Essen mit Hirn: Gut genährt durch den Büro-Alltag

Ausgebrannt? Urlaubsreif? Oder zu schnell, zu viel, zu fett gegessen? Der Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Leistungsfähigkeit wird oft unterschätzt: Wie Sie mit gesundem Essen durch den Alltag kommen.

Die plötzlich nachlassende Motorleistung des Firmen-Pkws am frühen Morgen wird sofort als Kolbenreiber entlarvt, untertags werden im Job Fakten und Daten gesammelt und analysiert, und abends wird an der privaten Homepage gebastelt: Dank Interesse, Erfahrung und Ausbildung herrscht allgemein ein breites Technikverständnis – nur die Funktionen des eigenen Körpers bleiben allzu oft ein unlösbares Rätsel.

Entsprechend unerklärlich ist der tägliche Leistungseinbruch nach dem Mittagessen. Die schleichende Gewichtszunahme wird ignoriert, das anhaltende Unwohlsein mit Pillen aus der Apotheke übergangen und nicht hinterfragt. Vitalstoffreiche Ernährung, reichlich Bewegung und Entspannung werden auf das nächste Wellnesswochenende vertagt.

Die Konsequenz: Laut jüngster Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind in Österreich 57 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen übergewichtig. Das heißt: Im Schnitt bringt jeder Zweite zu viele Kilos auf die Waage. Und das wirkt sich natürlich auf die Häufigkeit jener chronischen Erkrankungen, bei denen Ernährung und Körpergewicht eine entscheidende Rolle spielen, aus: Rückenprobleme, Bluthochdruck, Verstopfung, Diabetes, Migräne, Allergien, Magenprobleme, Schlafstörungen und Impotenz sind regelrechte Volksleiden.

Nahrung wirkt wie Medizin

Dabei war die Nachfrage nach Kochshows im TV und Kochbüchern im Bookstore noch nie so groß. Alle, die es sich leisten können, erheben die Beschäftigung mit Lebensmitteln zum Lifestyle. Selberkochen ist wieder „in“ – zumindest am Wochenende. Doch dieser Trend ist nur die halbe Wahrheit. „Denn unter der Woche sieht die Ernährungswelt meist ganz anders aus“, so die Medizinerin und TCM-Ernährungsexpertin Elke Held, zu deren Klientel Führungskräfte wie etwa Gabriela Zuna-Kratky, Direktorin des Technischen Museums, zählen. Die Wirkung der Inhaltsstoffe der Nahrung auf die Leistungsfähigkeit, die Hormone und die Psyche wird unterschätzt. Die Bedeutung der Weisheit „Der Mensch ist, was er isst“ scheint aus dem Bewusstsein der meisten Menschen verschwunden zu sein. „Und den Hausverstand gibt es wohl nur mehr beim Billa“, fügt Held leicht sarkastisch hinzu.

Gute Ernährung kann das Burnout-Risiko senken und die Regenerationsphasen verkürzen, weniger gute Ernährung kann den Körper zusätzlich stressen: Wer etwa sein Mittagessen vor dem PC, auf dem Weg zum nächsten Termin, in einem überfüllten Gasthaus oder gar während eines nervenaufreibenden Business-Meetings verschlingt, darf sich nicht wundern, wenn es im Magen liegen bleibt. Denn für eine funktionierende Verdauung muss das vegetative Nervensystem vom Powermodus (Sympathikus) auf den Entspannungsmodus (Parasympathikus) umschalten. „Bei anhaltenden, starken Reizen bleibt der Sympathikus aktiv, das Verdauungssystem hat keine Chance,“ sagt Held.

Wer das folgende Leistungstief mit Kaffee oder Energydrinks auszugleichen versucht, drängt sich in einen fatalen Kreislauf: Koffein ist ein Aufputschmittel, das den Organismus veranlasst, seine Reserven anzuzapfen. Ein kurzer Kaffee-Kick hat anschließend immer auch ein Absacken zur Folge. Und schon schreit der Körper nach dem nächsten Latte. Der persönliche Motor, gestresst von Hochs und Tiefs, kommt nie mehr auf ein normales Leistungsniveau. Industriezucker, wie er in Schokoriegeln und anderen Süßigkeiten enthalten ist, hat übrigens die gleiche Wirkung.

Eine Frage des Stoffwechsels

„Viele wollen eine genaue Betriebsanleitung für richtige Ernährung und haben den Zugang zu ihrer Körperintelligenz schon ganz verloren“, sagt die Ernährungsberaterin Karin Stalzer. „Der Gusto sagt einem meist ganz genau, was der Körper braucht und was einem guttut.“ Der aktuell herrschende Leistungs- und Konsumdruck, die Werbung, wachsende Angst und Dauerstress würden zunehmend von den eigenen Bedürfnissen ablenken, sagt Stalzer, die sich bei ihrer Arbeit an die Erkenntnis des Biochemikers Roger Williams hält. Demnach sei der Stoffwechsel so individuell wie ein Fingerabdruck. Stalzers Ratgeber „Was den Einen nährt, macht den Anderen krank“ ist mittlerweile ein Bestseller und basiert auf einer simplen Tatsache aus der Welt der Technik: Wird ein Benziner mit Diesel betankt, streikt der Motor.

Damit trifft sie den Geschmack zahlreicher Herren aus dem mittleren und oberen Management. Denn bei Stalzer ist nichts verboten. „Wenn man zu unterscheiden weiß, ob man ein Kohlenhydrat- oder ein Eiweißtyp ist, kann man seine Mahlzeiten so zusammenstellen, dass man danach zufrieden und satt ist“, so Stalzer. Zahlreiche Klienten würden automatisch, also ohne Diät, abnehmen, wenn sie zum Beispiel das kohlenhydratreiche Semmelfrühstück durch ein eiweißreiches Omelett mit Schinken ersetzen würden. „Wird darauf geachtet, wie es einem etwa vier Stunden nach der Nahrungsaufnahme geht, weiß man, ob einen mehr Eiweiß oder mehr Kohlenhydrate fit halten und was einem im Speziellen sehr gut bekommt.“ Dafür braucht’s keine kostspieligen Extrachecks wie etwa Bluttests.

Manipulierte Bedürfnisse

Der Versuch, den eigenen Instinkten wieder verstärkt zu vertrauen, hat allerdings eine Bedingung: Es muss auf Kunstprodukte verzichtet werden, denn diese führen den Körper in die Irre. „Der menschliche Körper ist heute mehrfach belastet. Über Lebensmittel und deren Verpackungsmaterial werden Pestizide, Schwermetalle, Kunststoffe und Hormonzusätze aufgenommen. Dazu kommen noch Geschmacksverstärker, Aromen, Farbstoffe und Süßungsmittel“, so die Internistin Theresia Maier-Dobersberger, die auch lange Zeit an der University of Alberta, Kanada, in der molekularbiologischen Forschung tätig war.

„Druck-Situationen bewirken im Körper eine besondere hormonelle Konstellation, bei der über die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA) verstärkt Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet werden“, erläutert Maier-Dobersberger. „In diesen Phasen ist es besonders wichtig, den Stress für den Körper nicht noch durch falsche Ernährung wie schnelle Kohlenhydrate und gefährliche Transfette zu erhöhen.“

Ernährungsfallen lauern überall

Die permanente Lust auf süße Getränke deutet zum Beispiel auf Fehlernährung hin. Das schnelle High durch Light-Produkte verstärkt zudem das Suchtverhalten nach Süßem. In englischsprachigen Ländern wird bereits über die „sweet misery“ heftig diskutiert. Eine besondere Rolle spielt Aspartam. Im menschlichen Körper zerfällt dieser künstliche Süßstoff in Phenylalanin, Asparaginsäure und Methanol. „Bei übermäßigem Genuss kommt es durch Anhäufung dieser Stoffe und deren Abbauprodukte nicht selten zu Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Stimmungsschwankungen und Depressionen“, so Maier-Dobersberger. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist gesunde Ernährung angesagt. „Wir investieren in Zeitmanagement und Teamentwicklung, vergessen jedoch allzu oft, dass der Erfolg im Arbeitsleben auch abhängig ist von einer gesundheitlichen Ordnung.“

Die „Slow Food“-Bewegung

Dafür ist freilich jeder selbst verantwortlich. Schade, wenn eine privilegierte Gesellschaft, die beim Essen die Qual der Wahl hat, unachtsam und verschwenderisch mit den „Lebensmitteln“ umgeht: Vor dem Fernseher werden im Schnitt zweieinhalb Stunden verbracht, für die Pizzaschnitte oder den Nudelsnack in der U-Bahn oft nur wenige Minuten. Vieles landet auch einfach im Müll. Auch der viel zitierte „Bio-Boom“ ist nicht so gewaltig, wie oft dargestellt. Der Marktanteil von Bio- Lebensmitteln im Einzelhandel ist zwar im Vergleich zu den Vorjahren gestiegen, liegt aber nach wie vor erst zwischen sieben und acht Prozent.

„Der wahre Luxus sind heute nicht mehr eingefärbte Antibiotika-Lachse oder Garnelen, für die ganze Mangrovenwälder abgeholzt werden, sondern authentische, fair produzierte Bio-Lebensmittel“, meint Wissenschaftsjournalistin und Nahrungsmittelexpertin Barbara van Melle. Seit einiger Zeit schon ist sie nun auch Obfrau der „Slow Food“-Bewegung in Wien. Die „Internationale Bewegung zur Wahrung des Rechts auf Genuss“ ist in über 140 Ländern mit fast 100.000 Mitgliedern vertreten und setzt sich für die faire und saubere Lebensmittelproduktion ein.

Van Melle: „Slow Food richtet sich nicht gegen Fast Food, sondern allgemein gegen das Fast Life, den universellen Tempowahnsinn.“ Durch Informationsarbeit, Verkostungen, Geschmacksschulungen, Veranstaltungen usw. versucht „Slow Food“ bei Erwachsenen und Kindern ein Bewusstsein für Qualität, Aroma, Duft und Geschmack von originalen Produkten zu schaffen und so auch kleinere Hersteller von naturnahen, regionaltypischen Lebensmitteln zu unterstützen.

Für alle, die nicht zum Kochen kommen (wollen) und sich dennoch gesund ernähren möchten, gibt es auch praktische Zustelldienste für zuhause wie auch fürs Büro. Die „Suppenmanufaktur Suppito“ etwa bietet Mahlzeiten für jede Tageszeit an, gekocht wird nach der asiatischen Fünf-Elemente-Lehre. Interessant auch das Angebot der Firma Deli & Co. im oberösterreichischen Pierbach: Von hier aus werden gesunde „Snackpacks“ (mit vorgeschnittenem Obst und Gemüse) in der Spezialverpackung per Briefsendung nach ganz Österreich geliefert. Effektiv, aber vielleicht doch ein bisschen überzogen.

– Nina Kreuzinger

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