Die besten Strategien gegen die unterschätzte Berufskrankheit Kopfschmerz

Geißel Kopfschmerz: Jeder Zweite kennt die Pein. Die unterschätzte Volkskrankheit lähmt den Workflow im Job und wird zum gesundheitlichen Dauerthema. Mit neuen Therapiestrategien und Medikamenten geht es Migräne & Co an den Kragen.

Dem plötzlichen Heißhunger auf Süßigkeiten folgt die Angst. Konrad F. kennt den Vorboten und den folgenden Ablauf bereits genau: Erst reagiert er auf grelle Farben hochnervös, dann setzt die bekannte Licht- und Lärm-Überempfindlichkeit ein. Der 43-jährige Controller eines internationalen Finanzunternehmens kann sich dann nicht mehr auf seine Arbeit konzentrieren, jedes an ihn gerichtete Wort bohrt sich wie ein Speer durch seinen Kopf, aggressiv wehrt er jeden Kommunikationsversuch ab. Konrad F. ist auf den pulsierenden Schmerz an seiner rechten Schläfe fokussiert, der von Frösteln und Übelkeit begleitet wird. Für Anforderungen von außen wird der Angestellte in den kommenden Stunden keinen Kopf mehr haben.

Kopfschmerzen erleidet jeder zumindest einmal in seinem Leben, oft werden sie als „normal“ angesehen. Dabei zählen sie zu den am meisten unterschätzten chronischen Krankheiten: Im Schmerzranking liegen Kopfbeschwerden nach Rückenproblemen, Allergien und Bluthochdruck auf Rang vier. Etwa 25 Prozent der Österreicher leiden unter sogenannten Spannungskopfschmerzen, rund eine Million werden mittlerweile regelmäßig von Migräneattacken heimgesucht. Insgesamt klagt jeder zweite Österreicher über wiederkehrende Schmerzen im Kopf. Die volkswirtschaftlichen Folgekosten durch Produktionsausfall, Arbeitsunfähigkeit und Frühpensionierungen sind enorm. Allein die jährlich aufgrund von Kopfschmerzen in Anspruch genommenen 8,4 Millionen Krankenstandstage kosten rund 3,6 Milliarden Euro.

Dauerthema Kopfschmerz

„Ob der steigenden Anzahl Betroffener werden Kopfschmerzen zumindest nach und nach als ernst zu nehmende Krankheit akzeptiert“, sagt Christian Wöber, Leiter der Spezialambulanz Kopfschmerz an der Universitätsklinik für Neurologie in Wien. „Kopfschmerz wird, auch in Zusammenhang mit steigenden Burnout-Zahlen und Überalterung, zu einem der zentralen Gesundheitsthemen der Zukunft.“

Im laufenden Jahr wurde er bereits bei zahlreichen Kongressen zur Hauptsache erklärt. Auch beim derzeit in Mannheim stattfindenden Deutschen Schmerzkongress (bis 9. Oktober, www.schmerzkongress2010.de ) wie auch beim anstehenden European Headache and Migraine Trust International Congress vom 28. bis zum 31. Oktober im französischen Nizza ( www. ehmticongress2010.com ) werden weit verbreitete Irrtümer bezüglich der Problemursachen sowie die jüngsten Forschungserkenntnisse diskutiert. In Wien steht am 13. November der „2. Kopfschmerztag“ auf dem Programm – eine Infoveranstaltung mit Vorträgen von Medizinern, Psychologen und Therapeuten ( www.shgkopfweh.at ).

Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfweh

Die Mediziner unterscheiden zwischen mehr als 240 verschiedenen Formen von Kopfschmerz. Sogenannte primäre Kopfschmerzen müssen anders behandelt werden als sekundäre – also solche, die durch eine andere Krankheit wie etwa Hirnblutungen, Tumore oder Infektionen hervorgerufen werden. Um dies auszuschließen, kann eine Computer- oder Kernspintomografie notwendig sein. Die am häufigsten auftretenden Formen von primären Kopfschmerzen, gereiht nach Prävalenz:

● Spannungskopfschmerzen sind leichte bis mittelschwere, drückende und ziehende Schmerzen vom Nacken über den Hinterkopf. Sie treten beidseitig und ohne Übelkeit auf und dauern von 30 Minuten bis über mehrere Tage.

● Migräne verursacht pochende und pulsierende, sehr starke Kopfschmerzen mit Übelkeit, Brechreiz, Licht- und Lärm-Überempfindlichkeit, die sich bei körperlicher Aktivität verstärken. Bei der sogenannten Migräne mit Aura kündigen sich die Attacken im Vorfeld mit Seh-, Sprech- und Sensibilitätsstörungen an. Etwa die Hälfte der Kopfschmerz-Geplagten leidet sowohl an Migräne als auch an Spannungskopfschmerzen.

● Cluster-Kopfschmerzen treten weit seltener auf. Sie sind die Hölle: Im Bereich der Augen, Stirn oder Schläfe treten extrem starke, einseitige Schmerzen auf. Eine Episode dauert von 15 Minuten bis zu drei Stunden. Oft tränen dabei die Augen und sind gerötet, die Nase läuft, im Gesicht bildet sich ein Schweißfilm.

Unerwünschte Nebenwirkungen

Konrad F. leidet seit seiner Kindheit unter Migräne, obwohl er sich immer mit Schmerzmitteln fit zu halten versuchte. „Man kann sich ja nicht ständig krankmelden. Man muss ja funktionieren“, so Konrad F. Allerdings: Die Beschwerden wurden über die Jahre immer schlimmer. Für Kopfschmerzspezialist Christian Wöber ein klassischer Fall. Denn was viele Patienten nicht wissen: „Durch Überdosierung bei der Selbstmedikation können sich Dauerkopfschmerz und Depressionen entwickeln.“ Laut IMS Health gaben die Österreicher 2009 für die nahezu unvorstellbar hohe Anzahl von 8,5 Millionen Packungen rezeptfreier Schmerzmittel 46,1 Millionen Euro aus.

Der Medikamentenkopfschmerz ist ein mittelstarker, dumpfer Dauerdruck, der sich einstellt, wenn einfache Schmerzmittel (z. B. Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol) oder jede Kombination mit Migränemedikamenten (Ergotamine, Triptane, Opiate) drei Monate und länger eingenommen werden – und zwar an mehr als zehn Tagen pro Monat. Werden die Mittel abgesetzt, treten meist Entzugsschmerzen auf, die bis zu acht Wochen dauern können. Außerdem wird durch die Einnahme von Schmerzmitteln die Endorphin-Produktion reduziert: Zu vom Körper selbst produzierten Endorphinen zählen neben dem „Schmerzmittel“ Morphin auch das „Glückshormon“ Serotonin, das Depressionen und Erschöpfungszuständen entgegenwirkt.

Vor allem Migränepatienten mit hohem Leistungsbewusstsein oder Angst vor Jobverlust, die auch schon vorbeugend Schmerzmittel einnehmen, sind betroffen. „Migräne wird gegenwärtig vor allem als verkappte Angsterkrankung interpretiert“, sagt der deutsche Kopfschmerzspezialist und Mannheimer Kongresspräsident Peter Kropp. „Aus Angst vorm Schmerz rutscht man da schnell rein“, bestätigt Konrad F. den fatalen Angst-Kreislauf. „Migräne hat ja bei vielen Arbeitgebern und Kollegen nach wie vor den Ruf der nicht ernst zu nehmenden Frauenkrankheit.“

Ein Grund, warum viele Männer Gefahr laufen, nicht rechtzeitig und ausreichend behandelt zu werden. „Rund 50 Prozent der Betroffenen waren wegen ihrer Migräne noch nie beim Arzt“, so Wöber. Dabei handelt sich um ein grobes Missverständnis, denn die genetische Veranlagung zur Migräne gibt es ebenso bei den Männern. Auch wenn Frauen tatsächlich häufiger betroffen sind, weil sie stärkeren Hormonschwankungen unterliegen. „Und Hormone können bestimmte Auslöser wie etwa Stress begünstigen oder sogar selbst zum Trigger werden.“

Berufskrankheit Kopfschmerz

Während bekannt ist, dass sich bei einer Migräneattacke durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren (etwa Hormone, Stress, Schlafmangel, Dehydration) die Blutgefäße der Hirnhaut entzündlich verändern und erweitern, sodass die Nervenfasern ringsum gereizt werden und Schmerzsignale aussenden, ist bis heute noch nicht genau geklärt, wie Spannungskopfschmerzen entstehen. „Studien zeigen, dass stetig einlaufende Impulse von den Kopf-, Gesichts- und Nackenmuskeln die Nerven im Gehirn überstark erregen“, so Andreas Straube, ebenfalls Präsident des Schmerzkongresses in Mannheim. Der chronische Kopfschmerz sei ein typisches Syndrom der „Burnout-Gesellschaft“.

Andauernde analoge wie digitale Reizüberflutung, Stress im Job sowie körperliche Fehlhaltungen aufgrund unergonomischer Arbeitsplätze und Bewegungsmangel tun ihr Übriges.

Während der Schmerz an sich ja eine positive Warn- und somit Schutzfunktion darstelle, sei der chronische Schmerz ein Seismograf, der anhaltende Missstände aufzeigt. Besonders deutlich wird das in der Pädiatrie, „denn Kopfschmerz und Migräne ist auch zunehmend ein Problem im Kinder- und Jugendalter“, sagt Çiçek Wöber-Bingöl, Leiterin der Kopfschmerzambulanz für Kinder und Jugendliche am Wiener AKH. „Migräniker sind meist sehr sensibel. Oft sind Migränekinder die Symptomträger bei Problemen im Familiensystem.“ Vorbeugen kann man den schweren Schmerzschüben bei Kindern, indem für Psychohygiene in der Familie und für einen stabilen Tagesrhythmus gesorgt wird.

„Kinder brauchen in der Früh unbedingt vierzig Minuten nach dem Aufstehen, damit sie die Tagesreize unbeschadet filtern und verarbeiten können.“ Weitere Tipps zur Migräneprävention bei Kindern und Erwachsenen: „Die Ernährung spielt eine wesentliche Rolle. In der Früh sind Wasser und Eiweiß für das Gehirn am wichtigsten, im Laufe des Tages sollte keine Mahlzeit ausgelassen werden und ausreichend Flüssigkeit aufgenommen werden.“ Wer bereits als Kind unter Migräne leidet, wird wahrscheinlich auch im Erwachsenenalter mit der Krankheit konfrontiert sein.

Die Schmerzgesellschaft

Chronische Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität: Laut aktueller EFIC-Untersuchung „Pain in Europe“ klagen rund 50 Prozent der Schmerzpatienten über Müdigkeit, Erschöpfung und Konzentrationsstörungen, hinzu kommen Faktoren wie zunehmende Isolation, Hilflosigkeit und Unabhängigkeitsverlust. 19 Prozent der Kranken haben zudem kein Sexualleben mehr. „Dennoch gibt es für die Schmerzpatienten, wenn auch unbewusst, oft auch einen Gewinn aus ihrem Leiden“, so Christian Wöber von der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft. Perfektionisten können sich oft keine bewusste Pause gönnen, auch wenn Körper und Geist bereits am Limit sind. „Die Migräne ist dann oft die einzige Entschuldigung, etwas nicht zu tun oder sich zurückzuziehen.“

Konrad F. hat mit seinem Arzt ein Therapieprogramm zusammengestellt. Medikamente nimmt er nur mehr im Akutfall. Sein Fokus liegt im präventiven Bereich: Die Methode der Desensibilisierung, eine Art Neukonditionierung, die die Angst vor vermeintlichen Pein-Triggern sukzessive nehmen soll, führt bei ihm bereits zu einer spürbaren Verbesserung. Außerdem geht er nun regelmäßig zur Akupunktur, um Körper und Geist im Gleichgewicht zu halten. Die zunehmende Schmerzfreiheit bringt auch wieder mehr Humor ins Leben von Konrad F.: Für „Notfälle“ hat er sich einen Herrgottswinkel eingerichtet – mit einer Statue des heiligen Dionysius. Der Nothelfer bei Kopfleiden feiert übrigens am 9. Oktober Namenstag.

SLIDESHOW: Die Ursache von Kopfschmerzen und wie sie gezielt dagegen vorgehen

– Nina Kreuzinger, Mitarbeit: Manfred Gram

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