Was wir aus dem spektakulären Absturz des Schalke Coaches lernen können

Schalke-Coach Ralf Rangnick hat den neuen deutschen Offensiv-Fußball erfunden. Die Gründe für den Fall des Hochleistungs-Managers.

Es ist der akut spektakulärste Absturz einer deutschen Führungskraft. Von der Champions League ins Burnout. Ralf Rangnick kann nicht mehr. Sein Einbruch habe sie „aus heiterem Himmel“ getroffen, behaupten die Schalke-Manager. Das kann nur stimmen, wenn sie frühzeitige Anzeichen nicht wahrhaben wollten oder sie völlig ahnungslos sind, wie es zu einem Burnout kommt. Das Management hat seine Mitarbeiter- Verantwortung nicht wahrgenommen, wie so oft in Sportklubs und sonstigen Wirtschaftsunternehmen.

Wenn Deutschland im Fußball heute Brasilien schlägt und Österreich geradezu deklassiert – sogar mit schönstem Spiel –, so hat das sehr mit Rangnick zu tun. Er war der erste „Konzepttrainer“, der germanisches Kraftgebolze in modernen Offensiv-Fußball verwandelte. Lange vor Jogi Löw.

Nun ist er ausgebrannt, ein Blitzgescheiter und höchst Erfolgreicher

Gescheitert ist er vor allem an sich selbst. Schuld ist nicht der Profifußball, auch nicht „das Leistungsprinzip“. Stress führt nicht zwangsläufig ins Burnout. Die Stress-Empfindlichkeit ist individuell sehr unterschiedlich, ebenso die Neigung, sich selbst Stress zu machen, der nicht sein müsste. Das hat zu tun mit persönlichen Eigenheiten. Davon finden wir bei Ralf Rangnick einige.

„Er gibt immer 200 Prozent“, sagen ihm Nahestehende. Außerdem ist er ein Kontroller. „Von tausend Dingen will er mindestens tausend selbst erledigen.“ Rangnick gilt als perfektionistisch. Perfektionisten geben sich nicht damit zufrieden, Aufgaben möglichst optimal zu erledigen. Sie hadern mit jeder Unzulänglichkeit, verzeihen sich keine Fehler. Sie fühlen sich nur hochtourig gut, machen sich so zu Adrenalin-Junkies, die besinnungslos alle Reserven verbrauchen. Pausen halten sie nicht aus. Kreativität aus Ruhe kennen sie nicht.

Den Wunsch, immer größere Aufgaben immer besser zu bewältigen, hegen alle Hochleister. Daraus gewinnen sie Ausdauer und Stärke.

Gut so! Doch mit perfektionistischen, letztlich unerfüllbaren Ansprüchen setzen sie sich unter Dauerstress. Sie werden adrenalinsüchtig. Dann ist ihr Leistungsanspruch brandgefährlich. Rangnicks kennen ihre Grenzen nicht. Rangnick hat sich selbst nicht verstanden, seine widerstreitenden Interessen. Deshalb konnte er nicht auf sich achten, auch nicht auf andere. Mit seinem Perfektionismus konnte er andere anzünden – mit den gleichen überzogenen Erwartungen, mit denen sie sich selbst fertigmachen.

Bei Ralf Rangnick ließ sich das schon in Hoffenheim beobachten. Nach grandiosen Erfolgen stieß er im Verein zunehmend auf Widerstand. Die Leistung der Mannschaft brach ein. Rangnick setzte sich selbst unter Beschuss, schmiss hin und verschwand von heute auf morgen.

Er erklärte, er wolle sich eine längere Pause gönnen. Weil er merkte, dass es mit ihm bergab ging. Doch er konnte keine Ruhe geben. Angestrengt hielt er sich für neue Aufgaben auf Trab und in der Diskussion. Hamburg oder Wolfsburg hätte es werden können.

Dann startete er, von heute auf morgen, auf Schalke durch. Eine Pause ohne Pause. Sein Bedürfnis, wieder etwas Großartiges zu erreichen und dafür Anerkennung zu bekommen, trieb ihn weiter in die Erschöpfungsfalle.

Schalkes Vereinsarzt verspricht, Rangnick werde „nach einer Pause wieder voll da sein“. Die Aussage verharmlost das Drama. Mit Ruhe ist es nämlich nicht getan. Rangnick kennt sich nicht genug und kann sich selbst nicht richtig managen. Er müsste, mit besseren Einsichten, seine Haltung und sein Verhalten ändern. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Dazu braucht der Coach einen Coach

Sonst kommt er vielleicht wieder auf die Beine, stolpert aber schon bald wieder in seine alte Falle.

Fazit: Burnout ist nicht einfach auf Umstände zu schieben. Es hat immer mit Persönlichkeit zu tun. Wer sich selbst und seine Triebkräfte nicht gut genug kennt, gerät schneller in Gefahr und zieht andere mit. Indem er auch sie übertrieben fordert und ihre Burnout-Risiken nicht erkennt. Das ist ein eklatantes Führungsdefizit – mit gehörigem Schadenspotenzial.

- Michael Schmitz
Management Coach, Professor für Psychologie an der Lauder Business School

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