Die Macht der Manieren: Was zum guten Ton gehört

Telefonieren bei Tisch! Zu kurzer Rock! Falsches Smalltalk-Thema! Am Business-Parkett ist man ohne Manieren schnell unten durch. Wie man die größten Fehler vermeidet und einen guten Ton pflegt.

Der Sommer ist brutal. Vor allem wenn temperaturbedingt die Hüllen fallen. Und zwar nicht am Strand oder auf der Badewiese, wo eine in Grenzen gehaltene Freizügigkeit durchaus sinnvoll ist, sondern im Alltag. „Ich bekomme Augenschmerzen, wenn ich durch die Stadt gehe“, spricht Cordula Frieser unverblümt saisonale Ästhetikprobleme in Sachen Kleidungswahl an und lacht dabei.

„Es scheint, die Menschen haben völlig das Gefühl für Textilien verloren. Jeder kommt nur noch in Shorts, Ruderleiberl mit geschmacklosen Applikationen und katastrophalen Schuhwerk daher.“ Cordula Frieser ist eine Apologetin des guten Geschmacks. Das heißt, auch wenn sie in gesellschaftlichen Bestandsaufnahmen gegen Unmanierlichkeiten wettert, geschieht das mit dem Charme einer Grande Dame, spitzzüngig, aber nahezu frei von Bösartigkeit. „So schön kann ein Männerbein gar nicht sein, dass man es in der Stadt herzeigt.“

Auf der Klaviatur

Seit gut sechs Jahren geht die ehemalige Nationalratsabgeordnete und Wirtschaftsprüferin daher als Coach gegen schlechte Kleidung, schlechtes Benehmen und unmögliche Manieren vor. Die breite Masse wird sie nicht ummodeln können – geht auch gar nicht –, aber die gebürtige Kärnterin hat dennoch genügend zu tun. Sie führt vor allem Manager in die hohe Kunst von Taktgefühl, Stil, Umgangsformen und Manieren ein und gibt im Einzel- oder Gruppenunterricht Nachhilfe im Benehmen.

„Früher war das selbstverständlich und ist in der Erziehung und der Schule mitgewachsen. Jetzt hatten wir über zwei Generationen lang regelrecht ein Benimmvakuum“, holt Frieser zum geschichtlichen Exkurs aus. Die Verantwortlichen für den luftleeren Raum sind übrigens schnell ausgemacht: Säkularisierung, das Aufbrechen verkrusteter Strukturen in den 60er-Jahren, die Studentenrevolte 1968 und antiautoritäre Erziehungsmodelle. Tradierte Werte und eine Beherrschung der Klaviatur gutbürgerlicher Umgangsformen passten nicht so recht in den damaligen Zeitgeist und wurden dementsprechend dann auch nicht weitergegeben.

Was hat man jetzt davon? Zum Beispiel Emporkömmlinge und Rookies, die nicht wissen, wie man sich bei Geschäftsessen bei Tisch benimmt, und dabei auf die scharfen Minen der Etikette treten. Sie stecken sich die Serviette in den Hemdkragen, schmieren Brotkrusten mit Butter und Aufstrich zu, schlecken beim Kaffee den Löffel ab, telefonieren oder hantieren unentwegt mit dem Handy herum und geben, wenn der Smalltalk langsam in Fahrt kommt, übermotiviert Schwachsinniges von sich.

Zu viel des Guten

Bedarf ist jedenfalls ausreichend vorhanden und scheint – ein Blick auf den Buchmarkt genügt da schon – durchaus gedeckt zu sein. Die Ratgeber, die Überblicke und tiefer gehende Einführungen in richtiges Benehmen, richtiges Bekleiden, richtiges Sprechen oder richtiges Netzwerken versprechen, sind Legion. Für Cordula Frieser ist dies durchaus auch ein Teil des Problems: „Natürlich sind die Leute höflich, aber es ist dies aufgesetzte Businesshöflichkeit, die nach Lehrbüchern antrainiert wurde. Das wirkt künstlich, aufgesetzt und unauthentisch. Gewissermaßen sind die Leute übercoacht.“

Das hat zur Folge, dass abseits der eingelernten Phrasen und Floskeln ein völliges Fehlen des guten Tons und von Manieren auffällig wird. „Ich versuche in meinen Seminaren meinen Kunden vor allem den Sinn des Regelwerks näherzubringen. Benimmregeln sollen ja vor allem eine gesunde zwischenmenschliche Distanz schaffen. Die übercoachte Gesellschaft kennt zwar die Regeln, benutzt sie aber falsch – das verstört und bewirkt das Gegenteil, also Distanzlosigkeit.“

Macht des Benehmens

Wie wichtig gutes Benehmen ist, zeigen immer wieder auch Umfragen unter Topmanagern, die explizit darauf verweisen, dass soziale Kompetenzen vor der beruflichen Fachkompetenz rangieren. Manieren sind also wieder auf dem Vormarsch, wer die Codes kennt und sich zu benehmen weiß, hat Macht. „Richtig angewandte Benimmregeln verleihen einem die Aura der Erhabenheit. Das macht Eindruck, ist ein zusätzliches Asset, und letztlich kann man sich auch mehr erlauben“, ist sich Soft-Skills-Expertin Frieser sicher. In einer Zeit, in der Wissen per Mausklick jederzeit verfügbar ist und für Geld jeder hedonistische Firlefanz gekauft werden kann, avanciert das Beherrschen der Etikette also zu einem subtilen Statussymbol. Manieren und Benehmen muss man sich erarbeiten.

Aber lässt sich jahrelang falsch Gelerntes in Intensivkursen überhaupt ausbügeln? „Natürlich ist es schwer und hängt vom Willen des Kunden ab. Man muss es von sich aus machen wollen und konsequent trainieren“, spielt Cordula Frieser auf die Eigenverantwortung an. Menschen aus dem ländlichen Raum sind übrigens leichter zu beraten, erzählt die Fachfrau. „Sie haben üblicherweise einen guten Grundstock an Manieren und sind nicht so beratungsresistent. Einzig die Affinität zum Trachtenanzug muss man ihnen ausreden, der hat in der Stadt nichts verloren“, merkt Frieser leicht ironisch an.

Auf Kurs

Kurse sind demnach gut besucht. Nicht selten werden ganze Büros von der Chefetage dazu verdonnert, die Umgangsformen zu polieren. Zudem haben auch Freiberufler erkannt, dass es geschäftlichen Abschlüssen zuträglich ist, wenn man situationsbedingt richtig reagiert. „Wir leben in Zeiten des Neo-Biedermeier, vieles spielt sich wieder in den eigenen vier Wänden ab. Viele Kunden wollen wissen, wie man als perfekter Gastgeber agiert und ein Essen bei sich zuhause korrekt ausrichtet.“ Das ist durchaus komplizierter, als man denkt: richtiges Geschirr, richtiges Besteck für jeden Gang, richtige Gläser, Catering ja/nein, Einladung gedruckt oder handgeschrieben, Gastgeschenke, rauchen ja/nein … Da heißt es Obacht geben, sonst blamiert man sich schnell vor dem Chef.

Es geht aber auch umgekehrt, etwa dass sich der Chef blamieren könnte. Deswegen werden an die Benimm-Koryphäe ab und zu diskret auch etwas pikantere Wünsche herangetragen. Mitunter soll es ja vorkommen, dass Männer in der Midlife-Krise dazu neigen, in deutlich jüngeren Damen eine Frischzellenkur zu sehen. „Nur, das arme Kind hat sich nie zu benehmen gelernt und kann eher nicht so ohne weiteres zu einem Geschäftsessen mitgehen, weil es gerade glaubt, mit der Reihe Besteck vorm Platzteller Mikado spielen zu müssen.“ Nicht selten verpasst also Cordula Frieser der neuen Liebe vom Boss den letzten Schliff fürs Parkett, auch die richtige Kleidung betreffend.

Dresscodes und Bekleidung sind ein Lieblingsthema der Grande Dame des Benehmens. „Die Branchenunterscheidung ist wichtig. Im Bankensektor muss alles perfekt sitzen, da hat man kaum Spielraum. In weniger strengen Branchen, wie in der Kreativszene, kann man das Outfit im Berufsalltag durchaus lockerer interpretieren“, erklärt die Stilkennerin.

Kritischer Nachsatz: „Was auch immer angezogen wird, es darf den Träger nicht entstellen!“ Dies zu berücksichtigen würde die Umwelt oft vor argen Augenschmerzen bewahren. Darf man trotzdem jemanden auf Fauxpas ansprechen? „Nein, man muss höflich bleiben. Benehmen heißt auch Souveränität und umgehen mit den Fehlern der anderen.“

– Manfred Gram

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