Die Diseuse Lucy McEvil ist eine Kunstfigur - und sie strickt für ihr Leben gern

Die Diseuse Lucy McEvil ist eine Kunstfigur - und sie strickt für ihr Leben gern Die Diseuse Lucy McEvil ist eine Kunstfigur - und sie strickt für ihr Leben gern

Die Diseuse Lucy McEvil ist eine Kunstfigur – ein Mann im Weiberfummel. Sie verzaubert seit Jahren mit ihrer Bühnenpräsenz, spielt für ausgewähltes Publikum den DJ, wohnt in einer Schrebergarten-Villa und strickt für ihr Leben gern.

Längst hat sich die Wiener Diseuse Lucy McEvil mit Hang zu Lidstrich und Gin Tonic zum Star entwickelt. Ihre Fans lieben und verehren sie – unabhängig von sexuellen Präferenzen. Lucy McEvil ist eine Kunstfigur. Ein Mann im Fummel, eine Transe. Aber keine klassische. „Es ist mir nie darum gegangen, eine Frauenrolle zu persiflieren, sondern einfach Geschlechtergrenzen aufzuweichen. Ich werde ja auch am Theater völlig unkommentiert für Frauenrollen besetzt.“

Zunächst galt sie nur in der Queer Community als Star, ihre bissig-unterhaltenden Chansontexte und ihre Schauspielauftritte zogen aber auch das Fernsehen an. 3sat und ARD („Der ORF wäre nie draufgekommen!“) begleiteten Lucy 2005 bei ihrem Soloprogramm „Winterreise“, einer Anlehnung an Franz Schuberts Liederzyklus. Und so wurde auch Lucys heute bester Auftraggeber auf sie aufmerksam: Hubsi Kramar, Regisseur, Schauspieler und Chef des 3raum-Anatomietheaters. Zuvor spielte Lucy schon die Polly in der „Beggar’s Opera“-Adaption „The Brokers Opera“ am Bregenzer Festspielhaus. Später glänzte sie als „ziemlich sadistische“ Mrs. Cheveley in „Ein idealer Gatte“ und in „Lady Windermeres Fächer“ von Oscar Wilde im 3raum-Theater. Aktuell besticht sie ebenda als Sängerin in „Wiener Blut oder Oper-Rette sich wer kann“.

Die schräge Rahmenhandlung: Die „Wiener Blut“-Wahlplakat-Sloganisten haben 2015 die Macht übernommen, feiern sich und ihr erstes Regierungsjubiläum. Zuwanderer, die nun als Künstler anerkannt werden wollen, müssen die Beherrschung der Operette oder wahlweise des Schuhplattelns nachweisen.

Politisch korrekt, nicht käuflich

Lucy geriert sich aber auch gern als Diva – jedes Angebot nimmt sie nicht an. „Natürlich bin ich bis zu einem bestimmten Grad am Entertainment-Strich käuflich, aber alles braucht man dann auch nicht. Ich habe meine moralischen Grundsätze“, spielt sie auf Angebote aus der politischen Ecke an. „Wie alles im Leben ist mir das Schauspielen zufällig passiert“, seufzt sie nachhaltig und klimpert dabei kokett mit den langen Wimpern. Lucy hat nämlich noch weitere Talente: Einmal pro Monat tritt sie mit ihrer Band (die „Band“ heißt) im 3raum auf, und nebenbei jobbt sie als DJane.

Agnes Husslein engagiert sie ebenso wie Hans Peter Haselsteiner oder Jacky Radatz, der erst jüngst seinen „49,999 periodisch“-Geburtstag in Bernd Schlachers „Motto am Fluss“ feierte. Und warum ist Lucy als DJ so begehrt? „Die meisten haben Tiroler-Skihütten-Niveau oder spielen die klassische House-Musik-iza-iza-iza-Geschichte. Ich lege ‚heavy easy listening‘ auf“, verweist die begehrte DJane auf ihre Spezialität. Obwohl das Schauspiel viel schlechter als der DJ-Job bezahlt ist, zieht sie die Theaterbühne vor.

Ihre wahre Identität weiß die Diseuse mit Gardemaß seit vielen Jahren gut zu verbergen. Lucys Künstlername entstammt dem Titel eines Songs der Gruppe Blood Sweat & Tears. Auch ihr Heimatland hat Lucy aus ihrem Gedächtnis ausradiert: „Ich habe meine Kärntner Wurzeln nicht verloren – ich habe sie ausgerottet. Warum, das muss ich wohl nicht erklären.“

Topflappen statt „Klumpert“ im Werkunterricht

Eine positive Erinnerung an Carinthia hat sie dennoch, nämlich wie sie zum Stricken kam. Beigebracht hat das dem kleinen Buben die Tante während der Gymnasialzeit. Die schon damals „ausgeprägte Persönlichkeit“ wollte natürlich auch in der Schule stricken und häkeln: „Das war der totale Aufstand, die Eltern mussten mir schriftlich bestätigen, dass ich mit den Mädels in der Schule handarbeiten durfte. Im Werkunterricht haben die ja nur Klumpert gemacht“, echauffiert sich Lucy. Das erste Stück war dann ein Topflappen, den McEvil fertigte.

Heute strickt sie von Socken über Pullis bis zu Mänteln alles. Ihre Lieblingsfarbe: Limegreen. Am liebsten strickt sie während der Proben: „Da hat man oft stundenlange Wartezeiten, und das ist echt Energie raubend. So stricke ich nebenher und entspanne mich dabei total.“

Lucy versteht sich auch auf das Verfilzen von Wolle. Erst macht sie ein „Probefleckerl“, rechnet sich aus, in welchem Verhältnis „die Maschen schrumpfen“ können, und schmeißt das Ganze dann bei 60 Grad in die Waschmaschine. „Es ist jedesmal irrsinnig spannend, was dann rauskommt“, zeigt sie ihre Freude darüber, wie sich ein „unförmiges Teil“ in ein Kleidungsstück verwandelt.

Im wirklichen Leben ist Lucy McEvil „weder verpartnert noch verheiratet“; das würde sie „bourgeois“ finden, „egal ob Mann-Frau- oder Mann-Mann-Beziehung“. „Ich bin definitiv kein Misanthrop, ich mag Menschen, brauche aber viel Zeit für mich – und zwar ablenkungsfreie“, betont sie. „Ich habe auch keine wahnsinnigen Ambitionen, reich zu werden. Der wirkliche Luxus ist, wenn du Sachen machen kannst, die dich interessieren. Dann wird es auch nie zur Arbeit“, erklärt sie ihr Lebensmotto.

Vor Jahren hat Lady McEvil den Fernseher verbannt und lebt ein „bescheidenes Leben“ in ihrer „Villa Valium“, die in inmitten einer Penzinger Schrebergartensiedlung liegt. Getauft hat das Häuschen eine holländische Freundin. Die lag im Sommer in der Hängematte und meinte: „This is so relaxing, this is Villa Valium.“ Und der Name war Programm und wurde später auch zum Titel einer von Lucy verfassten Bühnen-Sitcom.

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