Neustart statt Burnout: Was tun, wenn der Job Sie fertig macht?

Ausgebrannt? Sinnkrise, Unlust, innere Leere, Ohnmachtsgefühle? 77 % der Österreicher wähnen sich burnoutgefährdet und sehnen sich nach einem beruflichen Neustart. Wie man rechtzeitig die Notbremse zieht und seine Balance wiederfindet. Fünf Aussteiger berichten.

Gemeinhin ist „rücktrittsreif“ ein negativ konnotiertes Adjektiv und wird immer wieder gern verwendet, wenn hohe politische und ökonomische Würdenträger ihr Amtsverständnis gar arg ausdehnen. Rücktrittsreif kann aber auch einen Zustand beschreiben, der nichts mit persönlichen Verfehlungen oder Erfolglosigkeit zu tun hat, sondern Folge eines Erschöpfungszustandes ist. Und diesen Zustand selbst zu erkennen ist durchaus positiv zu bewerten. „Leisertreten“ heißt das dann in der Alltagssprache – oder: „Reif für die Insel“.

Da lohnt es, etwa einen genaueren Blick auf den Exvizekanzler, Exfinanzminister und Ex-ÖVP-Parteichef Josef Pröll zu werfen. Als der 42-jährige Vollblutpolitiker kürzlich nach zwei Thrombosen und einem Lungeninfarkt seinen kompletten Rückzug aus der Politik bekannt gab, zog er die Notbremse und bewies damit Einsicht und Klugheit. „Ich habe mich nicht gegen die Politik entschieden, sondern für meine Gesundheit und meine Familie“, verkündete der scheidende Staatsmann in seiner viel beachteten und beklatschten Rede. Damit zeigte er, dass „Rücktrittsreife“ durchaus als bewusste Entscheidung interpretiert werden kann. „Ich bräuchte noch mehr Kraft als in den letzten drei Wochen“, so Prölls Erkenntnis in der Rekonvaleszenz, dass seine Konstitution dem fordernden Knochenjob Politik nie und nimmer dauerhaft standhalten würde.

Systemüberlastung

Rechtzeitig weg vom Gas, das schafft nicht jeder. Deswegen steigt die Zahl der von Burnout Betroffenen stetig an – auch, weil die Stress-Krankheit nach wie vor ein Tabuthema ist. Wer zu seinem persönlichen Schachmatt steht, wird hinter vorgehaltener Hand oft noch als Weichei bezeichnet, wer bis zum Herzinfarkt malocht, gilt als Held der Arbeit. Da tut es selbstverständlich gut, wenn Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, ihre Krankheitserfahrungen verarbeiten. Wie etwa Eventmanager und Exskispringer Hubert Neuper, der ein Buch über seinen innerlichen Absturz und seine Ausgebranntheit geschrieben hat: „Flatline“ (Ibera). Oder die deutsche Publizistin und Uni-Professorin Miriam Meckel, die ihre beruflichen Seelenqualen in „Brief an mein Leben“ (Rowohlt) zu einem Bestseller verarbeitet hat.

FORMAT widmet der „Burnoutfalle“, die immer häufiger zuschnappt, eine dreiteilige Serie. Der vorliegende erste Teil behandelt vor allem das Erkennen der Symptome, Tipps zur Burnoutprävention und Fallbeispiele von Menschen, die noch rechtzeitig – oder zumindest nach einem Zusammenbruch – die Reißleine gezogen haben. Im zweiten Teil lesen Sie, was Unternehmen tun können, um ihre Mitarbeiter vor Erschöpfung zu bewahren. Der dritte Teil wird sich mit der medizinischen Therapie befassen.

Oft reicht es, im bestehenden Job sein Verhalten zu ändern. Manchmal hilft nur noch der berufliche Aus- oder Umstieg. Der österreichische Unternehmer Peter Brauchl hat noch rechtzeitig die Kurve vor einem gesundheitlichen Totalcrash geschafft. Der erfolgreiche Fertigteilhauskönig krempelte knapp vor dem Herzinfarkt sein Leben um, verkaufte seinen Betrieb und verschrieb sich der beruhigenden Fischzucht. Nebeneffekt: Mit seinem „Alpenlachs“ wurde er zu einem Vorreiter der Bio-Fischzucht, und auch das neu gegründete Unternehmen floriert – mit einem Unterschied: Der Entrepreneur vermied es diesmal, sich beruflich aufreiben zu lassen und in ein weiteres Burnout zu schlittern.

Brennpunkt Burnout

Die inflationäre und landläufige Verwendung des Begriffes Burnout als Synonym für jede Art von Erschöpfung, Stress und Überarbeitung hat viele Kritiker auf den Plan gerufen, die der „Phantomkrankheit“ den Status der Ernsthaftigkeit absprechen wollen. Hauptsächlich, weil Burnout im engeren Sinn keine Krankheit mit eindeutigen diagnostischen Kriterien ist. Nur, das ändert nichts an der Tatsache, dass in Österreich ein rasanter Anstieg stressbedingter Krankheiten zu verzeichnen ist. Obwohl die Zahl der Krankenstandstage rückläufig ist, steigen Krankenstandsdauer und Frühpensionierungen wegen psychischer Leiden. Experten führen diese auf den ersten Blick widersprüchliche Diskrepanz auf den Druck zurück, der auf Arbeitnehmern lastet.

Aus Angst vor Jobverlust stolpert man mit Rücken- und Kopfschmerzen durch den Berufsalltag, der einem auf die Nerven geht. Psychische Probleme verursachen 2,5 Millionen Fehltage jährlich – das sind fast dreimal so viele wie noch vor zwanzig Jahren. Umgerechnet ergibt sich daraus ein volkswirtschaftlicher Schaden von sieben Milliarden Euro (Patientenbericht WIFO 2009) für die Allgemeinheit.

Prävention steht trotzdem nicht auf den To-do-Listen der Politiker und Unternehmer. Öffentliche, aber auch private Kassen zahlen erst dann, wenn’s bereits zu spät ist. Psychisch erkrankte Patienten bekommen zwar eine Therapie auf Krankenschein. Allerdings ist der Start der kostenlosen Therapie meist mit Wartezeiten verbunden. Nimmt man sich – weil der Hut bereits brennt – einen Therapeuten seiner Wahl, bekommt man lediglich einen Zuschuss von 22 Euro pro Sitzung – bei Stundenhonoraren ab 70 Euro aufwärts.

Im Hamsterrad gefangen

Obwohl Burnouts in allen Branchen vorkommen, gibt es besonders risikogefährdete Jobs. „Gerade in helfenden Berufen und mit zunehmender Knappheit von personellen Ressourcen ist Burnout ein wichtiges Thema“, sagt Henriette Walter von der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien. „Burnout riskiert, wer sich selber überfordert, alles immer perfekt machen will und nicht nein sagen kann.“

Aber wie erkennt man den dräuenden Zusammenbruch? Worauf muss man achten, um nicht erst zusammenzuklappen, und wo verläuft die Grenze zur Erschöpfungsdepression? Henriette Walter macht die Krankheit an drei aussagekräftigen Symptomen fest: „Erschöpfung und Leistungsreduktion“, „Zynismus im Arbeitsalltag“ und Zustand der „Depersonalisation“. Ist dieser Point of no Return erreicht, fühlen sich Betroffene hilflos, machtlos und irgendwie völlig neben den Dingen und ihrer eigenen Person stehend. Nach Einschätzung der Experten leiden in Österreich fünf Prozent der Arbeitnehmer an einem „echten“ Burnout. Gefährdet, dorthin zu kommen, sind aber viel mehr.

Raus aus der Falle

„Ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung sieht immer weniger Spielraum, sich zu entfalten, integer zu handeln und die Arbeit als Quelle der Inspiration und der Freude zu erleben“, merkt Lisa Tomaschek-Habrina an, Leiterin des Instituts für Burnout und Stressmanagement („Ibos“). Eine brandaktuelle und repräsentative Umfrage des Instituts ergab, dass von rund 11.000 Teilnehmern 78 % der weiblichen und 75 % aller männlichen Befragten unter akuter, stressbedingter Überforderung leiden. Der wirtschaftliche Druck, so die Expertin, sei seit den 1990ern – und besonders in den letzten zehn Jahren – derart gestiegen, dass der Kampf um materielle Ziele das alles beherrschende Thema ist.

Zwei Jahrzehnte lang war auch für den Finanzexperten Heinrich Karasek das Anhäufen von Vermögenswerten für sich und andere wichtigster Lebensinhalt. „Im Gegensatz zu meiner Yuppie-Ära haben sich meine Prioritäten verschoben. Ich verbringe mein Wochenende lieber im Waldviertel, als aus Statusgründen einen Fünf-Sterne-Urlaub zu buchen“, sagt der ehemalige Managing Director von Sal. Oppenheim. Der 42-Jährige hat jüngst gewagt, wovon andere nur träumen: Er stieg aus der Finanzbranche aus, um nach einer dreimonatigen Sinnsuche ein Lokal zu eröffnen. „Als Gastronom kriege ich unmittelbares Feedback der Gäste. Glückliche Menschen erfüllen mich mehr als alle Renditen dieser Welt“, bemerkt der Umsteiger.

Mit dieser Einstellung ist der Wiener Exmanager nicht alleine. Immer mehr Menschen sehnen sich nach einem beruflichen Neustart, der in erster Linie ihre Wünsche und Sehnsüchte stillt. Wer merkt, dass er in seinem Job nicht mehr zu 100 Prozent glücklich ist, sollte zumindest einmal ans Umsatteln denken.

„Manche sind jahrelang unzufrieden und leiden still vor sich hin; da ist von Burnout noch gar keine Rede“, sagt Erfolgscoach und Buchautor Tom Diesbrock, der mit seinem aktuellen Buch „Ihr Pferd ist tot? Steigen Sie ab!“ (Campus) Menschen darin bestärken will, sich beruflich neu zu orientieren. „Es können auch kleine Schritte der Umorientierung sein, die Erleichterung und Zufriedenheit schaffen – es muss ja nicht gleich das komplette Ausstiegsszenario mit Palmhütte am Sandstrand sein“, empfiehlt Diesbrock.

Hilfe zur Selbsthilfe

Wenn der Schuh drückt und die boomende Ratgeberliteratur nicht auf die Sprünge hilft, sollte man auf professionelle Weichensteller zurückgreifen. Etwa auf Coaching-Experten wie Margot Schmitz, die mit Tipps die Neuorientierung im Berufsleben erleichtern. „Ganz am Anfang steht die Sinnfrage: Wenn man glaubt, die Pension gar nicht oder nur krank zu erreichen, und sein Gehalt als Schmerzensgeld empfindet, ist es bereits höchste Zeit umzudenken“, umreißt Fachfrau Schmitz die Problematik. Ein stabiles soziales Netzwerk im Hintergrund kann sich als hilfreich erweisen. „Schließlich kann es nicht darum gehen, sich für Geld zu prostituieren. Im Zentrum muss die Frage stehen, wie ich wieder Lust an der Arbeit schöpfe und wie sich das realisieren lässt, ohne dabei psychischen und physischen Schaden zu erleiden.“

Der Weg der Veränderung mag zwar steinig sein, unterm Strich zahlt es sich aber aus, Bedenken über Bord zu werfen und einen Umstieg zu wagen. Den Tribut, den man dem Körper und Geist bei konsequenter Ausbeutung und Missachtung der Signale zollt, ist es letztlich nicht wert. Was Josef Pröll demonstriert hat.

– Dina Elmani, Manfred Gram
Mitarbeit: H. Hacker

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