'A Single Man': Das melancholische Erstlings- werk von Ex-Gucci-Stardesigner Tom Ford

Ex-Gucci-Stardesigner Tom Ford hat mit seinem ersten Film „A Single Man“ ein Wunderwerk an Oberflächenglanz und tief gehender Melancholie geschaffen. Colin Firth spielt darin einen homosexuellen Lehrer im Los Angeles der Sechzigerjahre.

Wenn Tom Ford im Gespräch emotional über seinen Erstlingsfilm wird und dabei die Augen zusammenkneift, wirkt das ein wenig, als würde er einem seine jüngste Parfum- oder Handtaschenkollektion nahelegen: in aller Aufrichtigkeit, ehrlich. Tatsächlich erweist sich das Medium Film einmal mehr als vielschichtiges Wunderwerk, das sich, erst in die Welt gesetzt, seine eigenen Räume und Bedeutungen schafft. Mit „A Single Man“ ist dem ehemaligen Gucci-Stardesigner gleichermaßen ein Film von besonderer Eleganz und tief gehender Melancholie gelungen.

Surreale Traumwelten
Ein Lehrer (Colin Firth) im Los Angeles der Sechzigerjahre wird mit dem Tod seines Lebensgefährten nicht fertig. Acht Monate später beschließt George, seinem Leben ein Ende zu setzen. Diesen einen Tag zeigt „A Single Man“. Bereits der dem Film vorangestellte Traum macht deutlich, dass in der folgenden Erzählung nichts ohne exquisiten Stil abgehen wird. George stellt sich den selbst nicht erlebten Autounfall als tödliches Unterwasserballett vor. Die Geschmeidigkeit der Bewegungen, die Schleier der Farbgebung vom Braun bis zum Pastell, ein immer tadellos gekleideter Herr – all das formt Ford im Lauf der Erzählung zu einer Ästhetik, die von einer quälenden Isolation, einer tiefen Einsamkeit erzählt. Der ehemalige Visionär der Haute Couture schafft es dabei, die Künstlichkeit der Oberflächen mit dem Empfinden seines Protagonisten auf geheimnisvolle Weise zu verbinden.

Colin Firth als stoischer Hauptdarsteller
Die Integrität des Buches von Christopher Isherwood, das praktisch aus einem langen inneren Monolog besteht, bleibt dabei gewahrt. Ford, nicht ohne Humor, über seinen Wurf: „Selbst Freunde meinten, sie wussten gar nicht, dass ich so viel Tiefe besitze. Tatsächlich war es das persönlichste Ding, das ich jemals gemacht habe.“ Viel zur Wirkung trägt der britische Schauspieler Colin Firth bei, dessen Spiel aus Distanziertheit und Verletzlichkeit ein auf der Leinwand lange vermisstes Erlebnis ist. Die letzten Begegnungen von George, auf die Ford die Dramaturgie dieses Tages aufbaut, absolviert Firth als stoischer Mann auf stillem Rückzug. Weder seine Todesabsicht noch seine Homosexualität sollen nach außen dringen. „A Single Man“ ist nebst seinem Leitmotiv der Isolation auch ein Film über die Panzerung gegen eine homophobe Gesellschaft.

Uneingelöstes Begehren
„Sie sind beim Begräbnis nicht erwünscht“, richtet ihm telefonisch zu Beginn des Films der Übermittler der Todesbotschaft aus. So folgt auch der Film weniger einer Selbstauslöschung, die es übrigens im Buch nicht gibt, als der Reibung an gesellschaftlichen Konventionen. Darin dürfte auch der Grund liegen, dass Tom Ford sich ausgerechnet diesen Roman als Vorlage für sein Erstlingswerk ausgesucht hat. Die Begegnungen des Films werden allesamt von uneingelöstem Begehren getragen: Julianne Moore als Kurzzeitpartnerin und einziger Langzeitkontakt, auf ungesunde Weise dem Alkohol zugeneigt und traurig unecht in ihren Liebesbekundungen; der junge Nicholas Hoult als Schüler, der beharrlich die Nähe des Lehrers sucht, nachdem dieser – in einer letzten Grenzüberschreitung – einer desinteressierten Klasse „von den Rändern“ gesellschaftlicher Existenz erzählt; oder der Auftritt des spanischen Supermodels Jon Kortajarena auf einem Parkplatz, der in komischer Werbeclip-Ästhetik ein sexuelles Abenteuer anzubahnen versucht.

Abschied einer Stilikone
„A Single Man“ verbindet Dramen eines Douglas Sirk mit der Hochglanzästhetik eines Mario Testino. Der peruanische Starfotograf erzählte einmal, wie Ford ihn für bestimmte Kampagnen dazu brachte, Models nackt zu fotografieren; auch Models, die sich berühren. „Er verschob damit die bis dahin gültigen Grenzen.“ Diese Nacktheit hat Ford in seinem Film nicht gewagt. Auch der Film scheint sich nicht hinter die hochgezogenen Wände seines Protagonisten arbeiten zu können. Die Verzweiflung, die man beim lebensmüden George vermuten muss, sieht das Publikum nicht. „A Single Man“ eignet sich deshalb auch weniger als Allegorie auf die Modebranche (Stichwort: der Tod von Alexander McQueen), auch wenn er sich irritierenderweise ihrer stilistischen Mittel bedient. „A Single Man“ klingt wie ein Schwanengesang, als leiser Abschied einer Stil-Ikone, vielleicht mit theatralischen Absichten produziert, aber tatsächlich ohne großes Pathos hergestellt. In welken Bildern, in denen die Melancholie durch einen perfekt sitzenden Anzug noch einmal gezügelt wird.

Gunnar Landsgsell

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