Brompton-Falträder sind Kult. Porträt einer Londoner Firma mitten im Hype

Klappräder galten als spießig, klobig und unhandlich. Mit dem Brompton-Bike hat sich das Faltrad aus England genießt in der Bike-Szene mittlerweile Kultstatus. Firmenporträt einer Lifestyle-Marke, die sich anschickt, langsam die Welt zu erobern.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten feierten britische Regierungen die Finanzindustrie als Reichtum bringende Wirtschaft der Zukunft. Verarbeitende Betriebe wurden als gestrig belächelt und vergessen. Dementsprechend gibt es auch kaum noch Industriekonzerne in Großbritannien, und das Label „Made in UK“ hat Seltenheitswert.

Umso erstaunlicher ist die Erfolgsgeschichte der Firma Brompton, die von einem Gewerbegebiet nahe der Themse aus einen weltweiten Hype losgetreten hat. Und das mit einem Produkt, das bis vor wenigen Jahren als hoffnungslos uncool und spießig galt. Klappräder waren eine Ausgeburt der 70er-Jahre. Sie waren meist orange oder froschgrün und beförderten dickbäuchige Männer vom Campingplatz zur Bierbude und zurück. Nebenbei waren die Räder meist klobig, schwer und überhaupt nicht praktisch zu transportieren.

Ein Brompton hat mit einer solchen 70er-Jahre-Klapprad-Katastrophe etwa so viel gemein wie ein Porsche mit einem Trabi. Trotz kleiner Reifen wirken die Räder mit ihren geschwungenen Rahmen schick. Das mag aber auch an den Fahrern liegen, die sich in smarter Bürokleidung auf ihren Bromptons durch den dichten Berufsverkehr von Metropolen wie London, Frankfurt oder Tokio schlängeln. In 38 Länder liefert die Firma ihre Räder heute, am größten ist die Nachfrage aus Japan, Südkorea und Deutschland. Die Räder sind so beliebt, dass Käufer mindestens sechs Wochen auf ihr Brompton warten müssen.

Aus dem Londoner Stadtbild sind die kleinen Falträder nicht mehr wegzudenken. Dank einer raffinierten Technik kann man sie in 20 Sekunden auf die Größe eines Aktenkoffers zusammenklappen, mit in die U-Bahn nehmen, an der Garderobe abgeben oder im Büro unter den Schreibtisch stellen. Je nach Material wiegen die Kulträder zwischen neun und 12,4 Kilo. Der Preis ist mit 800 bis 2.200 Euro zwar happig, bedenkt man aber die Diebstahlsrate von auf der Straße geklauten Fahrrädern, hat man das Geld nach ein paar Jahren wieder drin.

Start mit Hindernissen

Erfunden hat die Wunderwaffe gegen Stau und überfüllte U-Bahnen der Londoner Ingenieur Andrew Ritchie. Mit seinen zerzausten grauen Haaren, dem verknitterten Hemd und den kurzen Hosen sieht der 64-Jährige wie der Prototyp eines zerstreuten Erfinders aus. „Durch Zufall traf ich 1975 einen Typen, der für das Klapprad Bickerton Investoren suchte.“ Ritchie begutachtete das Rad und ärgerte sich, wie kompliziert und unhandlich das Bickerton war. „Weil ich an dem Abend nichts Besseres zu tun hatte, entwarf ich auf meinem Zeichenbord ein eigenes Faltrad.“ Das Brompton war geboren, das seinen Namen einer Kirche verdankt, die Ritchie von seinem Wohnungsfenster aus sehen konnte. Von der ersten Zeichnung bis zur Serienproduktion sollte es dann aber noch 13 Jahre dauern.

„Ich versuchte, einen großen Radhersteller als Lizenznehmer zu gewinnen.“ Überzeugt von seinem Konzept, überredete Ritchie 30 Freunde, Fahrräder bei ihm zu bestellen und vorab zu bezahlen. Per Hand schraubte Ritchie die Räder im Alleingang zusammen. Weil eine weitere Nachfrage ausblieb, musste er die Pilotproduktion 1983 wieder einstellen.

Die Wende kam durch einen Zufall. Der Yachthersteller Julian Vereker sah in einem französischen Hafen eines der Pilotbromptons auf einem Schiff. Ihm kam die Idee, seine Yachten verkaufsfertig mit Bromptons auszustatten. Als er erfuhr, dass Ritchie keine Räder mehr herstellte, half er ihm bei der Suche nach einem Geldgeber. „Weil Julian für mich bürgte, bewilligte uns 1986 schließlich eine Bank einen Kredit.“ Ritchie konnte seinen Job als Landschaftsgärtner kündigen und tüftelte zwei weitere Jahre an einem serienreifen Modell. 1988 lieferte die Firma die ersten 90 Räder aus.

23 Jahre später liegt die Jahresproduktion bei knapp 30.000 Rädern. Trotz Finanzkrise konnte Brompton seinen Umsatz in den vergangenen drei Jahren auf 13,1 Millionen Pfund verdoppeln. Mit einem Nettogewinn von 4,3 Millionen Pfund ist die Firma hochprofitabel.

Trittfest

Zu verdanken hat Brompton die Traumwachstumsraten dem Geschäftsführer Will Butler-Adams. Wie so ziemlich alles in der Erfolgsgeschichte von Brompton brachte auch ihn der Zufall zu Ritchie. 2002 kam der heute 37-jährige Ingenieur mit Tim Guinness im Bus ins Gespräch, der sich als Verwaltungsratschef von Brompton vorstellte. Guinness bot Butler-Adams einen Job an. „Die Firma war mir eigentlich zu klein, ich ging nur aus Höflichkeit zum Vorstellungsgespräch.“ Butler-Adams war zunächst nicht begeistert von dem, was er sah. Die heutige 2.000 Quadratmeter große Fertigungshalle, in der nach wie vor die Bikes von Hand zusammengeschraubt werden, war hauptsächlich ein Lagerhaus. Gerade 24 Leute arbeiteten versteckt zwischen hohen Regalen an ein paar Fahrrädern. Doch als er die Zahlen sah, war er sehr beeindruckt. „40 Prozent Handelsspanne, zehn Prozent Gewinnmarge – die Firma hatte ein riesiges Potenzial.“

Die nächsten Jahre boten sich Butler-Adams und Ritchie fortwährende Gefechtskämpfe. „Andrew ist ein genialer Ingenieur, aber er verliert sich in Details“, sagt Butler-Adams über Ritchie. „Will packt die Sache einfach an, während ich lieber alles lange theoretisch durchdenke“, sagt Ritchie über Butler-Adams. Schließlich konnte Butler-Adams den Brompton-Gründer aber doch überreden, die Firma auf Wachstum zu trimmen.

2008 übernahm er die Geschäftsführung von Ritchie. Der ließ sich aber nur unter der Bedingung darauf ein, dass Butler-Adams die Hälfte der Brompton-Anteile aufkaufte. Zusammen mit Freunden und Bekannten brachte der neue Chef 3,5 Millionen Pfund auf und übernahm 50 Prozent der Firmenanteile. „Ich wollte sicherstellen, dass Will gewissenhaft mit dem Unternehmen umgeht“, sagt Ritchie. Trotz der enormen Ingenieursleistung hat Brompton kein einziges Patent angemeldet. „Unsere Komponenten sind so komplex, dass der Nachbau rund drei Millionen Pfund kosten würde.“ Das sei Einstiegsbarriere genug.

Zukunftsmusik

Butler-Adams hat große Pläne für die Zukunft der kleinen Fahrradfirma. Im September will er auf der Branchenmesse Eurobike in Friedrichshafen das erste Brompton-Elektrorad präsentieren, und vergangene Woche startete Brompton außerdem ein neues Verleihsystem im Großraum London. An Pendlerbahnhöfen außerhalb der britischen Hauptstadt werden Container aufgestellt, bei denen man sich für 1,60 Pfund pro Tag ein Brompton mieten kann. Das Projekt befinde sich noch im Versuchsstadium, einige Städte in England und Japan hätten aber schon Interesse angekündigt.

Wenn er es richtig anginge, könnte aus Brompton einmal ein Weltkonzern werden, ist Butler-Adams überzeugt. „Wir haben leider schon sehr viel Zeit verloren im Wettbewerb um das Faltrad.“ Durch den Erfolg des Brompton angespornt, haben etablierte Hersteller ähnliche Falträder auf den Markt gebracht. Doch keines hat so einen Kultfaktor wie das Londoner Original. „Der Jahresumsatz bei Freizeiträdern liegt weltweit bei rund einer Milliarde Pfund“, sagt Butler-Adams. Langfristig werde der Markt für Klappräder deutlich größer sein. Die Mehrzahl der Weltbevölkerung wohne schließlich in urbanen Gegenden, die mit Verkehrs- und Umweltproblemen zu kämpfen haben.

– Tina Kaiser, London

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