Megatrend Dealer-Chic: Schnorren deluxe

Leben wie Gott in Frankreich zum Bestpreis? Kein Problem. Dealer-Chic ist das Wort der Stunde, Preisbewusstsein nicht mehr peinlich. Anteilseigentum an Yacht & Zinshaus, Schnäppchenjagd im Internet. Zehn Ideen, wie Sie Geld sparen und den Schein wahren.

Niki Lauda hat nichts zu verschenken. Das akklamiert der erfolgreiche Ex-Formel-1-Fahrer und Geschäftsmann mehrmals täglich via Werbespot als Testimonial für eine Bank. Der 62-jährige Flugliniengründer wurde seiner Sparfreude wegen nicht selten Opfer kleiner Sticheleien in den Society-Rubriken diverser Medien. Pfennigfuchserei kommt nämlich nicht immer gut an und sorgt in wohlhabenden Kreisen mitunter für Kopfschütteln und giftige Kommentare.

Allerdings könnte man Lauda mit seinem teils selbstironischen Werbeauftritt kurzerhand auch zur Galionsfigur eines Konsumtrends ernennen, der nun endgültig den Mainstream erreicht hat und von fin­digen Marktbeobachtern und Lifestyle-Analysten „Dealer-Chic“ genannt wird. Hinter dem knackigen Anglizismus verbirgt sich zwar nur die gemeine Schnäppchenjagd, also das gezielte Suchen nach den günstigsten Angeboten und den höchsten Rabatten. Nur ist diese Jagd, dieses Durchforsten der Angebote mittlerweile salonfähig, ja sogar hip geworden und wurde von statusbewussten Konsumenten vom Muff alter Tage befreit.

Durchblick  

Wer geschickt beim Einkaufen spart und auf sein Geld achtet, ist ein Schlaumeier in der Kon­sumarena und darf – so wie es sich für richtige Schlaumeier gehört – auch ordentlich damit angeben. Das Nutzen von Deals und Discounts gilt nämlich nicht mehr als peinlich oder kleinlich. Das hat nur vordergründig mit Wirtschafts- und Finanzkrise und mit der Tatsache, dass die Menschen in den Industrie­ländern weniger Geld zur Verfügung haben, zu tun.

Es geht auch um Kontrolle und Emanzipation ­angesichts undurchsichtiger Preispolitik großer Marken. Es geht ums Beherrschen neuer Technologien und das Filtern von Angeboten über Social-Media-Kanäle wie Twitter oder Facebook. 79 % der Smartphone-Besitzer nutzen etwa ihr Handy zum Shoppen, und fast die Hälfte (48 %) sucht damit gezielt nach Gutscheinen und Rabatten, fand eine Studio von ­Ipsos und Google heraus. „Das Internet hat für Preistransparenz gesorgt, da steigt natürlich die Tendenz, die Angebote – ganz im Sinne unternehmerischen Denkens – zu vergleichen“, kommentiert Andreas Steinle, Trendforscher und Geschäftsführer des deutschen Zukunftsinstituts, diese Marktentwicklung.

Das lässt sich auch nicht mehr zurücknehmen. Der „Dealer-Chic“ wird also bleiben. Und Gutscheinanbieter wie Daily Deal oder Groupon erfreuen sich nach wie vor regen Zuspruchs. Das amerikanische Rabattportal Groupon etwa zählt weltweit fast 143 Millionen Mitglieder und verkaufte im Vorjahr 33 Millionen Deals. Vorwiegend Friseur- oder Restaurantbesuche, aber auch Merkwürdigkeiten wie 44.000 Darmreinigungen fanden ihre Abnehmer. „Jeder kann sparen, und man sollte Rabatte, sobald sie gewährt werden, unbedingt nutzen“, erklärt Hermann Scherer.

Der Marketingberater und Wirtschaftsbuchautor hat eben ein „Kleines Lexikon der Karten, Meilen, Punkte & Rabatte“ veröffentlicht. Der passionierte Vielflieger listet darin umfangreich und genau die Leistungen von Kundenkarten auf und erklärt als unaufdringlicher Kenner, welche Programme, Kundenkarten oder Websites für Sparefrohs sinnvoll sind. Und es gibt natürlich auch eine Schattenseite im Schnäppchenparadies. „Nicht selten verfallen gekaufte Gutscheine einfach. Und natürlich besteht eine gewisse Gefahr darin, Dinge zu kaufen, die man nicht wirklich braucht“, erwähnt Scherer.

Andreas Steinle vom Zukunftsinstitut sieht bei ­diesem Konsumtrend ebenfalls nicht nur die positiven Seiten. „Wenn die Qualität auf der Strecke bleibt und T-Shirts nur noch einen Euro kosten, wird es hässlich, und der Diskont zeigt seine Fratze.“ Allerdings hat der Trendforscher durchaus auch Vertrauen in den Kon­sumenten: „Die Kunden sind zwar preisbewusster geworden, sie fragen sich aber auch, wo und wie ­Güter produziert wurden. Der Nachhaltigkeitsgedanke setzt sich langfristig durch.“

Zeig, was du hast  

Mit stark verbilligtem Luxus, auch wenn man ihn nicht unbedingt braucht, lässt sich’s übrigens nicht nur auf Konsumentenseite gut leben. Auch die Anbieterseite macht ordentlichen Umsatz. So setzte die französische Online-Plattform vente-privee.com im Vorjahr 1,1 Mrd. Euro mit dem Verkauf und Versand von Restposten diverser Markenhersteller um, und das New Yorker Start-up Gilt schickt sich gerade an, mit stark ra­battierter Designerkleidung am Luxus-Diskontmarkt ordentlich Staub aufzuwirbeln; es liefert sein Angebot seit kurzem in 90 verschiedene Länder. Es war also noch nie so einfach, günstig an Designermode zu kommen.

Gut gekleidet und ausgestattet mit den neuesten Hightech-Gadgets, lässt sich schon Status zeigen und Schein(e) wahren. Sparen bei gleichzeitigem ­Prestigegewinn kann man aber auch mit anderen Mitteln.

So ist es – entsprechende Basisfinanzen vorausgesetzt – momentan nicht unüblich, Anteile von Yachten zu kaufen oder solche mit Gleichgesinnten anzumieten. Für Immobilienanleger wurden Konzepte ent­wickelt, bei denen man Eigentumsanteile von Zinshäusern kauft, Grundbucheintrag inklusive. Und selbst schicke Designerbüros lassen sich neuerdings kurz- oder langfristig zu vertretbaren Konditionen einfach anmieten. Sogar im Kulturbereich lässt sich für Projekte, die man umsetzen will, erfolgreich Geld zusammenschnorren. Crowdfunding heißt das Zauberwort, bei dem Privatpersonen mit Kleinbeträgen in ein Projekt investieren, an dessen Erfolg sie glauben. Kommt zu wenig zusammen, kriegen die Hobby-Mäzene ihr Geld zurück, stimmt der Betrag, gibt es eine Prämie. Auf diese Weise wurde etwa im Vorjahr der Erotikfilm „Hotel Desire“ (Kosten 170.000 Euro) produziert. „Das ist die zweite Stufe von Internetnutzung“, erklärt Andreas Steinle. „Jetzt formiert man sich zu Gemeinschaften, um mit gebündelten Kräften ein großes Ziel zu verfolgen.“

Manfred Gram

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