FORMAT-Interview: Vidal Sassoon, der berühmteste Figaro der Welt

Mit seinen radikalen Haarschnitten wurde der Brite Vidal Sassoon zum berühmtesten Friseur der Welt. Mit den „Wash & Go“- Produkten baute er sich ein Millionen-Imperium auf. Der Star-Figaro im Interview über sein Leben und den Sex der wilden 60er.

Der erste Gedanke: Dieser Mann kann doch keine 83 Jahre alt sein. Gut gelaunt kommt Vidal Sassoon zu Fuß vor dem Electric House an. Der Starfriseur im Ruhestand hat sich den angesagten Privatclub in Notting Hill, in dem sonst hauptsächlich Medienschaffende um die 30 mit ihren iPads sitzen, als Treffpunkt gewünscht. Es ist Sassoons Lieblingsplatz in London. „Die kreative Atmosphäre hält mich frisch.“ Sein eigentliches Geheimnis sei aber Pilates. „Mache ich seit 25 Jahren jeden Morgen.“ Scheint zu funktionieren, denn Sassoon sagt: „Ach, das Wetter ist so schön. Lassen Sie uns spazieren gehen.“

FORMAT: Herr Sassoon, wo wir heute über Mut sprechen wollen, kann ich gleich mal meine Ängste offenlegen. Ich war seit Wochen nicht beim Friseur, und Sie haben sich sicher schon längst gedacht: „Meine Güte, diese Journalistin sieht aus wie Struppi.“

Vidal Sassoon (lacht): Also nein, Sie haben wunderschönes rotes Haar, wobei, drehen Sie sich mal. (Reporterin tut, wie ihr geheißen.) Oh ja, Sie brauchen wirklich dringend einen Schnitt. Aber schön, dass Sie sich trotzdem hierher getraut haben.

FORMAT: Sie haben eine steile Karriere hingelegt: von der armen Halbwaise aus dem Londoner East End zum berühmtesten Friseur der Welt. Wie wichtig war Mut für Ihren Erfolg?

Sassoon: Spinoza hat einmal gesagt, der Wille sei mindestens so wichtig wie die Moral. Davon bin ich überzeugt. Mut und ein fester Wille sind die Schlüssel zum Erfolg. Ich habe früh gelernt, zu kämpfen. Meine Mutter war so arm, dass sie mich mit fünf Jahren in ein jüdisches Waisenhaus geben musste. Das waren harte Zeiten damals, wir haben gehungert, und ich war oft sehr einsam. Meine Mutter durfte mich nur einmal im Monat besuchen.

FORMAT: Haben Sie Ihrer Mutter verziehen?

Sassoon: Natürlich, sie hatte ja keine andere Wahl. Bis sie 1997 verstarb, hatte ich ein sehr enges Verhältnis zu ihr. Meine Mutter war es auch, der ich meine Karriere zu verdanken habe. Sie hatte diese fixe Idee, dass ich ein Starfriseur werden würde, und hat mich zu einer Ausbildung als Friseur gezwungen.

FORMAT: Ach, gegen den Willen Ihrer Mutter konnten Sie sich nicht durchsetzen?

Sassoon: Hätten Sie meine Mutter gekannt, würden Sie diese Frage nicht stellen (lacht). Ich war 14 Jahre, als sie mich in diesen Friseursalon im East End geschleift hat. Der Besitzer sagte: „Die Ausbildung kostet hundert Goldmünzen.“ Meine Mutter darauf: „Mister, ich hab noch nicht mal hundert Knöpfe“ und marschierte raus. Ich war schon dabei, mich zu freuen. Dummerweise hab ich meine Mütze vom Kopf genommen, um mich zu verabschieden. Da rief der Meister uns zurück. „Du scheinst gute Manieren zu haben, Junge. Am Montag fängst du an, und vergessen Sie das Geld.“ Tja, damit war mein Schicksal besiegelt.

FORMAT: Sie haben es gehasst?

Sassoon: Am Anfang schon, aber dann hab ich all die hübschen Frauen gesehen und gedacht, hm, das ist gar nicht so übel. Der eigentliche Spaß fing erst an, als ich 1954 meinen ersten Salon in Mayfair eröffnete. Damals hab ich mir geschworen: Wenn ich schon Friseur sein muss, dann will ich alles anders machen.

FORMAT: Mit Ihren berühmten geometrischen Frisuren haben Sie eine Revolution losgetreten. War Ihnen das damals bewusst?

Sassoon: Natürlich, das war ja mein Plan. Sie müssen wissen, damals gingen nur die reichen Ladys zum Friseur. Sie ließen sich Haarspraytürme bauen, aber nach einmal Waschen war die Frisur hinüber, und sie mussten wieder zum Friseur. Ich habe das Friseurhandwerk wie eine Wissenschaft gesehen. Jeder Schnitt muss individuell sein und sich an der Form des Gesichts und der Wangenknochen orientieren. Wie die Bauhaus-Architektur: Die Form folgt der Funktion. Wenn Sie das richtig hinbekommen, fällt das Haar wochenlang perfekt. So konnten sich endlich auch Normalverdiener einen guten Friseur leisten.

FORMAT: Ihre Kurzhaarschnitte waren nicht nur praktisch, sondern auch ziemlich radikal. Wie haben Männer reagiert?

Sassoon (lacht): Die mussten sich erst an die harten Linien gewöhnten. Der Duke of Bedford hat mich mal gefragt, wieso ich seiner Ehefrau eine Lesben-Frisur verpasst habe. Aber die Frauen haben es geliebt. Es sprach sich schnell rum: „Da ist dieser Typ in Mayfair, der einem die Haare so schneidet, wie er will.“

FORMAT: Sie haben sich geweigert, die Wünsche Ihrer Kundinnen zu erfüllen?

Sassoon: Klar, das musste ich, um mir einen Ruf zu erarbeiten. Das gab anfangs viel Ärger. Wütende Damen stampften aus dem Laden, weil ich mich weigerte, ihnen eine blöde Föhnfrisur zu machen.

FORMAT: Ein Friseurbesuch kann traumatisch sein. Bei Ihnen sind sicher Frauen heulend aus dem Salon gerannt.

Sassoon: Natürlich. Die bekannteste war vermutlich die Schauspielerin Georgia Brown. Vor der Premiere des Musicals „Oliver“ kam sie zu mir. Ich schnitt ihr die Haare ziemlich kurz, und sie schrie: „Du hast meine Karriere ruiniert.“ Am nächsten Tag rief sie an und entschuldigte sich. Sie hatte den ganzen Abend Komplimente für ihre Frisur bekommen.

FORMAT: Ihren Durchbruch hatten Sie 1960, als Sie Nancy Kwan einen kurzen Bob für ihren Film „Die Welt der Suzie Wong“ schnitten.

Sassoon: Stimmt, das war ein großes Glück. Nancy hatte atemberaubende, hüftlange Haare, aber für den Film sollte sie einen Kurzhaarschnitt tragen. Also fing ich an, zu schneiden. Sie guckte kein einziges Mal in den Spiegel, sondern hat mit ihrem Manager Schach gespielt. Im Nacken schnitt ich ihr Haar kurz, nach vorn umrundete es länger ihr wunderschönes Gesicht. Als ich fertig war, schüttelte sie ihre Haare und strahlte. Wir haben noch am gleichen Abend Fotos gemacht, die weltweit auf den Titelbildern der „Vogue“ landeten. Noch irrer wurde der Rummel dann, als Roman Polanski mich anrief.

FORMAT: Angeblich bot er Ihnen 5.000 Dollar und zwei Tickets nach Los Angeles, um die Frisur von Mia Farrow zu retten. Sie hatte sich nach einem Streit mit ihrem damaligen Ehemann Frank Sinatra die Haare abgeschnitten.

Sassoon (grinst): Als Friseur habe ich eine Schweigepflicht und kann zu Sinatra nichts sagen. Der Rest stimmt. Ihre Haare waren komplett ruiniert, und ich hab gesagt: „Da hilft nur noch ein totaler Kurzhaarschnitt.“ Roman und Mia drehten gerade „Rosemaries Baby“. Im Film kommt Mia in einer Szene plötzlich mit den kurzen Haaren durch die Tür und sagt: „Das ist Vidal Sassoon.“ Ihr Ehemann antwortet: „Dafür wirst du ja hoffentlich nicht bezahlt haben.“ Hervorragende PR.

FORMAT: Die Frisur war der kürzeste Bob bei einer Frau, den die Welt je gesehen hatte. Hatten Sie keine Angst, dass Farrow die Frisur hassen könnte?

Sassoon: Ich habe 1948 im israelischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft. Da werde ich doch keine Angst bekommen, weil ich ein paar Haare abschneide.

FORMAT: Hat der Krieg Ihnen Angst gemacht?

Sassoon: Nein, das war das aufregendste Jahr meines Lebens. Dass ich in den Krieg ziehe, war übrigens auch der Wunsch meiner Mutter. Sie war eine überzeugte Zionistin. Und ich stimme ihr zu: Nach den schrecklichen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs brauchten wir Juden ein Stück Erde, das uns im Notfall Schutz bietet.

FORMAT: Haben Sie Menschen getötet?

Sassoon: Ich hasse den Gedanken, unschuldige Soldaten erschossen zu haben, die vielleicht nicht freiwillig gegen uns gekämpft haben. Ich weiß nicht, ob meine Kugeln jemanden getötet haben. Meine Truppe hatte die Aufgabe, einen strategisch wichtigen Hügel vor Tel Aviv zu verteidigen. Die Ägypter schickten immer wieder neue Truppen von jungen Soldaten auf den Hügel, aber wir stoppten sie. Sonst wäre der Krieg vielleicht anders ausgegangen.

FORMAT: Wieso sind Sie nicht in Israel geblieben?

Sassoon: Dreimal dürfen Sie raten. Wegen meiner Mutter. Sie hatte inzwischen wieder geheiratet und schickte ein Telegram: „Stiefvater hat einen Herzanfall, komm zurück und verdien Geld.“ Das tat ich.

FORMAT: Ihre Mutter war offenbar sehr streng. Haben Sie diese Strenge an Ihre Mitarbeiter weitergegeben?

Sassoon: Absolut, ich bin schon ein ziemlicher Kontrollfreak. Blank polierte Schuhe und dreiteilige Anzüge waren Pflicht. Wenn du ein Image kreieren willst, musst du dieses Image leben. Alles muss perfekt sein. Nicht wirklich durchsetzen konnte ich mich allerdings mit einer anderen Regel: Schlaft nicht mit den verheirateten Kundinnen. Einer meiner Mitarbeiter, ein Italiener, sagte mit seinem wunderbaren Akzent: „Wo ist das Problem? Die denken doch eh alle, wir sind schwul“ (lacht).

FORMAT: Es waren die wilden 60er. Sie haben sich ja vermutlich auch nicht an die Regel gehalten.

Sassoon: Seien wir ehrlich, Penizillin kurierte damals alles, was man sich einfangen konnte. Aids gab es noch nicht. Die Leute waren promiskuitiv. Wenn sich zwei Blicke auf der Straße trafen und man mochte sich, landete man im Bett. In diesen Tagen war Sex so alltäglich wie Abendessen. Wir nannten es die Ära der goldenen Pussy.

FORMAT: Vermissen Sie diese Zeiten?

Sassoon: Meine Güte, ich bin 83. Das wäre mir heute doch zu anstrengend. Aber damals war es toll. Wollen Sie eine lustige Geschichte hören?

FORMAT: Immer.

Sassoon: Ich lernte dieses wunderhübsche Mädchen kennen, wir gingen zusammen ins Bett. Am nächsten Morgen stehe ich auf, mache Kaffee. Als ich zurückkomme, sitzt sie da mit einem Notizbuch und streicht meinen Namen von einer Liste. Ich fragte: „Was machst du da?“, und sie antwortete: „Jeder kriegt nur einen Schuss.“ Dann ging sie. Später fand ich heraus, dass sie den Plan hatte, alle Prominenten in Mayfair flachzulegen.

FORMAT: Immerhin standen Sie auf der Liste.

Sassoon: Hab ich mir dann auch gedacht.

FORMAT: In den englischen Kinos ist gerade ein Dokumentarfilm über Ihr Leben angelaufen. Im Vorspann heißt es, Sie seien für die Frauen in den 60er-Jahren wie der Messias gewesen. Wie fühlt sich das an?

Sassoon: Zunächst einmal muss ich hier klarstellen, dass sich das Zitat auf meine Arbeit und nicht auf meine Potenz bezieht. Na ja, und ansonsten halte ich es mit Michel Montaigne. Der sagte einmal: „Auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserem Hintern.“

FORMAT: Sie haben 83 Jahre Leben hinter sich. Was macht Ihnen heute Angst?

Sassoon: Ehrlich, nichts.

FORMAT: Nicht mal der Tod?

Sassoon: Ach wissen Sie, im vergangenen Jahr lag ich wochenlang mit einer schweren Lungenentzündung im Krankenhaus. Die Ärzte sagten, die Sache sei ernst. Eines Nachts wachte ich auf und lächelte. Ich dachte damals: „Hey, ich habe 82 großartige Jahre gelebt. Wenn ich jetzt abtreten muss, ist das kein übler Zeitpunkt.“ Na ja, aber wie Sie sehen, sitze ich ja noch hier.

Interview: Tina Kaiser, London

Zur Person: Vidal Sassoon wuchs im Londoner East End auf. Mit 14 wurde er Friseur und revolutionierte mit asymmetrischen Schnitten (Bob, V-Schnitt) die Haarmode. Sein Name wurde zur Marke. Heute arbeiten weltweit Salons zwischen Osaka und New York nach dem Vidal-Prinzip. Der 83-jährige Multimillionär zog sich Mitte der 80er aus dem Geschäftsleben zurück.

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