Das Geschäft mit der Liebe

Das Geschäft mit der Liebe

Große Liebe, heiße Affäre oder schneller Sex - die Österreicher loggen sich zur Partnersuche vermehrt auf Datingbörsen im Internet ein. Dort tummeln sich 700.000 Singles, viele davon lassen sich den Flirt einiges kosten. Die Erfolgsquote: Fast jede zweite Beziehung hat heute ihren Ursprung im Web. Das Geschäft mit der Liebe lässt die Kassen klingeln und ist auf dem besten Wege, den klassischen "Aufriss“ abzulösen.

Gerne nimmt man bei Recherchen die Hilfe von Kollegen in Anspruch. "Ja, da kenn ich wen!“, war in den letzten Tagen ein in der FORMAT-Redaktion häufig ausgesprochener Satz, wenn danach gefragt wurde, ob vielleicht jemand - in welcher Form auch immer - schon Erfahrung mit Online-Dating und Partnerbörsen gemacht hat. Redakteur A. kennt ein Pärchen, das mittlerweile verheiratet ist und zwei Kinder hat, er war Trauzeuge bei der Hochzeit. Ähnliches weiß auch Kollege B. zu berichten. "Da kenn ich wen! Die haben sich jetzt verlobt, Kind ist bereits unterwegs.“ Kollegin C. hat eine "ziemlich beste Freundin“, die mehrere Verabredungen mit Männern arrangierte, in der romantischen Hoffnung, der Richtige wäre dabei. Kollegin D. hat einen schwulen besten Freund, der intensiv die Dating-Seiten der Gay-Szene nutzt. Und Kollege E. verrät - unterm Mantel der Verschwiegenheit -, dass er sich eine Zeit lang auf Seitensprungportalen herumtrieb. Das ist kaum verwunderlich.

Jede zweite Freundschaft und Beziehung in Österreich hat gegenwärtig ihren Ursprung im Internet, sei es auf Social Networks wie Facebook und Twitter oder auf Kontaktbörsen wie Friendscout24.at und Badoo.com. Die Angebote der kostenpflichtigen Partnervermittlungsagenturen wie E-Darling oder Parship stehen bei Singles hoch im Kurs. Aber auch Seitensprünge, Affären und One-Night-Stands lassen das Casual-Dating-Biz prosperieren. Und auch die Special-Interest-Partnerbörsen schießen wie die Schwammerln aus dem Boden. Heavy-Metal-Fans finden auf schwarzesglück.de zueinander. Sugardaddys gibt es auf millionaertreff.de. Und es braucht wohl wenig Fantasie, um zu wissen, worum es bei metzgersingles.de geht: um die Wurst nämlich. Die Psychologen-Legende Gerti Senger ist über den Boom am Online-Dating-Markt nicht überrascht. "Seit jeher ist es üblich, Beziehungen über andere herzustellen. Jetzt nutzt man eben die Chancen, die eine neue Technik bietet.“

Österreich im Liebesrausch?

Eine aktuelle Auswertung der Statistik Austria bestätigt diesen Eindruck auch abseits von Bildschirm, Internetanschluss und Mausklicks. Im Vergleich zum Vorjahr wurden heuer bereits um 5,6 Prozent mehr Ehen geschlossen. Und, andere Baustelle zwar, aber ebenfalls gutes Indiz: der rege Zuspruch der ORF-Sendung "Liebesg’schichten und Heiratssachen“, die unter der Ägide von Elizabeth T. Spira mittlerweile in der 16. Staffel erfolgreicher denn je läuft. "Ich erhalte für meine Sendung nicht mehr Bewerbungen als vor zehn Jahren, allerdings sind die Hemmungen und Hemmschwellen auch für andere Gruppen niedriger geworden“, erzählt die Journalistin über die neue Lockerheit. "Unsere Klientel ist ein bisschen vornehmer und sexuell vielseitiger geworden. Mittlerweile melden sich mit großer Regelmäßigkeit auch Singles aus besseren Kreisen und viele Homosexuelle.“ Vermitteltes Dating, egal ob offline oder online, ist damit also längst im gesellschaftlichen Mainstream angekommen.

Diese Erfahrung hat auch die deutsche Journalistin Annabel Dillig gemacht. Für ihr Buch "Diesen Partner in den Warenkorb legen“ durchleuchtete sie das Treiben auf den Singlebörsen und gleichzeitig auch noch die Generation der 30- bis 40-Jährigen: "Die Generation 30 plus denkt heute in Projekten. Projekt Karriere, Projekt Wohnung und eben auch Projekt Partnersuche.“ Die Singles dieser Altersgruppe gehen zügig und pragmatisch an die Partnersuche ran. Das müssen sie auch, denn in dieser Altersgruppe, wenn Freunde rundherum heiraten und Kinder kriegen, ist der Leidensdruck im Single-Dasein besonders stark. Da kommen dann die Vorzüge des Online-Datings, das zuhause nach der Arbeit oder unterwegs via Smartphone gemanagt werden kann, gelegen.

Geschäft mit der Liebe

Beim Online-Dating geht es nicht nur um die große Liebe oder den unkomplizierten Flirt - vor allem geht’s ums Geld. Zunächst ist die Mitgliedschaft in den meisten Singlebörsen kostenlos - oft lässt sich auch schon nach geeigneten Partnern suchen. Zur Kasse gebeten wird man erst, wenn man mit einem der Singles in Kontakt treten will. Hier langen die Dating-Anbieter ordentlich zu: Wer sich aktiv in einer Singlebörse bewegen will, muss dafür rund 60 Euro oder mehr pro Monat auf den Tisch legen. Immerhin steuern 700.000 Österreicher pro Monat eine Dating-Seite im Internet an. Davon werden allerdings nicht alle zu zahlenden Mitgliedern.

Wie groß der Markt für Online-Dating wirklich ist, verraten die Partnerbörsen nicht - hier wird lediglich von der Zahl registrierter User gesprochen, von denen allerdings der überwiegende Teil längst nicht mehr aktiv ist. Experten schätzen die reale Menge der Singles, die im Moment in Österreich aktiv auf Partnersuche in kostenpflichtigen Online-Dating-Seiten unterwegs sind, auf 25.000 bis 40.000 Personen. Damit kommt die Branche immerhin auf einen heimischen Jahresumsatz von geschätzten 17,7 Millionen Euro - mehr als das Achtfache von vor zehn Jahren. In Deutschland wird mit Online-Dating genauso viel umgesetzt wie mit Kondomen: nämlich knapp über 200 Millionen Euro. Weltweit beträgt der Jahresumsatz übrigens um die vier Milliarden Dollar.

Der Umsatz steigt dabei stärker als die Zahl der User - eine Entwicklung, die der üblichen Marktdynamik im Internet auf den ersten Blick zu widersprechen scheint. Den Grund dafür kennt Henning Wiechers vom Branchenbeobachter metaflake: "Im ersten Schritt wurden Leute über Gratisangebote überhaupt erst dazu gebracht, über das Internet ihren Partner zu suchen. Im zweiten hat man sie davon überzeugt, dafür zu bezahlen. Und in der dritten Phase, die jetzt eingetreten ist, wird versucht, von jedem Kunden noch mehr Geld zu bekommen.“ Das läuft vor allem über teurere Premiumangebote und ein generelles Anziehen der Kostenschraube. "War ein Drei-Monate-Einstiegspaket 2010 noch für 150 Euro zu haben, liegen die Angebot heute bei rund 200 Euro“, so Wiechers.

Jugendverbot

Etwas anders ist das Geschäftsmodell bei Seiten, deren Hauptaugenmerk auf den körperlichen Aspekten zwischenmenschlicher Interaktion liegt. Das sogenannte Adult-Dating, das schnellen Sex mit Gleichgesinnten verspricht, ist stark im Kommen und lockt bereits mehr als 360.000 Österreicher pro Monat auf die Seiten derartiger Anbieter. Die Angebote von AdultFriendFinder.com, c-date.at, FlirtFair.at und Konsorten richten sich neben Singles auch an Personen, die Lust auf einen Seitensprung haben oder einer Swinger-Community beitreten möchten. Die Mitgliedschaft ist dabei für Frauen (und oft auch für Paare) kostenlos - zur Kasse gebeten werden lediglich männliche User. Die machen ohnehin den Großteil der Klientel aus.

Den Zenit am Erotiksektor sieht Henning Wiechers noch lange nicht erreicht: "Hier drängen noch neue Anbieter wie Ashleymadison.com auf den österreichischen Markt.“ Und die haben es immerhin mit ihrer App als einziger Seitensprung-Anbieter trotz der strengen Moralrichtlinien von Apple auf das iPhone geschafft.

Die Rollenverteilung beim Online-Dating folgt interessanterweise demselben Muster wie das klassische "Anbrat-Ritual“ in der Bar: Frauen werden von Männern angesprochen, die erwidern dann entweder das Gespräch oder zeigen die kalte Schulter. In der Praxis bedeutet das, dass Frauen im Allgemeinen um ein Vielfaches mehr Nachrichten von männlichen Online-Dating-Usern erhalten - und diese dann selektiv beantworten.

Gut geblufft

Ebenfalls interessant ist das Beuteschema, das Frauen und Männer online verfolgen: Während weibliche User von Online-Dating-Seiten in der Regel einen Partner im selben Alter suchen, fischen Männer primär in der seichteren Hälfte der Altersdemografik. Und das mit steigender Tendenz: Je älter ein männlicher Online-Dater, desto größer wird der Altersunterschied zur gesuchten Partnerin. Im Internet nehmen wir es bekanntlich mit der Wahrheit oft nicht ganz so genau - erst recht nicht, wenn es um uns selbst geht.

Nicht allzu überraschend dürfte daher die Erkenntnis einer US-amerikanischen Studie sein, die 2009 dem Wahrheitsgehalt der Angaben von partnersuchenden Internetusern auf den Grund ging: 92 Prozent aller Männer und 94 Prozent aller Frauen haben zumindest bei einer Angabe geflunkert. Eklatante Lügen fanden sich immerhin bei 31 Prozent der Männer und 27 Prozent der Frauen. Am häufigsten schummeln Männer bei der Körpergröße - unterhalb von 1,80 Metern wird besonders gerne aufgerundet - und beim Einkommen. Beim Alter wird übrigens weniger oft geschummelt, als man vermutet.

Wie eine Auswertung der Profile von OKCupid im Jahr 2011 ergab, lagen die Angaben männlicher User zu ihren Einkommensverhältnissen im Schnitt 31 Prozent über deren realem Einkommen. Bei Frauen ist das Alter übrigens nicht die beliebteste Lüge - vor allem Userinnen, die eine längerfristige Partnerschaft anstreben, sind hier ehrlich. Dafür nehmen es die Ladys mit sämtlichen Maßeinheiten rund um den eigenen Körper nicht so genau - im Durchschnitt werden derartige Zahlen um acht Prozent in Richtung Traumfigur gerückt.

Liebe unterwegs

Ein vergleichsweise neuer Trend digitaler Partnersuche ist das Mobile Dating. Über eine App am Handy wird dabei das Online-Dating-Profil mit dem aktuellen Standort abgeglichen - der User erfährt, ob sich gerade Flirtwillige in der Nähe befinden. Unter gleichgeschlechtlich orientierten Online-Flirtern hat Mobile Dating bereits zum klassischen Online-Dating aufgeschlossen: Vor allem aus der Gay-Community ist es heute kaum mehr wegzudenken.

Wie erfolgreich Anbieter von Mobile Dating sein können, zeigt Badoo.com: Die App des digitalen Kontaktanzeigen-Marktplatzes gehört zu den meistgeladenen Smartphone-Programmen überhaupt. Dating-Apps, wie Grindr oder Badoo, die auf GPS basieren, verändern damit auch das Ausgehen. "Das ist dann oft kurios: Man sieht oft Menschen in einer Bar, die sich nicht trauen, jemanden dort anzusprechen, dann aber auf dem Heimweg bei Fremden vorbeischauen, die online Kontaktfreude signalisiert haben“, erzählt die Journalistin Annabel Dillig diesbezüglich.

System-Kritik

Noch sind aber von den Qualitäten der Online-Börsen nicht alle überzeugt. Eine Studie amerikanischer Forscher zweifelt etwa den Erfolg von psychologischen Tests, wie sie Online-Dating-Seiten durchführen, um herauszufinden, welche Menschen zueinanderpassen, generell an. Dafür verwenden Partnerbörsen sogenannte Matching-Algorithmen, die auf die Antworten der Menschen zurückgreifen, die sich zur Partnersuche angemeldet haben. Nach der Studie "Online Dating: A Critical Analysis from the Perspective of Psychological Science“ der US-Psychologen rund um Eli J. Finkel kann aber eine mathematische Formel zwei Singles kaum zu einer langfristigen Beziehung zusammenbringen - weil die Online-Partnerbörsen nicht über die für eine solche Prognose notwendigen Daten verfügen würden.

Die Forscher kommen allerdings auch zu dem Ergebnis, dass Online-Partnerbörsen das Suchen und Finden von Lebenspartnern fundamental verändert haben. Sie eröffnen sehr einfachen Zugang zu einer viel größeren Gruppe an Menschen, die eventuell als Partner infrage kommen. Sie können diese Menschen über ihre Profile vergleichen, lange bevor sie sie persönlich kennenlernen. Der Haken, laut Kritikern: Die Menge der Vergleichsdaten wird zum Informations-Overkill. Oft bewerten User dadurch potenzielle Partner nach Kriterien, die ihnen im realen Leben überhaupt nicht wichtig sind. So kann die "falsche Lieblingsband“ gleich zum Disqualifikationsgrund werden.

"Viele der wichtigsten Parameter, die dafür ausschlaggebend sind, ob romantische Beziehungen funktionieren oder nicht, hängen davon ab, wie sich Menschen miteinander verhalten, oder von der Art, wie sie mit unvorhersehbaren und unkontrollierbaren Ereignissen umgehen“, heißt es in der oben genannten Studie weiter. Aus ebendiesem Grund können Matching-Seiten den Anspruch, mit hoher Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, wer zueinander passt, nicht erfüllen.

Wie die Zukunft des Online-Datings aussehen könnte, verraten die Entwickler von OKCupid. Das kostenlose Online-Dating-Portal setzt massiv auf technische Weiterentwicklung der verwendeten Computerverfahren, um jedem Topf einen noch besser passenden Deckel zu verpassen. "Wir arbeiten im Moment an einer noch stärkeren Vernetzung von Online-Dating und Social Media“, verrät OKCupid-Technikchef Tom Quisel. "Ideal wäre es, ein Profil zu haben, das wirklich zeigt, wie eine Person ist - nicht wie sie sagt, dass sie ist.“ Das will man in naher Zukunft durch ein Computerprogramm erreichen, das mit dem Einverständnis des Users dessen Facebook- und Twitter-Account sowie andere Social Networks durchforstet und das tatsächliche Verhalten analysiert: Vorlieben, Abneigungen und sogar die Art des Humors ließen sich so mit potenziellen Partnern vergleichen.

Bei OKCupid scherzt man sogar schon darüber, auch DNA-Analyse mit in das Profil einfließen zu lassen. "Aber das“, meint selbst Tom Quisel, "macht derzeit sogar uns noch etwas Angst.“

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