Über Online-Anbieter vermittelter Urlaub in fremden Privatdomizilen liegt im Trend

Heimat, fremde Heimat. Online-Anbieter, die darauf spezialisiert sind, Unterkünfte von Privatepersonen zu vermitteln, boomen. Vom Luxusloft über die Promi-Villa bis zum simplen Hüttenzauber ist dabei alles zu kriegen. Die besten Adressen weltweit.

Manchmal werden aus Fremden Bekannte. Wie bei Britta Wieseke und ihrem Quartiergeber im Urlaubsort. Doch der Kontakt kam mehr aus Verzweiflung denn aus Interesse zustande. Eigentlich wollte die Deutsche mit ihrer Familie einen ganz normalen Urlaub mit Übernachtung in einem Hotel in Oslo verbringen. "Doch die Unterkünfte waren für uns nicht leistbar“, so Wieseke. Das Minimum für eine Familie mit zwei Kindern liegt, so ihre Erfahrung, bei 600 Euro für drei Tage, "und das in einer einschlägigen Gegend in der Nähe des Bahnhofs“.

Doch dann entdeckte sie durch Zufall das Online-Portal airbnb.com, das Unterkünfte nur zwischen Privatpersonen vermittelt. Dort fand sie dann drei Nächte in einer adretten Wohnung um 200 Euro. "Aber das Beste daran war“, so Wieseke, "der Kontakt zu einer anderen Familie in diesem Land.“ Die Kinder durften die Spielsachen der Gastgeberfamilie benutzen, die Eltern mussten am Abend nicht wie sonst in einem gemeinsamen Hotelzimmer das Licht frühzeitig ausknipsen, weil die Kinder schliefen. "Man fühlt sich nicht wie ein Fremder, sondern es ist, als ob man Bekannte besucht“, beschreibt Wieseke ihren Eindruck vom Oslo-Trip. Auch wenn sie die Gastgeber selbst nur bei der Schlüsselübergabe gesehen hat, der Kontakt blieb während und nach dem Urlaub aufrecht. Die Vermieter übernachteten in der Zwischenzeit bei Freunden.

Britta und ihre Familie passen exakt in das Akquisitionskonzept der vielen neuen Online-Anbieter für private Unterkünfte. Sie richten sich an Menschen, die mit ihren Vorstellungen von Unterbringung im Urlaub nicht in das Konzept eines Hotels passen oder die einfach keine Lust mehr auf langweilige Großhotels verspüren. Diese Urlauber wollen sich, wenn sie etwa in New York sind, wie echte New Yorker fühlen und entsprechend wohnen: in einem Loft mit Blick auf die Brooklyn Bridge. Mit Nachbarn, Cafés, Bars und Boutiquen.

Das Portal airbnb, die Abkürzung steht für air bed & breakfast (Luftmatratze und Frühstück), hat genau den Nerv der Zeit getroffen. Seit dem Start 2008 wurden knapp zwei Millionen Übernachtungen vermittelt. Die Auswahl ist riesig. In mehr als 19.000 Städten in 192 Ländern machen Menschen - gegen Bezahlung - bereits Platz für Fremde in der eigenen Wohnung. Laut Analysten wird der Wert des Unternehmens mit 1,3 Milliarden Dollar beziffert. In New York kommt bereits auf zehn Hotelzimmer eine airbnb-Unterkunft. Einer der größten Anbieter in Europa, wimdu.at, kann ebenfalls bereits auf 500.000 vermittelte Nächte verweisen.

Angebote zwischen 30 und 6.000 Euro pro Nacht

Allen Anbietern gemeinsam ist, dass ihre Unterkünfte oft mit dem ganz besonderen Dreh locken: eine Edelvilla in Miami (Bild), ein Baumhaus mit Blick auf die Bucht von San Francisco, Frank Sinatras ehemalige Villa in Palm Springs. Oder eine besonders gemütliche Wohnung mitten in Paris, im Idealfall sogar zu einem guten Preis. So ist die Pariser Wohnung mit 110 Euro pro Nacht vergleichsweise günstig.

Tatsächlich ist Privatwohnen via Online-Vermittlung meist wesentlich günstiger als ein Hotel. So rechnet der Anbieter Housetrip vor, dass etwa ein Einzelzimmer in Paris im Schnitt 153 Euro pro Nacht kostet, bei Housetrip liegt der Durchschnittspreis in Paris für ein Zweitbettzimmer bei 114 Euro. In anderen Städten ist die Differenz nach Angaben des Portals ähnlich hoch. Schon deshalb, weil man in den meisten Fällen für die Unterbringung nur pro Nacht und nicht pro Person zahlt. Doch nicht nur diejenigen, die eine billige Unterkunft suchen, werden fündig, auch Leute mit Luxus-Ambitionen. "Wir bieten von 30 bis 6.000 Euro pro Nacht ein breites Spektrum an“, erklärt Lena Sönnichsen von airbnb Deutschland.

Der bunte Mix aus schrägen, mondänen und gemütlichen Behausungen scheint zu funktionieren. Das mag unter anderem an den im Internet hübsch aufbereiteten Heimen liegen. Aber nicht nur die Wohnungen oder die Häuser sind im schönsten Licht abgebildet, auch die Vermieter selbst treten auf und kommen nahezu alle sympathisch rüber. Bei airbnb werden sowohl Unterkunft als auch Vermieter meist von Profis kostenlos fotografiert. Eine firmeninterne Studie von Wimdu ergab, dass nicht die besonders günstigen Angebote am häufigsten gebucht werden, sondern jene, bei denen die Fotos ein möglichst persönliches und rundes Gesamtbild vermitteln.

Vertrauen durch Bewertung

Aber warum vermieten Menschen ihre Wohnung an Wildfremde? "Weil sie einander vertrauen“, sagt Stephan Uhrenbacher, Chef der Online-Plattform 9flats.com. Die meisten Menschen verhalten sich anständig, auch wenn sie einander nicht kennen. Das hat auch einen handfesten Grund: Der Vermieter wird vom Reisenden bewertet, dieser beurteilt aber auch selbst, ob sich der Gast bei seinem Aufenthalt ordentlich benommen hat. "Im Gegensatz zu manchen Hotel-Bewertungen sind Fakes bei uns nicht möglich. Nur wer tatsächlich eine Unterkunft durch airbnb gemietet hat, kann auch eine Bewertung abgeben“, erklärt Sönnichsen. Schlechtes Benehmen kommt an den Pranger. "Anbieter wissen, dass ihr Verhalten Auswirkungen auf ihre künftigen Geschäfte hat.

Wer gut bewertet wird, dem vertrauen auch andere“, so die Konsumverhaltensforscherin Rachel Botsman. Was Melde- und Steuerpflicht betrifft, bewegt sich das neue Marktsegment allerdings noch in einer Grauzone.

Für Facebook-Freunde

Ein Teil des Erfolgs dürfte auch mit einer ausgeklügelten Verlinkung mit Facebook zusammenhängen. So können Gastgeber etwa bei airbnb angeben, nur den eigenen Online-Freundeskreis beherbergen zu wollen, bestenfalls noch die Freunde der Facebook-Freunde. "Auf diese Weise entstehen auf unserer Plattform 425 Millionen mögliche Verbindungen“, so Sönnichsen. Wer eine Unterkunft sucht, kann die Kriterien danach filtern, ob der Gastgeber auf Facebook mit den eigenen digitalen Freunden befreundet ist. Das wird zwar bei Usern aus Österreich nicht so häufig vorkommen wie in den USA oder Deutschland, aber auch hierzulande steigt die Zahl dieser Vermietungen. Derzeit sind etwa auf airbnb rund 680 Österreicher bereit, ihr Heim zwischenzeitlich für Fremde zu räumen, bei Housetrip sind es zwar schon 3.300, allerdings sind dort auch typische Ferienunterkünfte von professionellen Vermietern dabei.

Das neue Geschäftsmodell hat auch seine Schattenseiten. Mitte letzten Jahres etwa verwüstete ein Mieter von airbnb eine Dachgeschoßwohnung und klaute Laptop, iPod und Kamera. Seither erhalten Vermieter im Schadensfall von diesem Anbieter auf Kulanzbasis bis zu 50.000 Euro. Beim Konkurrenten 9flats.com kann man sich zu einer Tagespauschale von 3,50 Euro gegen Schäden bis zu 2.500 Euro absichern. "Bei zwei Millionen vermittelten Übernachtungen ist die Schadensquote aber sehr gering“, so Sönnichsen von airbnb.

Oft nehmen Gastgeber und Gäste schon vorher via Skype, konventionelles Telefon oder via Mail erste Kontakte auf - wenn einer dem anderen nicht vertraut, kommt der Deal dann eben nicht zustande. Dabei bleibt man weitgehend anonym, denn telefoniert und gemailt wird nur via Online-Portal, ohne vorher private Nummern oder Mailadressen ausgetauscht zu haben.

Auch beim Geldtransfer für die Vermietung sind beide Parteien abgesichert, denn die Vermittler im Web sind immer dazwischengeschaltet. So erhält der Gastgeber etwa bei airbnb das Geld des Mieters vom Online-Dienst erst 24 Stunden, nachdem die Gäste eingetroffen sind und die Wohnung oder das Zimmer tatsächlich so ist wie beschrieben. Damit auch der Gastgeber abgesichert ist und weiß, dass die Buchung ernst gemeint ist, muss das Geld bereits bei der Buchung überwiesen werden. airbnb selbst kriegt für die Vermittlung zwischen sechs und zwölf Prozent Provision, bei 9flats sind es 15 Prozent. Wie viel der Gastgeber für sein Zelt, sein Zimmer oder seine Villa verlangt, bleibt ihm überlassen.

Reisebüro ade

Der unglaubliche Boom bei Urlauben in Privatwohnungen, der vor allem 2011 so richtig eingesetzt hat und Steigerungsraten bis zu 1.000 Prozent für einzelne Anbieter brachte, dürfte sich fortsetzen. Denn was die Kunden dieser Vermietungsportale treibt, ist der Wunsch nach individuellem Urlaub. "Das Reisebüro wird spätestens für die Generation der Mittzwanziger à la longue obsolet werden“, prognostiziert die Verhaltensforscherin Botsman.

Bereits jetzt hat sich durch die neuen Buchungsmöglichkeiten das Verhalten der Reisenden teilweise verändert. "Viele suchen nicht mehr zuerst die Stadt, die sie bereisen wollen, sondern nach den beliebtesten Gastgebern“, erzählte kürzlich airbnb-Gründer Brian Chesky. Vielen Erholungssuchenden ist die tolle Wohnung, die sie sonst nie zu Gesicht bekommen hätten, wichtiger als das Reiseziel.

Die Adressen für private Unterkünfte

www.airbnb.com Weltweit größtes Portal. In über 19.000 Städten in 192 Ländern. Von der Luftmatratze bis zum ganzen Dorf. Vor allem in den USA und Europa. Bisher zwei Millionen gebuchte Nächte. Seit 2008.

www.wimdu.at 50.000 Zimmer, Wohnungen, Apartments und Häuser in 100 Ländern auf der ganzen Welt mietbar. Wimdu wurde im März 2011 gegründet und hat bereits 200 Mitarbeiter.

www.9flats.com 31.000 private Unterkünfte weltweit. Größtes Angebot in europäischen Großstädten.

www.housetrip.com Auf die Vermietung luxuriöser Privatwohnungen und -häuser spezialisiert. Angebote in 7.000 Orten weltweit. Derzeit 82.000 Unterkünfte im Angebot. 500.000 gebuchte Nächte seit 2010.

www.iStopOver.com Hauptsächlich in den USA, Europa und Südafrika. Bieten Apartments und Häuser an. Angebote in 16.000 Städten weltweit. Von Apartments über Villen bis zum Hausboot.

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