Die Wohn-Themen 2011 heißen Nachhaltigkeit, Mobilität und Entgrenzung

Zwar steht die absolute Interieur-Trendmesse erst im April in Mailand ins Haus. Nach den Messen in Paris und Köln lässt sich aber schon jetzt sagen.

Man hat sie noch vor Augen oder kennt sie aus Retrofilmen: die Fototapete der 70er-Jahre mit einem in allen Rottönen changierenden Sonnenuntergang, dem obligaten weißen Palmenstrand oder ländlichem Alpenglühen. Bei der schicken Pariser Wohnmesse „Maison & Objet“ feierte sie nun ein Comeback. Aber keine Angst: Die Fototapete heißt nun Wallpaper, präsentiert sich neu interpretiert – und unterstreicht, was Trendforscher Matthias Horx gerne betont: „Die Stilgeschichte ist eine des Recyclings.“ Das gilt nicht nur für Kunst und Mode, sondern auch für den Interieurbereich.

„Stofftapeten und Wandtattoos sind bereits seit zwei Jahren wieder Thema. Mit den Wallpapers kommen nun Tapeten, die Struktur vortäuschen wie eine Bretterwand oder ein Mauerstück. Das setzt Akzente und vermittelt Tiefe“, erklärt Ursula Polster. Die Einrichtungsexpertin und Chefin des Wohnsalon P im ersten Wiener Bezirk ist seit 25 Jahren im Business und benennt die drei großen Branchentrends des Jahres: Nachhaltigkeit, Mobilität und Entgrenzung.

Nachhaltigkeit

„Auf den Messen in Paris und Köln sah man besonders viele Recyclingobjekte, Tische aus Dielenböden genauso wie eine Palette an Accessoires aus alten Gummireifen oder PET-Flaschen. Selbst Teppiche werden nicht neu gewebt, sondern alte wieder verwendet“, weiß die Expertin. Besonders angesagt sind derzeit Perserteppiche, die sich, gebleicht und geschrubbt, im Vintagestil präsentieren. Zudem kommen Naturmaterialen wie Flachs oder Leinen verstärkt zum Einsatz. „Man bevorzugt Materialien, die Charakter zeigen“, bringt es Polster auf den Punkt.

Die Stilfrage wird vom Anspruch der Nachhaltigkeit ergänzt. So müssen sich die Anbieter immer häufiger der Frage stellen, welche Materialien verwendet werden und woher diese kommen. Die Kunden werden sensibler im Umgang mit Ressourcen. Green Chic heißt das ökologische Designverständnis bei den Experten. „Wir stehen aber erst am Anfang eines Bewusstseinswandels“, meint dazu Harry Gatterer, „New Living“-Experte des Zukunftsinstituts Österreich. „Wohnen wird nun in Lebensphasen definiert. Wir ziehen öfter um, Beziehungen gehen in die Brüche – daher müssen auch die Möbel praktisch sein und Möglichkeit zur Veränderung bieten.“

Mobilität

„Nach Big Sofas und riesigen Sitzecken werden Polstermöbel wieder kleiner, lassen sich aber in Form und Zweck leicht verändern“, unterstreicht die Interieurexpertin. Sofas werden nicht mehr in einem Stück, sondern in einzelnen Elementen angeboten. Auch Regale werden nicht mehr fix eingebaut, sondern zeigen sich individuell zusammenstellbar. Formen werden mit neuen Funktionen versehen, Materialien gemixt. Re-Balancing heißt diese Lust am Auseinandernehmen und Re-Arrangieren.

Was die Farben betrifft, ist heuer Mut angesagt: Starkes Gelb, Lavendel- und Beerentöne sind Favoriten. Weiß ist und bleibt aber im Trend. Akzente werden durch Accessoires wie Pölster mit Ikatmustern oder Kelimbezügen gesetzt, verwaschenes Leder kommt bei Stühlen zum Einsatz, die nicht mehr nur Sitzmöbel, sondern Ausdruck des eigenen Lebensentwurfs sind. Aber natürlich gibt es auch den Gegenentwurf zum Naturkult: Oberflächen werden auf Hochglanz poliert oder mattiert. Industriedesign hält Einzug in den Wohnbereich. Mix it!, lautet die Devise. Zunehmend auch, was die Lebensbereiche betrifft: Traditionelle Raumgrenzen verschwinden.

Entgrenzung

Was man in allen Designhotels weltweit sieht, dass sich die Bereiche Schlaf- und Badezimmer immer mehr annähern, zeigt sich auch in Privathaushalten, wo zudem Küche und Wohnbereich verschmelzen. Dem offenen Küchenbereich ist meist ein Riesentisch angeschlossen, oft aus altem Holz und mit modernsten, aber gemütlichen Sesseln kombiniert, weil, wie Ursula Polster betont, „man mit Gästen heute eher am Tisch sitzen bleibt und nicht das Zimmer wechselt“. „Die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist größer denn je“, analysiert auch Trendforscher Harry Gatterer. „Wohnen wird nicht mehr als Abgrenzung zum anderen definiert wie etwa beim Cocooning der 1980er-Jahre. Damit verändern sich auch die Raumkonzepte.

Das gemeinsame Abendessen gibt es nur mehr in 20 Prozent aller Haushalte. Daher hat ein Essen mit Freunden oder der Familie heute etwas Eventhaftes, das mehr Raum und Inszenierung braucht.“ Der Zukunftswunsch des Trendforschers lautet: „Wohnen als Arznei mit therapeutischer wie regenerativer Wirkung.“

– Michaela Knapp

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