, warum Männer ihre Bubenträume früher oder später aufgeben sollen. Je älter ich werde, desto mehr versuche ich, Dinge zu tun, die ich schon als Achtjähriger toll fand. Buben haben
außerdem völlig Recht damit, so von Technik fasziniert zu sein.
FORMAT: Wieso das?
De Botton: Weil der Airbus A 380 oder der neue Rolls-Royce-Trent-Motor genauso beredtes Zeugnis von der menschlichen Kreativität ablegen wie eine Kathedrale.

Im Schneidersitz auf der Landebahn
FORMAT: Sie hatten sogar Gelegenheit, nachts ein paar Minuten im Schneidersitz auf der Mittellinie von Heathrows südlicher Landebahn zu sitzen, wo während des Tages im 40-Sekunden-Takt Flugzeuge aufsetzen. Wie hat sich das angefühlt?
De Botton: Es war großartig. Ein bisschen so, wie das Badezimmer eines gestürzten Diktators zu betreten oder seine Hand ins Maul eines schlafenden Krokodils zu stecken. Ich hatte das Gefühl, etwas sehr Gefährliches zu tun, das für einen kurzen Augenblick sicher war.
FORMAT: Welche Pflichten hatten Sie denn als Heathrows erster Gastautor?
De Botton: Heathrow hat mir freie Hand gelassen. Es gab keinerlei Vorgaben, und sie wollten auch das Buchmanuskript nicht sehen, bevor es gedruckt wurde. Ich durfte tun, was ich wollte – eben genau deswegen, weil es die Idee der ganzen Unternehmung war, keine Marketing-Broschüre oder Hommage zu produzieren. Ich habe geschrieben, wonach mir war.
FORMAT: Sie hatten Ihren Schreibtisch mitten in der Check-in-Zone des neuen Heathrow-Terminals 5. War es nicht sehr seltsam, da mitten im Weg herumzusitzen?
De Botton: Sehr seltsam. Andererseits fühle ich mich oft seltsam, und das offensichtlich Merkwürdige an meinem Heathrow-Status hatte auch den Nebeneffekt, dass es mich von meinen üblichen Seltsamkeitsgefühlen befreit hat. Es war eine Art von Auftritt – und wie alle schüchternen Menschen fühle ich mich vor Publikum sicherer als im normalen Leben.

"Das schwere Gewicht der Erwartungen"
FORMAT: Wie haben die Leute auf Sie reagiert?
De Botton: Viele hielten mich einfach für eine Art Flughafen-Info-Point. Für die, die mein Namensschild genauer lasen, wurde ich allerdings schnell zu einer Art Beichtstuhl. Ein Mann erzählte mir, dass er gerade mit seiner Frau, bei der vor einigen Monaten ein unheilbarer Hirntumor festgestellt worden war, eine allerletzte Bali-Reise antrete. Ein anderer erzählte, er habe gerade seine Frau und Kinder in London besucht, um jetzt zu seiner zweiten Familie in Los Angeles zurückzukehren, die nichts von der ersten wisse.
FORMAT: Dazu passt eine Frage, die sich im Zusammenhang mit Flughäfen auch oft stellt: Woher kommt es denn, dass wir das Glück immer anderswo vermuten?
De Botton: Weil wir Optimisten sind. Wir können uns nicht vorstellen, dass das Leben für andere genauso kompliziert ist wie für uns selbst. Besonders wenn wir aus nördlicher gelegenen Gebieten Europas kommen, haben wir zusätzlich noch eine besonders weich gezeichnete Vorstellung von sonnenreicheren Weltgegenden. Wenn es im Dezember oder Jänner bei uns zuhause so richtig kühl, feucht und unfreundlich wird, glauben wir, dass wir glücklicher wären, wäre nur das Wetter besser. Allein diese bezaubernde Illusion ist meiner Meinung nach für viele Milliarden-Dollar-Investitionen in High-Speed-Flugzeuge und Hotelanlagen am Meer verantwortlich.
FORMAT: Gerade auf Flughäfen wird man ziemlich oft Zeuge von Streit zwischen Familien, Paaren, Freunden …
De Botton: Mir haben viele der Familien leid getan, die ich am Weg zum Check-in-Schalter beobachtet habe. Sie schleppten nicht nur Koffer und Kinder, sondern auch das schwere Gewicht ihrer Erwartungen. Urlaube spielen in unserer Imagination beinah schon eine religiöse Rolle. Unsere diesbezüglichen Erwartungen stehen in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit. Das wahre Ziel des Lebens ist es doch nicht, Urlaub aufregender, sondern unser Alltagsleben erträglicher zu gestalten.

'School of Life': Hirnfutter und Schönheit
FORMAT: Das ist genau das Ziel der „School of Life“, die Sie im Herbst 2008 gemeinsam mit einer Gruppe von Schriftstellern, Künstlern und Freunden in London gegründet haben. Sie bieten Kurse an, die dabei helfen sollen, ein erfüllteres, glücklicheres Leben zu führen. Geht der Plan auf?
De Botton: Die „School of Life“ lebt vom leidenschaftlichen Glauben daran, dass man Lernen zu einer wirklich relevanten Sache machen kann. Deshalb werden dort auch Kurse zu den wichtigen Fragen des täglichen Lebens angeboten.
FORMAT: Die da wären?
De Botton: Die Menschen möchten wissen, wie sie mit Statusproblemen zurechtkommen können, wie mit Enttäuschungen in ihrem Berufsleben, mit Zorn auf ihre Eltern, mit Sorgen und Schuldgefühlen gegenüber ihren Kindern, mit dem Kummer über ihr Sexleben oder der Angst vor Krankheit, Alter und Tod. Einer unserer typischen Kurse kann sich also durchaus einen Abend oder ein Wochenende lang mit der Frage der moralischen Verantwortung gegenüber einem Ex-Partner beschäftigen oder damit, wie man eine Karrierekrise bewältigt.
FORMAT: Noch dazu in einem schicken Ambiente …
De Botton: Von den gestylten Broschüren bis zum verspielten Interieur des Hauptsitzes in Bloomsbury weiß man gleich, dass man sich in die Hände von Leuten begibt, die finden, dass Hirnfutter nicht unvereinbar sein muss mit etwas Schönem fürs Auge. Noch wichtiger aber ist, dass wir auch versuchen, die ganze Sache mit Humor anzugehen. Es ist uns ernst, und wir sind gleichzeitig bemüht, uns daran zu erinnern, dass die schwierigste Kultur von allen die Unterhaltungskultur ist. Shakespeare, dieser vollkommenste aller Showmen, hat das nicht einen Augenblick aus den Augen verloren. Selbst in Verbindung mit den allerernsthaftesten Unternehmungen hat er immer an die Notwendigkeit von Unterhaltung erinnert.

"Philosoph des Alltagslebens"
FORMAT: Darin sind Sie ihm vielleicht nicht ganz unähnlich. Sie haben ebenfalls bereits über fast alles essayistisch-philosophische Werke mit großem Unterhaltungswert geschrieben: Reisen, Liebe, Arbeit und Status, Literatur, den Trostfaktor der Philosophie oder die Architektur und das Design, mit dem wir uns umgeben.
De Botton: Ich folge meinem Herzen und schaue mir die Themen näher an, die mich selber beschäftigen oder schmerzen. Deswegen sind meine Bücher das Gegenteil von akademisch-philosophischen Betrachtungen. Sie sind eigentlich eine Selbsttherapie, von der ich hoffe, dass sie auch für andere von Interesse ist. Wir alle ähneln uns ziemlich – zumindest in unseren Problemen.
FORMAT: Gefällt es Ihnen, wenn man Sie einen „Philosophen des Alltagslebens“ nennt?
De Botton: Ja, es ist ziemlich nützlich für einen Philosophen, seine Nase in Bodennähe zu halten, wenn er die Probleme unserer Existenz in Angriff nehmen möchte – zum Beispiel wie man mit Schüchternheit umgeht oder den besten Weg findet, mit einer schwierigen Mutter auszukommen. Egal, wie groß unser Gehirn sein mag, man sollte nicht darauf vergessen, es für die Lösung der Probleme dieses sehr bescheidenen Lebens einzusetzen, das wir alle führen müssen.

Interview: Julia Kospach

Alain de Botton , 40, Sohn eines Schweizer Bankiers, studierte in Cambridge und schrieb eine Reihe alltagsphilosophischer Bestseller, u. a. „Kunst des Reisens“, „Trost der Philosophie“ und „Glück und Architektur“. Seine Bücher sind in 25 Ländern erschienen. De Botton lebt in London, wo er 2008 die „School of Life“ mitbegründete, eine Art alltagsphilosophische Lebenshilfe-Institution ( www.theschooloflife.com ). Sein neuestes Buch „A Week at the Airport. A Heathrow Diary“ (Profile Books, 2009, € 11,50) beschäftigt sich mit Flughäfen als Brennpunkten aller Themen der Moderne. Es erscheint im April in deutscher Übersetzung im S. Fischer Verlag.

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