Wie viel Körper braucht der Geist - Anmerkungen eines Beziehungsberaters

Wie viel Körper braucht der Geist - Anmerkungen eines Beziehungsberaters

Führungskräfte und Fitness: Ein schlampiges Verhältnis wurde zur dauerhaften Liebe-Hass-Liaison. Die unverdrossene Fitnessbewegung wird auf Sinn und Unsinn abgeklopft.

Dieser Essay hat zum Ziel, die unverdrossene Fitnessbewegung auf Sinn und Unsinn abzuklopfen. Die Anmerkungen ruhen zum Teil auf neuer Wissenschaft, zum Teil auf kritischer Selbstsicht des Autors, der auf Erniedrigungen zurückblickt, zuletzt aber auch auf kleine Siege. Diverse Tipps, die in diesem Aufsatz gegeben werden, sind ohne Gewähr. Bezüglich der Risiken und Nebenwirkungen wenden Sie sich bitte ans Salzamt.

Als das Wirtschaftsmagazin trend seine segensreiche Laufbahn begann, die erste Ausgabe erschien im Jänner 1970, sah die Welt anders aus als heute. Die Hierarchien waren steil und oben frauenfrei. Im Führungsstil galten militärische Grundregeln wie "Anschaffen und Gehorchen“, und die Manager und Unternehmer waren dicker als ihre Untergebenen.

Das machte schon deshalb nichts, weil es die Worte "dick“ und "übergewichtig“ nicht gab. Erfolgreiche Herrschaften (also Männer) waren stattlich, wie die Häuptlinge afrikanischer Stämme. Wer sich mithilfe des Chauffeurs aus der Mercedes-S-Klasse hob (die damals nur Jaguar als Konkurrenz kannte), durfte dabei gern auch eine Zigarre rauchen, ohne von Wichtigmachern belästigt zu werden. Als gesund galt einer, der sich die teureren Ärzte leisten konnte.

180-Grad-Drehung
Schnitt und Überblendung auf heute: Tempi passati, alles anders, manches um 180 Grad gedreht. Die Hälfte der Führungskräfte ist bereits schlanker, oft auch fitter als der Durchschnitt der Mitarbeiter. Das kommt, wenn die Freizeit knapp ist, teuer. Man kauft sich Hilfe ein, um in der halben Zeit das Doppelte zu erreichen.

Man engagiert Ernährungsbegleiter und Personal Fitness Coaches. Zuweilen kommen noch Liegungen beim Psychiater dazu, um die neue Großfamilie seelisch auszuhalten. Auch darüber liest man in Fachmedien viel: Unglück trotz neuer, illustriertenkonformer Fitness. Wer einem fremden Ideal folge, sagen die Psychologen, tausche sein Grundleid gegen ein neues, höheres Leid ein.

Klingt gut, ist aber nur neuer, höherer Wissenschaftsnebel. Ich sage jetzt, was wirklich gilt. Als Mann mit gutem mitteleuropäischem Kampfgewicht (Euphemismus für verfettet) habe ich alles probiert und studiert. Ich verrate, wo die Hunde begraben liegen und wo ein neues Licht am Horizont funkelt.

Drei Grundelemente der Trendumkehr
Ich freue mich für alle LeserInnen, die daraus Gewinn ziehen, habe aber solidarisch vor allem jene männlichen Führungskräfte im Auge, die sich nach Jahrzehnten der Geistesarbeit und des körperlichen Raubbaus wieder zurückrunden wollen. Die gute Nachricht vorweg: Es gibt nur drei Grundelemente in diesem Titanenkampf - das Wollen, die Ernährung, die Bewegung. Die schlechte Nachricht: Jedes dieser Elemente hat abgründige Tiefen.

Das Wollen: Der "Wille zur Veränderung“ kennt natürliche Feinde. Vor allem die guten Freunde und verliebten Frauen. Die einen freuen sich diebisch über jede deiner Gewichtszuwaagen, loben aber deine starke Verfassung. Die Herzallerliebsten lieben diese tatsächlich. Sie kochen dich meisterlich in eine Form, die keine andere mehr mag.

Die Ernährung: Kurz gesagt, sind alle Diäten für den Hugo. Am Ende wiegst du schwerer als zuvor. Ausnahmslos alle führen in einen Jo-Jo-Effekt. Bis auf eine einzige Diät, die keinerlei Einseitigkeit, nicht einmal Einschränkung verlangt und intellektuell überzeugt. Bernhard Ludwig erklärt sie in seinen Seminarkabaretts und in seinem Buch "Anleitung zum Lustvoll Leben“. Ich will aus Fairness die Pointe nicht vorwegnehmen, bin aber seit vollen drei Wochen ein Evangelist dieser Diät. Ernährungswissenschaftlich unangreifbar auch die Idee des Seelenhirten Kardinal Franz König selig, ab 17 Uhr nichts mehr zu essen. Da fangen aber meine Schafe, die Führungskräfte, erst damit an.

Die Bewegung: Sie ist in unserem Urprogramm fix verdrahtet. Sie rührt aus der Zeit her, wo wir jedem Steak hinterherjagen mussten. Man vergaß, sie zu löschen. Für das heutige Leben hätte es genügt, uns die Fortpflanzungsbewegungen zu bewahren. Und uns ansonst auf den Barhockern der Schreibpulte und Theken zu belassen, wo wir so gute Figur machen. Aber nein, Bewegung muss sein. Zwar genügen 30 Minuten pro Tag, aber die sind wichtiger als alles andere.

Besser mollig aber gehend
Mollige in Bewegung sind gesünder als faule Schlanke, bewies "Spiegel“-Kollege Jörg Blech in seinem Buch "Bewegung - Die Kraft, die Krankheiten besiegt und das Leben verlängert“. Sie verdienen auch mehr Geld, wie jedes US-PGA-Golfturnier belegt. Wie aber soll man 30 Minuten Bewegung der köstlichen Geistesarbeit abringen?

Durch langweilige Nobelpreisträger-Spaziergänge wie Thomas Mann und Günter Grass, die dadurch schlank blieben? Durch Joggen, das übergewichtige Wiedereinsteiger verkrüppelt? Durch Schwimmen in Hallenbädern, wo dich Schulkinder ersäufen? Durch Nordic Walking, das optisch so wie das olympische Schnellgehen verboten gehört?

Der technische Fortschritt schickte die Lösung: Das nun ausgereifte Elektrofahrrad, das unsere Tretleistung verdoppelt. Es schenkt zugleich Fitness und fröhlichen Raumgewinn. Mit idealem Fettverbrennungspuls überhole ich auf meinem Elektroesel hügelaufwärts den Philosophen Konrad Paul Liessmann, der den Großglockner ohne Trethilfe schafft.

Hier wird aus Gutem das Erhabene. Die Achillessehne bleibt heil. Das Knie wird schmerzfrei stärker. Der Hintern spürt sich wieder. Die Zellen werden mit Sauerstoff geflutet. Das Fett wird in Muskelmasse verwandelt, erhöht den Grundumsatz und liefert eine kleine, aber tägliche Gewichtsreduktion. Und ein sportlich überlegener, widerlich schlanker Freund wird gedemütigt. Mehr kann der Körper für den Geist nicht tun.

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