Gesund im Job: Warum Unternehmen auf ihre Mitarbeiter achten sollten

Betriebliches Gesundheitsmanagement und Burnout-Prävention sind für Unternehmen mehr als nette Wohlfühlprogramme, die sich gut im CSR-Bericht machen. Es geht dabei um Prodduktivität, Effizienz – und Milliardenbeträge.

Manche Manager sehen betriebliches Gesundheitsmanagement immer noch als eine Art Spaß- und Freizeitprogramm für Mitarbeiter – ganz nett, wenn man es hat und sonst nicht wüsste, was man in diesen neumodischen Nachhaltigkeitsbericht überhaupt hineinschreiben soll. Aber, so die Geisteshaltung dahinter, wenn das nächste Mal wieder zehn oder 15 Prozent Kosteneinsparung angesagt sind, gehört das Wellnesszeug zusammen mit dem Etat für die Weiterbildung ganz sicher zu den ersten Streichkandidaten.

Beim amerikanischen Pharmazie- und Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson weiß die Führungsetage hingegen genau, dass ein Investment in Gesundheitsmanagement weit mehr Ertrag bringt, als die schärfsten Sparmaßnahmen auf der Kostenseite je herauspressen könnten: 271 Prozent betrug laut einer in der „Harvard Business Review“ publizierten Studie die Rendite jedes einzelnen Dollars, der von 2002 bis 2008 dort in die soziale, mentale und physische Gesundheit von Mitarbeitern investiert wurde. Hochgerechnet ersparte sich das Unternehmen durch sein betriebliches Gesundheitsprogramm 250 Millionen Dollar.

Krank in der Arbeit ist teurer als Krankenstand

Obwohl solche Untersuchungen auf betrieblicher Ebene in Europa noch nicht vorliegen, sind derartige Größenordnungen durchaus plausibel. So entfällt laut einer aktuellen Studie der Allianz Versicherung der weitaus größte Anteil der jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten von Depressionserkrankungen in Deutschland auf die geminderte Arbeitsproduktivität von Menschen, die trotz Depression zur Arbeit gehen. Dieser Faktor macht 9,3 Milliarden von insgesamt 22 Milliarden Euro an volkswirtschaftlichen Kosten aus.

Bei Dow Chemical wurden die Kosten dieses „Präsentismus“ angeschlagener Mitarbeiter im Job mit jenen verglichen, die dem Unternehmen durch offizielle Krankenstände erwuchsen: Die jährlichen Kosten durch Fehlzeiten waren mit 661 Dollar pro Beschäftigten sogar um zehn Dollar geringer als jene für die geringere Arbeitsproduktivität der Mitarbeiter, die sich trotz Krankheit in die Firma schleppten.

Schon ein Blick auf den Zusammenhang von Lebensalter und Krankenstandsdauer sollte angesichts der demografisch besiegelten Alterung der Belegschaften Alarmanlagen in Gang setzen – und in der Folge Programme zur Gesunderhaltung gerade langjähriger Mitarbeiter: Im Laufe des Arbeitslebens bleibt die Zahl der Krankmeldungen relativ stabil, die Krankenstände dauern jedoch immer länger.

„Ein echtes Burnout hat zwangsläufig Arbeitsausfälle von mehreren Monaten zur Folge“, erklärt der Neurochirurg Reinald Brezovsky, ärztlicher Leiter des Gesundheitszentrums Döbling und zusammen mit der Psychologin und Wirtschaftstrainerin Brigitte Bösenkopf Gründer des Stresscenter Wien. Das hat damit zu tun, dass laut Erfahrung der Stress-Spezialisten Betroffene arbeitsbedingter Erkrankungen in weiterer Folge auch als Schmerz- oder Suchtpatienten behandelt werden müssen – schlimmstenfalls beides. Auf solche Langzeit-Krankenstände entfallen hierzulande ein Fünftel aller Krankenstandstage.

Gesundheit als Führungsaufgabe

„Gesundheit“, definiert Michael Schmitz, Berater und Professor für Psychologie und Wirtschaft an der Lauder Business School, im Hinblick auf die Arbeitswelt, „ist nicht nur Abwesenheit von Krankheit, sondern die Möglichkeit, seine kognitiven und mentalen Fähigkeiten zum Einsatz zu bringen.“ Er sieht vier Entwicklungsstufen zum modernen Gesundheitsmanagement: Basis ist die Eliminierung von Gefährdung durch den gesetzlichen Arbeitnehmerschutz. Auf der zweiten Stufe kommt die arbeitsmedizinische Prävention, um auch auf Sicht Beeinträchtigungen durch die Arbeit zu verhindern. Stufe drei führt dies weiter in Richtung einer ganzheitlichen Betreuung jedes Mitarbeiters, die auf seine spezifische Arbeitssituation ebenso abgestellt ist wie auf persönliche Konstitution und Risikofaktoren.

Auf der vierten Stufe werden schließlich Organisation und Führungskultur integriert. „Wie gearbeitet und miteinander umgegangen wird, hat massiven Einfluss auf die Gesundheit von Mitarbeitern und auf die Produktivität des Unternehmens“, so Schmitz. Das verlange die Einbeziehung von Arbeitsmedizin, Neurowissenschaft, Psychologie und Organisationspsychologie. Gesundheitsmanagement wird damit aber auch zur unmittelbaren Führungsaufgabe. Schmitz: „Dieser Ansatz verlangt, dass es zur Aufgabe von Führungskräften gehört, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu fördern.“ Den Umkehrschluss spricht er ebenso deutlich aus: „Manager, die es nicht schaffen, Freude an der Arbeit zu fördern, sind schlechte Führungskräfte!“

Das Praxisbeispiel einer solchen Evolution im Gesundheitsmanagement von der Fehlzeitenreduktion zum integrierten Gesamtansatz liefert der Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS. Mediziner Joachim Fischer, der das Unternehmen dabei zunächst wissenschaftlich, dann als Berater mit seinem Unternehmen HealthVision begleitete, weiß, dass es auch bei Gesundheitsprogrammen auf Effizienz ankommt: „Der Zeitaufwand für die Mitarbeiterbefragung beträgt eine halbe Stunde, eine weitere halbe Stunde für die Erhebung der medizinischen Werte und Stressdaten. Und auf Basis unserer Ergebnisberichte beraten wir das Unternehmen, welche konkreten Maßnahmen die beste Wirkung im Hinblick auf effizienten Mitteleinsatz bringen.“

Leistung und Wohlbefinden

Stresscenter-Gründer Brezovsky sieht Health Leadership als die Fähigkeit von Führungskräften, „Leistung einzufordern und dabei das Wohlbefinden zu berücksichtigen“. Allein schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen müsse ein Manager in der Lage sein, Burnout-Vorstufen bei Mitarbeitern zu erkennen und zu handeln, meint seine Kollegin Brigitte Bösenkopf. „Ein Burnout-Kandidat kann ein ganzes Team anstecken“, so die Psychologin, die rät, besonders auf erste Anzeichen wie Schlafstörungen, Gereiztheit, Nervosität und Suchtverhalten zu achten. „Führungskräfte halten ihre Gesundheit für besser, als sie ist“, weiß Schmitz und plädiert daher für ein Gesundheitsmanagementsystem, das Mitarbeitern persönliche Daten und Firmen harte Fakten über den Gesamtzustand liefert.

Rollende Gesundheitsvorsorge

Schmitz plant daher, das von Joachim Fischer mit HealthVision etablierte effiziente Untersuchungssystem auch heimischen Betrieben zugänglich zu machen. Mit im Boot soll dabei die Uniqa sein. Der Versicherer bietet mit der Uniqa VitalBilanz bereits seit 2004 Programme für betriebliches Gesundheitsmanagement mit diversen Modulen von Impulsworkshops über Diagnostik und Beratungsangeboten bis zu Kursen und Seminaren an.

Ein wesentlicher Teil des integrierten Programms wird der Einsatz des Mobile HealthCare Trucks sein, eines von Luigi Colani für Uniqa futuristisch designten rollenden Facharztzentrums. Damit können alle notwendigen Untersuchungen völlig unabhängig von Infrastruktur und Einsatzort vorgenommen werden, womit sich auch kleineren und mittleren Unternehmen im gesamten Bundesgebiet der Zugang zu zeitgemäßem Gesundheitsmanagement eröffnet. Gerade den cleveren KMUs liegt ja schließlich auch ihre finanzielle Gesundheit sehr am Herzen.

– Michael Schmid

Lesen Sie nächste Woche im dritten Teil der Serie: Mit welchen medizinischen Therapien Burnout-Opfern geholfen werden kann.

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