Nicole Wesner tauschte Job gegen Boxring

Nicole Wesner tauschte Job gegen Boxring

Nicole Wesner hat echt Mumm. Sie hängte ihren Manager-Job bei Hoffmann-La Roche an den Nagel und zog sich die Box-Handschuhe an. 2011 holte sie den ersten österreichischen Staatsmeistertitel. Am 3. November hat die Akademikerin und Wahlwienerin ihr Profi-Debüt in Darmstadt.

Nicole Wesner, 35, weiß, was sie will. „Im nächsten Jahr möchte ich unter den Top Ten der europäischen Boxerinnen sein. Mein Endziel ist der Weltmeistertitel.“ Wie ernst es der promovierten Wirtschaftswissenschaftlerin ist, hat sie bereits bewiesen. Vor drei Jahren hängte die sechssprachige Produktmanagerin ihren Job beim Pharmakonzern Hoffmann-La Roche in Wien an den Nagel und entschied sich für eine Karriere als Boxerin. Nur zwei Jahre später wurde die Wahlwienerin erste österreichische Staatsmeisterin im Amateur-Boxen. Und am 3. November erwartet sie in Darmstadt ihr Profi-Debüt im Leichtgewicht (61,235 Kilo). Dass sie dort den Sieg holt, daran lässt Wesner keinen Zweifel: „Ich habe das Videomaterial meiner Gegnerin gesehen, das dürfte kein Problem sein.“

Freigeist und Familie

So couragiert, wie die Frau in den Ring steigt, lebt sie auch ohne Sicherheitsnetz. Seit dem Abschied aus dem Arbeitsalltag hat die junge Frau noch keinen Cent Geld verdient. Ihren Lebensunterhalt und die Miete der Altbauwohnung in Wien-Mariahilf deckt sie mit ihren Ersparnissen ab. Als Profi hofft sie jetzt auf Sponsorgelder. Doch wie reagieren Eltern, wenn die Tochter die akademische Karriere hinschmeißt, um Boxerin zu werden? „Eine Durchschnittsfamilie hätte die Krise bekommen. Bei uns sind alle ziemlich freigeistig. Meine Eltern haben gesehen, wie meine Augen leuchteten, wenn ich über Boxen redete, und meine Mutter ist heute mein größter Fan“, erzählt Wesner.

Dabei kam sie zufällig zum Kampfsport. In ihrem damaligen Fitnesscenter Shinergy tauschte Wesner die Yogastunde gegen ein Boxtraining ein und fing Feuer. Der Wechsel zum Amateurboxverein Bounce in Wien-Ottakring erfolgte alsbald. „Die meisten sehen beim Boxen nur das Endprodukt, den Kampf. Aber Techniktraining, Reaktion, Schnelligkeit und Ausdauer, das ist die eigentliche Challenge“, beschreibt sie die Faszination Boxen.

Veilchen und Titel

Ihren ersten Kampf bestritt Wesner Ende 2010. Nur ein Jahr später holte sie sich durch einen „haushohen Sieg“ den ersten österreichischen Staatsmeistertitel. K. o. ging Wesner noch nie, außer einem blauen Auge ist ihr schönes Gesicht bisher unversehrt geblieben. Das könnte sich jetzt ändern, wenn sie sich sukzessive die Weltrangliste (87 Boxerinnen in ihrer Klasse) hochkämpfen möchte. „Die Gegnerinnen werden immer schwieriger“, erklärt sie. Am Anfang ihrer Profi karriere steht sie viermal zwei Minuten im Ring. Das steigert sich jedoch auf bis zu zweimal zehn Minuten beim Titelkampf.

Für einen Mann ist Wesner sicher in jeglicher Hinsicht eine Herausforderung. „Stimmt“, gibt die Sportlerin zu, „seit ich boxe, bin ich Single.“ Früher hatte sie leicht Bekanntschaften geschlossen. Doch seit sie Profisportlerin ist, hat sie keine Beziehung mehr. „Früher war die Arbeit mein Lebensmittelpunkt, sie hat mir viel Spaß gemacht. Jetzt bin ich mit dem Boxen verheiratet“, scherzt sie. „So ein Leben mit einer Leistungssportlerin muss jemand einmal mitmachen wollen.“ Wesner trainiert zweimal am Tag, jeweils zwei Stunden, und sie ernährt sich „sehr strukturiert“, isst viel Gemüse, kaum Kohlehydrate und verzichtet auf Süßes und Alkohol. Wesner raucht nicht und hängt nie in Discos rum. Der Erfolg kann sich sehen lassen: bei einer Größe von 1,73 Meter bringt die Blondine nur 61 Kilogramm auf die Waage. Ihr Körperfettanteil: vier Prozent! „Ich bin extrem athletisch, bestehe nur aus Muskeln und Wasser.“

Klischees und Männer

Dieser gestählte Körper ist auch schon gegen einen Mann in den Ring gestiegen. Allerdings nur zum Spaß. Wesners Sparringpartner war der Skirennläufer Stefan Görgl. Wer den Sieg davongetragen hat, das verrät sie nicht. Die Männerwelt reagiert ganz unterschiedlich auf Wesners Sport. Während die einen fasziniert sind, haben andere schon Klischeebilder im Kopf. „Boxen ist ein taktischer Sport, der mit Gewalt verbunden ist. Trotzdem bin ich kein Monster, das Männer auseinandernimmt“, versucht Wesner manche verschobene Bilder zurechtzurücken. Kommt Zeit, kommt Mann.

Jetzt gilt Wesners Konzentration jedenfalls zu hundert Prozent ihrem ersten Profikampf am kommenden Samstag. Als gebürtige Deutsche tritt sie zwar vorderhand noch nicht für ihre Wahlheimat an. Doch ihre Boxerhose zieren zwei Flaggen: „Eine für Deutschland und eine für Österreich, weil ich Boxen in Österreich gelernt habe, hier lebe und mich in Wien wohlfühle.“

Die Ex-Managerin muss Erfolg haben, weil ewig wird sie nicht vom Ersparten leben können.

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