Wenn die Arbeit zur Qual wird

Immer mehr Österreicher macht ihr Job krank. In einer zweiteiligen FORMAT-Serie erzählen Betroffene, wie Stress in Beruf und Privatleben ihre Gesundheit zerstörte – und welche Therapien sie geheilt haben.

Ein Land brennt aus. Nicht wegen der Euro- und der Bankenhilfspakete. Diesen Eindruck vermittelt vielmehr ein Blick auf die aktuelle Krankenstandsstatistik. Die Zahl der Krankenstandstage aufgrund psychischer Krankheiten, und da vor allem durch Burnout und Depression, ist von 2001 bis 2011 um 76,6 Prozent gestiegen. Mittlerweile fallen pro Jahr wegen Burnouts um 1,15 Millionen Krankenstandstage mehr an als noch vor einem Jahrzehnt. Und 900.000 Österreicher sind derzeit in psychiatrischer Behandlung. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 750 Millionen Euro pro Jahr, Tendenz stark steigend. Hans Jörg Schelling, Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungen, sieht die Entwicklung mit Besorgnis: „Wir müssen verstärkt in Prävention investieren, damit diese Krankheiten weniger oder zumindest nicht so dramatisch ausbrechen.“

Krankmacher Büro

Viele Leiden, die immer häufiger auftreten, werden von Medizinern mit dem Beruf in Zusammenhang gebracht. So arbeiten wir zwar körperlich längst nicht mehr so intensiv wie unsere Väter und Großväter, trotzdem nehmen aber Rückenleiden kontinuierlich zu. 8,6 Millionen Krankenstandstage gingen 2010 alleine auf das Konto derartiger Beschwerden: Zu viel Sitzen am Schreibtisch ist eine Hauptursache. Auch die wachsende Zahl von Allergien und Augen leiden wurzelt oft im Berufsalltag. Stress löst auch zunehmend Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus. Dass deren Zahl dennoch zurückgeht, liegt, so Schelling, am Trend zu gesünderer Ernährung und am Trend, mit dem Rauchen aufzuhören.

Gesund aus Angst

Generell sinkt die Zahl der Krankenstandstage leicht. Doch das heißt nicht, dass die Gesellschaft auch gesünder geworden wäre. Weniger Absenzen wegen Erkältungen, Freizeitunfällen oder Grippe erklärt Schelling damit, „dass die Menschen aus Angst um den Job manchmal auch krank zur Arbeit gehen, anstatt sich auszukurieren“. Die Sorge um den Arbeitsplatz drückt zudem auf die Versuchung, auch einmal kurz blauzumachen.

46 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher halten im Beruf nicht bis zum gesetzlich vorgesehenen Pensionsantritt mit 60 respektive 65 Jahren durch. Schelling fordert daher ein österreichweites Präventionsgesetz: Denn wenn uns Arbeit krank macht, wird das Gesundheitssystem unfinanzierbar.

Im Folgenden behandelt FORMAT die Vorsorge gegen Burnout, Rückenschmerz, Tinnitus und Migräne. Nächste Woche: Herz, Magen, Augen.

BURNOUT: Frust im Job macht krank

Überbelastung, Angst, fehlender Sinn und mangelnde Anerkennung im Job sind die häufigsten Ursachen für Burnout.

Der Zusammenbruch war total. Vier Wochen lang lag Helmut Wipplinger, Marketingverantwortlicher eines großen Elektronikkonzerns, Anfang des Jahres erledigt im Bett. „Ich war völlig antriebslos, konnte weder lesen noch fernsehen, ich hatte nicht einmal Lust, mit jemandem zu telefonieren. Ich wollte von nichts und niemandem etwas wissen“, beschreibt er sein absolutes Lebenstief. Die zahlreichen Vorwarnungen hat der leistungsbetonte Vielarbeiter und alleinerziehende Vater ignoriert.

Nach seiner Scheidung war er für seine zwei halbwüchsigen Kinder verantwortlich. „Ich wollte ein guter Vater und ein herausragender Mitarbeiter sein, daher bin ich rund um die Uhr mit 120 Prozent Leistung gefahren“, sagt er. Müdigkeit, Frust und zunehmende Vereinsamung hat er fast fünf Jahre lang verdrängt. Nach einem stressigen Messeaufenthalt kam dann der Zusammenbruch. Vier Monate lang war Wipplinger im Krankenstand. Aus dem Tief fand er nur mit professioneller Hilfe durch eine Psychotherapie.

Helmut Wipplingers Weg ins Burnout ist ein Fall wie aus dem Lehrbuch. Denn ein Burnout kann nur jemand erleiden, der vorher für eine Sache oder einen Job „gebrannt“ hat. Andreas Winkler, medizinischer Leiter der auf Burnout-Behandlungen spezialisierten Klinik Pirawarth in Niederösterreich: „Burnout ist ein Prozess, der bestimmte persönliche Eigenschaften voraussetzt, etwa hohe Leistungsbereitschaft, ein hohes Anspruchsverhalten an sich selbst und die Tendenz, im Ernstfall alles selbst machen zu wollen, damit es perfekt wird.“ Mangelndes Lob durch Vorgesetzte oder existenzieller Druck am Arbeitsplatz treiben die Burnout-Spirale an, denn künftige Burnout-Patienten wollen die fehlende Anerkennung und die erwünschte Sicherheit im Job durch noch mehr Engagement und Leistung „erzwingen“.

Erzwingen, so Lisa Tomaschek-Habrina, Leiterin des IBOS-Instituts für Burnout und Stressmanagement in Wien, lässt sich Anerkennung aber nicht. Die Folge ist, was Experten die Burnout-Triade nennen. Zuerst kommt es zu körperlicher und emotionaler Erschöpfung, dann wird die unbefriedigende persönliche Situation durch Zynismus im Job und im Privatleben überspielt. Ändert sich an der Situation nichts, so kommt es zu einer nahezu totalen körperlichen und seelischen Leistungseinbuße. Unbehandelt führt dieser Zustand direkt in Angstzustände sowie Depression und endet erschreckend oft im Selbstmord.

Existenzangst führt zu Burnout

Die Angst um die Existenz oder die eigene Firma, ausgelöst durch wirtschaftliche Schwierigkeiten oder Probleme mit dem Firmenpartner, ist vor allem bei Unternehmern der Hauptauslöser von Burnout. So auch bei Elisabeth Dellalucia, Verlegerin von Immobilienfachzeitschriften in Wien. Ihr Leidensweg begann von drei Jahren mit einer teuren Trennung von einem langjährigen Firmenpartner, einem daraus folgenden Konkurs und dem Neuaufbau des Unternehmens. Dabei hatte sie immer das Gefühl, den Ereignissen hinterherzulaufen, die anstehenden Schwierigkeiten schienen schier unüberwindbar.

„Ich habe mich am Höhepunkt der Krise gefühlt, als würde ich in einer Garage ständig im Kreis fahren und die Ausfahrt einfach nicht mehr finden“, erinnert sie sich heute. Zum Frustrationsgefühl gesellte sich dann auch Schlaflosigkeit. Die Folge: Erschöpfungszustände bis zum Burnout. Hilfe brachten erst eine Therapie und eine Neuorientierung. „Ich habe lernen müssen, nicht mehr alles alleine schaffen zu wollen und klar zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden und auf meinen Körper zu hören.“ Denn Krankheiten wie Grippe oder Verkühlungen wurden von ihr mithilfe von Medikamenten übertaucht, ein Fehltag im Job kam nicht infrage.

Für Lisa Tomaschek-Habrina geradezu ein klassisches Verhalten von Selbständigen. „Krankenstand ist für viele Freiberufler einfach kein Thema, da kommen sofort Existenzängste hoch. Man glaubt, man muss immer funktionieren, egal, was man seinem Körper antut“, sagt die Burnout-Spezialistin. Die Folgen sind meist fatal: Herzrhythmusstörungen, Magen- oder Darmentzündungen und Rückenschmerzen sind treue Begleiter von Burnout-Patienten. Viele dieser Krankheiten sind längst chronisch geworden, bevor sich die Betroffenen einer Behandlung unterziehen.

Professionelle Hilfe

Anders als bei rein körperlichen Leiden gibt es bei Burnout nicht die Therapie. Psychiater und Psychologen stellen bei den ersten Gesprächen mit den Patienten fest, ob sich schon eine Depression gebildet hat. Dazu werden körperliche Symptome, etwa Schlaflosigkeit, behandelt. Psychotherapien, bei denen vor allem persönliche Stressauslöser wie Überperfektionismus oder Angstzustände therapiert werden, ergänzen die Burnout-Behandlung.

Liegt eine Depression vor, beginnt unter ärztlicher Kontrolle eine Behandlung mit Antidepressiva und eine langfristige Psychotherapie. Andreas Winkler: „Burnout-Behandlung ist immer ein modulares Zusammenspiel aus Schulmedizin, Psychotherapie und Sport- und Bewegungstherapie, die idealerweise durch eine Umstellung der Ernährung und eine Kreativtherapie, mit deren Hilfe der Patient sein Leiden reflektieren kann, ergänzt wird.“

Das Überwinden eines Burnouts dauert je nach Schwere der Erkrankung einige Monate bis zu einem Jahr, auch wenn die körperlichen Symptome wie Erschöpfung oder Schlaflosigkeit schneller überwunden werden können. Lisa Tomaschek-Habrina: „Eingelerntes Verhalten ändert sich nicht von heute auf morgen. Da bedarf es sehr oft auch der intensiven Unterstützung durch den Therapeuten. Die Patienten müssen erfahren, dass sie auch ,nein‘ sagen können.“ Eine Erfahrung, die auch Helmut Wipplinger erst lernen musste: „Heute spiele ich im Job nicht mehr den Löser aller Probleme, sondern sage auch mal nein.“

Tinnitus : Der irre Ton im Ohr

Rund 200.000 Österreicher leiden unter qualvollen Ohrgeräuschen. Meist ist Stress ein Auslöser. Tinnitus ist oft auch Vorbote eines Burnouts.

Das Leiden ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Damals waren allerdings nur wenige von qualvollen Ohrgeräuschen wie Sausen, Klirren, Brummen oder Pfeifen betroffen. Es waren generell Zeitalter mit wenig Lärm und mehr Beschaulichkeit. In der hektischen Neuzeit sprechen Experten beim sogenannten Tinnitus schon von einem Volksleiden, weil geschätzte 200.000 Österreicher davon betroffen sind. „Es ist ein Zivilisations-Phänomen geworden“, sagt Herwig Edlinger, HNO-Facharzt, der in Feldbach in der Steiermark Österreichs einzige Klinik für von Tinnitus Betroffene führt.

Die Auslöser für die Krankheit sind mannigfaltig und reichen von ohrenbetäubender Discomusik, Gefäßschäden, Zahn- oder Halswirbelfehlstellungen bis zu Stressfaktoren. Bei Letzteren kommt es im Innenohr durch die Ausschüttung von Stresshormonen zu einer Gefäßverkrampfung und zum Tinnitus. Aber auch organische Gründe spielen mit. Rauchen, Übergewicht und ein zu hoher Cholesterinspiegel können ebenfalls zum Gefäßverschluss führen, zum Hörinfarkt, ähnlich dem Herzinfarkt.

Diagnose & neue Forschungen

Durch die vielen möglichen Auslöser für Tinnitus ist eine gründliche fachärztliche Abklärung aller infrage kommenden Ursachen notwendig. Mit der richtigen Diagnose steigen die Heilungschancen. „Man kann heute enorm viel machen“, sagt Edlinger, der einen ganzheitlichen Ansatz vertritt. In Feldbach kommen daher medikamentöse, physikalische, apparative, diätetische, psychotherapeutische sowie beratende Maßnahmen zum Einsatz.

Wolfgang Bigenzahn, Leiter der klinischen Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie am Wiener AKH, widmet sich dem myognathen Tinnitus, der etwa durch Probleme im Zahn- und Kieferbereich ausgelöst wird, wozu auch nächtliches Zähneknirschen gehört. Tinnitus wird zwar im Ohr wahrgenommen, entsteht aber – so die Forschungsergebnisse von Lutz Jäncke an der MedUni Zürich und Christo Pantev an der Uni Münster – im Gehirn. Die Forscher leiteten Studien über Musiktherapie, die den auditiven Cortex im Gehirn wohltuend beeinflussen und damit die störenden Geräusche im Ohr eliminieren soll. Infos: www.edlinger-hno.at , www.meduniwien.ac.at/hno

Das Kreuz mit dem KREUZ

Bewegungsmangel und Job-Überlastung führen immer öfter zu Rückenproblemen.

Eine 50-Stunden-Woche ist für Michael Ramminger ganz normal. Der 41-jährige technische Angestellte sitzt dann in Permanenz vor dem Bildschirm – bis vor drei Jahren mit quälenden Rückenschmerzen. „Dann hab ich gespürt, dass ich was machen muss“, vor allem weil der Vielarbeiter auch in der Freizeit keinen Sport ausübte. Rammingers erstes Ziel war daher das Fitness-Center. Bei John Harris wurde er zunächst auch medizinisch durchgetestet. Dann stellte der Personal Trainer entsprechende Bewegungsübungen und eine wirkungsvolle Therapie für den geplagten Klienten zusammen. Heute geht Ramminger zweimal die Woche zum Kraft- und Lauftraining und fühlt sich besser.

Bis zu 90 Prozent der Bevölkerung leiden zumindest einmal im Leben an Rückenschmerzen. In rund 50 Prozent der Fälle ist der Nacken betroffen und in mehr als 70 Prozent die Lendenwirbelsäule, wo auch der gefürchtete „Hexenschuss“ zuschlägt. „Rückenschmerzen werden häufig entweder überdiagnostiziert und überbehandelt oder bagatellisiert und unterbehandelt“, fasst Andreas Schlager, Schmerzspezialist an der MedUni Innsbruck, das Dilemma der Rückenleiden-Pandemie zusammen.

Vor allem der Bereich der psychosomatischen Auslöser für Rückenschmerzen, wie Depressionen, Schlafstörungen oder Stress, wird vielfach nicht beachtet. Wenn trotz genauer medizinischer Checks kein organisches Leiden festgemacht werden kann und das Thema des persönlichen Umfelds angesprochen wird, „blocken bis zu 50 Prozent unserer Patienten ab“, sagt Martin Friedrich, Leiter der Orthopädie im Krankenhaus Wien-Speising, „und wollen sich zu ihren Problemen am Arbeitsplatz oder in der Familie nicht äußern“. Dabei tragen der Stress und die Angst vor dem Schmerz zu einem Vermeidungsverhalten bei, das eine hochgradige Muskelverspannung noch verstärkt. In Speising wird daher eine Kombination aus medikamentöser Schmerzbehandlung, Physiotherapie, Heilgymnastik und dem Einsatz von Psychologen forciert.

Es wäre doch so einfach, meint Wilfried Ilias vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien: „Durch Gewichtskontrolle, ausreichend Bewegung, Krafttraining sowie ergonomische Arbeitsplätze“ könne das Kreuz mit dem Kreuz weitestgehend vermieden werden. Das sieht auch Karin Ortmayer, Therapeutin bei Kieser Österreich, so: „80 Prozent der Beschwerden haben ihre Ursache in einer zu schwachen Rückenmuskulatur. Schon zweimal wöchentlich eine halbe Stunde gezieltes Rückentraining schafft da Abhilfe.“ 19.000 Österreicher vertrauen inzwischen auf die Kieser-Methode.

Neue Behandlungsmethoden

Für hartnäckige und vor allem chronische Rückenschmerzen, bedingt etwa durch altersbedingte Knorpelabnützungen, die jeder Heilgymnastik widerstehen, gibt es eine Reihe von neuen Behandlungsmethoden. Dazu zählt etwa die Kernspinresonanztherapie, deren Wirkungsweise auf Kernspinfeldern beruht. Die dabei entstehenden Schwingungsfrequenzen stimulieren das Wachstum von Knorpel- und Knochengewebe und können so den Verschleiß rückgängig machen. „Es kommt häufig zu Entzündungen der Wirbelgelenke im unteren Rücken“, sagt Unfallchirurg Reinhard Weinstabl von der Wiener Privatklinik, „hier haben wir mit der Kernspinresonanztherapie schon gute Erfolge erzielt.“

Zu einer Verbesserung der Lebensqualität soll auch die Periphere Nervenstimulation (PNS) führen, „eine sichere und wirksame Therapie gegen chronische Rückenschmerzen, wenn konservative Behandlungen versagt haben“, verspricht Rudolf Likar, Schmerzfacharzt am Landeskrankenhaus Klagenfurt.

Infos: www.oss.at , www.wpk.at , www.klinikum-klagenfurt.at , www.kieser-training.at , www.johnharris.at

MIGRÄNE: Nervenkrieg im Kopf

Mediziner warnen vor Selbstbehandlung und vor Medikamentenmissbrauch. Welche Therapien künftig helfen könnten.

Christa Katerls Leidensweg war lang. Ihre Migräne, die sie oft tagelang vom Arbeitsplatz fernhielt, nahm sie zunächst als gegeben hin. „In meiner Familie gab es auch Beispiele.“ Katerl mangelte es außerdem an Information. Der Hausarzt konnte mit ihrer Klage über die extremen Kopfschmerzen wenig anfangen. Erst durch Zufall fand die 44-jährige Angestellte einer oberösterreichischen Baufirma den Weg zu Christian Lampl, Leiter der Neurologie bei den Barmherzigen Brüdern in Linz und Präsident der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft.

Lampl verhalf Katerl nicht nur zu einer gut eingestellten medikamentösen Therapie, sondern machte ihr klar, wie wichtig das Herausfinden von Auslösern ist. Dazu bedarf es genauer Selbstbeobachtung. „Bei mir waren eindeutig Stress-Situationen im Job und zuhause die Auslöser. Die führt man oft auch selbst herbei“, so Katerl, „seither sage ich zumindest nein zum Freizeitstress und versuche mich mit Yoga und anderen Techniken zu entspannen.“ Ernährung oder Wetter spielten für ihre Migräne keine Rolle. Ihre neuen Erkenntnisse gibt Katerl seither auch in einer Selbsthilfegruppe weiter ( www.shgkopfweh.at ).

„Nur bei einer Minderheit der Betroffenen wird eine angemessene Diagnose gestellt“, weiß Lampl. Rund 50 Prozent der Leidenden behandeln ihre Migräne selbst. In nur zehn Prozent der Fälle suchen Betroffene einen Neurologen auf.

Nach Schätzungen leiden in Österreich rund 800.000 Personen an chronischem Kopfschmerz, davon 15 Prozent an Migräne und 40 Prozent an Spannungs-(Cluster-)Kopfschmerzen. Häufig werden sie nur unzulänglich behandelt, was auch enorme Kosten verursacht. Die Schmerzattacken sorgten zuletzt für 1,2 Millionen Krankenstandstage. Für Migräne-Schmerzmittel gaben die Kassen rund acht Millionen Euro aus. Paradox ist, dass die unkontrollierte Einnahme von Schmerzmitteln den Kopfschmerz oft verstärkt. „Ein durch Schmerzmittel induzierter Kopfschmerz stellt heute die dritthäufigste Diagnose nach Migräne und Spannungskopfschmerz dar“, so Lampl.

Den Kopfschmerz besiegen. Bei der Behandlung der klopfenden Schmerzen an Schläfen oder Stirn genügen keine Einzelmaßnahmen, warnt Christian Wöber, Neurologe und Leiter der Kopfschmerzambulanz am AKH Wien. „Medikamente können nur unterstützend sein, und für Migräne sind sie wirklich nötig, aber die Patienten müssen ihre Lebensrahmenbedingungen überdenken und gegebenenfalls auch ändern“, so Wöber. Das treffe vor allem auf schwere Fälle zu, denen psychosoziale Ursachen zugrunde liegen. Wöber empfiehlt vielen Patienten Entspannungsübungen wie Yoga, Hypnose und autogenes Training.

Wenn die Migräne chronisch wird, muss zu Medikamenten gegriffen und nach genauen Angaben des Facharztes behandelt werden. Dabei stützt sich die derzeitige Therapie auf Schmerzmittel aus der Gruppe der Triptane, „die allerdings auch nur bei 70 Prozent der Migräne-Patienten wirken“, so Wöber. Der Rest hofft jetzt auf neueste Behandlungsversuche mit Botox, dem Standardmittel im Anti-Aging-Bereich. „Allerdings gibt es Nebenwirkungen“, so Wöber, wie Hängen der Lider oder Probleme beim Kopfheben. Nur in schweren Fällen wird das extrem giftige Botox gelegentlich verabreicht, weil die Methode in Österreich derzeit noch nicht zugelassen ist.

Für jene, die unter episodischer, also gelegentlicher Migräne oder Cluster-Kopfschmerz leiden, gibt es ebenfalls bald neue, wirksame Medikamente, die nicht den Triptanen angehören. „Wir forschen jetzt an einer Zusammensetzung mit Weihrauch“, verrät Kopfschmerzgesellschaft-Präsident Lampl. Das Mittel, in Kapselform, habe erste vielversprechende Erfolge gebracht.

Infos: www.bblinz.at , www.kopfschmerzforum.at

Gesund im Büro, Teil 2: Nächste Woche lesen Sie, wie Stress im Beruf Ihr Herz, Ihren Magen und Ihre Augen gefährden kann.

– Ch. Neuhold, D. Gerstmeyer

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