Wie man am besten durch private, berufliche und wirtschaftliche Krisen kommt

Die Welt ist in der Krise. Nicht nur die Wirtschaft, auch der Mensch. Beziehungen leiden, das Unglück mit Leben und Job nimmt zu. Wie wir in der Schräglage neue Orientierung finden könnten.

Wir leben in einer Umbruchphase, die von einer unheimlichen Dekadenz gezeichnet ist“, stellt Gerti Senger trocken in den Raum. „Das bleibt aber nicht so. Ich weiß, es gibt Wirtschafts- und Kulturpessimisten, die sagen, dass wir in einer Apokalypse leben und uns die Welt bald um die Ohren fliegt. Aber ich will die Dinge positiv sehen und glaube an die Lernfähigkeit der Menschen.“ Österreichs bekannteste Therapeutin für alle Fragen des Zwischenmenschlichen ist also Optimistin.

Gemeinsam mit dem Psychoanalytiker und Wirtschaftspsychologen Walter Hoffmann hat sie eben das Buch „Schräglage“ fertig gestellt. Koautor Hoffmann und da wird es interessant – sieht weniger Licht am Ende des Umbruchtunnels. „Das Umdenken widerspricht dem menschlichen Naturell. Die menschliche Gier ist größer. Ich bin extrem pessimistisch.“ Dennoch: In grundlegenden Diagnosen die Gegenwart betreffend ist sich das Duo einig.

Wir leben in einer mehr als bedrohlichen Krisenzeit. Die Weltwirtschaft ist zum unkontrollierbaren, schmatzenden Monster geworden. Finanzkrise. Eurokrise. Staatsverschuldung. Eine Hungersnot hier, eine geschmolzene Polkappe da, dazwischen explodiert wieder einmal ein Atomreaktor, wird ein Volksaufstand niedergeschlagen, oder irgendeine Terrorzelle lässt eine Bombe hochgehen.

Mittendrin sitzt der Mensch und weiß nicht recht, was er jetzt tun soll und welche Richtung er einschlagen muss. „Man kann sich heute an fast nichts mehr orientieren. Werte wie Fairness, Toleranz, Solidarität, die für jede Gemeinschaft bestimmend sein sollten, haben sich aufgelöst. Jeder ist sich selbst der Nächste“, attestiert Walter Hoffmann unserer Gesellschaft. „Wir haben das Materielle erobert, jetzt müssen wir das Innere erobern und uns auf die inneren Werte konzentrieren“, schlägt auch David Bosshart in die gleiche Kerbe.

Der Schweizer Ökonom und Soziologe ist Vorstand des Gottlieb-Duttweiler-Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Zürich. Auch er hat ein aktuelles Sachbuch zu unseren destabilen Lebensbedingungen verfasst. In „The Age of Less“ beschreibt er, wie die westliche Welt aus der selbst verschuldeten Krise durch Downsizing in allen Lebensbereichen die Kurve kriegen könnte. Nüchtern erklärt Bosshart im Interview, was der Menschheit sonst dämmern könnte. „Nach der Finanzmarktkrise kommt die Wirtschaftskrise, dann die soziale Krise. Darauf folgt Orientierungslosigkeit und dann eine moralische Krise.“ Hmm. Schwierig zu sagen, in welcher Phase wir gerade sind. Vater Staat, als moralische Instanz, strauchelt zumindest schon ein wenig. Unschuldsvermutungen, wo man nur hinschaut.

Wutbürger im Neokonservatismus

Wie reagiert der Bürger darauf? Im Moment noch ein wenig verhalten. „ Die Menschen bewegen sich leider erst dann, wenn der Leidensdruck unerträglich wird. Dann entsteht auch gesellschaftlicher Druck“, ist sich Walter Hoffmann sicher. Außer kleinen symptomatischen Wutbürgereruptionen wird das Bröckeln des Makrokosmos zurzeit aber hauptsächlich damit abgefangen, dass man seine kleine Welt in Ordnung hält.

Dafür braucht es Regeln. Es wächst die Sehnsucht nach neuen Werten. Die ist mittlerweile so stark, dass man auf der Suche danach tradierte Moralkataloge durchblättert und sich auf bewährte Tugenden rückbesinnt. Man wird wieder konservativer. Das Pendel schlägt also zurück, vor allem bei der Jugend, wie kürzlich eine Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend zu Tage brachte.

Frauen zwischen 14 und 24 scheinen auf die mühsam errungenen Rechte aus 40 Jahren Feminismus zu pfeifen. 85 Prozent der jungen Frauen können sich nämlich vorstellen, für eine gewisse Zeit Teilzeit zu arbeiten, um sich um die Kinder zu kümmern. Und, noch interessanter: 55 Prozent der jungen Frauen wären gerne Hausfrau, vorausgesetzt, der Mann verdient genug. Freiwilliger Rückzug in den Wertkonservatismus, die österreichische Jugend ist spießiger, als man glauben möchte. Und die Gesellschaft?

Glücksritter

Die begibt sich neben der Sinnsuche auch noch auf Glücksjagd. Nur, das Glück ist nicht nur ein Vogerl, sondern auch eine paradoxe Angelegenheit, wie in den 70er-Jahren bereits der US-Ökonom Richard A. Easterlin festgestellt hat. Denn mehr Geld, mehr Kaufkraft, mehr vom besseren Leben macht nicht automatisch glücklich.

Bestes Beispiel dafür ist die Volksrepublik China. In den letzten 20 Jahren wurde dort die wohl höchste Wachstumsrate, die je gemessen wurde, verzeichnet. Die Einkommen haben sich innerhalb einer Lebenszeit verdreifacht. Die Menschen müssten also quietschen vor Glück. Aber die Zufriedenheit ist nicht mit gestiegen. Im Westen kennt man dieses leidige Problem allzu gut. Die Reichen der Industrieländer sind zwar im Durchschnitt zufriedener als die Armen dieser Welt, die Unterschiede sind aber gering.

Da helfen auch Schönheit, hoher Bildungsgrad oder Flucht in übertriebenen Konsum nicht weiter. Entscheidend ist etwas anderes. „Nicht Dinge machen Menschen zufrieden, sondern Erlebnisweisen“, erklärt Gerti Senger. „Also: Funktionierende Partnerschaften, erfüllende Beziehungen und Freundschaften, Teil einer Gemeinschaft zu sein oder ein erfüllender Job lassen den Zufriedenheitsindex hochschnellen.“ Extrem schlechte Zufriedenheitswerte bringt Arbeitslosigkeit.

Brennpunkt Arbeitswelt

Mit dem Job ist es so eine Sache in Zeiten wirtschaftlicher Krisen. Hat man einen, sollte man eigentlich froh sein. Aber nicht jedem erschließt sich immer der Sinn der beruflichen Tätigkeit, die er gerade ausübt. „Es braucht aber in jedem Fall eine zufriedenstellende Arbeit, wenn man halbwegs gesund durch diesen Jobwahnsinn kommen will.

Heutezutage gibt es kaum noch eine Organisation, in der es keine Umstrukturierung gegeben hat. Das, was heute gilt, ist morgen schon wieder anders. Das erzeugt eine extrem hohe Unsicherheit bei den Mitarbeitern“, erklärt Lisa Tomaschek, Leiterin des Instituts für Burnout und Stressmanagement (IBOS). Die Expertin erkennt in der Arbeitswelt ebenfalls eine Trendumkehr: „Man will sich nicht mehr auf Kosten der Gesundheit etwas leisten. Anderes, wie Zeit mit der Familie oder dem Partner zu verbringen, wird für viele Arbeitnehmer wichtiger als der permanente Konsum.“ Allerdings relativiert Tomaschek auch diese Beobachtung: „95 Prozent haben diese Werteumkehr nicht. Vor allem die jungen Arbeitnehmer jagen gesellschaftlichen Werten wie Karriereleiter, Statussymbolen, hohem Einkommen nach, weil sie sonst nicht dazugehören.“ Eine Jagd, die nicht selten bei ihr im Burnout-Institut endet.

„Berufseinsteiger wollen oft einen tollen Job, Freizeit und ein gutes Familienleben unter einen Hut bringen und dabei keine Kompromisse schließen – das geht sich oft nicht aus“, erklärt Personalberater Martin Mayer, Chef der Wiener Personalagentur Iventa. Wie also finden wir aus dieser Schräglage wieder zur Balance?

Raus aus der Falle

Der simple Ansatz des Therapeutenpaares Gerti Senger und Walter Hoffmann lautet: Zufriedenheit und Glück sind tatsächlich auch eine Frage der Einstellung und des Willens. Einfach ist das freilich nicht. „Wir brauchen einen neuen Wertekatalog gegen die emotionale Schräglage“, analysiert die langjährige Paartherapeutin. „Familie, Sicherheit, Stabilität und Orientierung.“ So einfach ist es allerdings nicht, denn das Rad der Schneller-schöner-erfolgreicher-Gesellschaft rollt. Zeit für eine Gegenbewegung.

„Man hat die Oberflächlichkeiten satt, sucht statt dem Small Talk wieder tiefere Gespräche und anstelle der Netzwerke wieder wahre Freunde.“ Einer der fünf Tipps von Gerti Senger zum Erlangen von Zufriedenheit lautet daher auch: Halten Sie inne, und kultivieren Sie Ihre fünf Sinne. Sie sind die Einbruchspforten für ein Glückserleben, das man nicht kaufen kann.

– Manfred Gram, Michaela Knapp
Mitarbeit: Christiane Weissenböck

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