"Alter Meister“ Swoboda

"Alter Meister“ Swoboda

Drei Paar Frottee-Hausschuhe sind feinsäuberlich aneinander gereiht. Darüber, auf einem Tisch, liegen fünf Polo-Shirts gebügelt und gefaltet. Darauf wiederum liegen zwei Geschirrtücher. Das Atelier, das sich der EU-Abgeordnete Hannes Swoboda ein Stockwerk unter seiner Wohnung eingerichtet hat, ist ein Stillleben der Ordentlichkeit, das nur darauf wartet, mit Farbe bekleckert zu werden.

"Das ist der einzige Raum, der schmutzig werden darf“, erzählt der 66-jährige SP-Politiker, der jede freie Minute in Wien nutzt, um in seinem ruhigen und hellen Künstler-Refugium mit Ausblick auf die Wiener Taborstraße, zu malen.

Malen - das ist Swobodas Leidenschaft, die sich bis in seine Schulzeit zurückverfolgen lässt. Schon damals faszinierten ihn Kunst und Architektur und er maturierte zu einem Bild des Barockmalers Franz Anton Maulbertsch.

Nach wenigen Jahren Pinsel-Abstinenz griff er dann wieder spontan zu Staffelei und Leinwand und malte zunächst mit Ölfarben bis er auf Acryl umstieg. "Mit Acryl bin ich flexibler. Ich kann zu malen aufhören und etwas später wieder anfangen“, erläutert er. Dennoch hat der umtriebige EU-Abgeordnete immer eine genaue Vorstellung davon, wie sein nächstes Bild aussehen soll und führt seine Pinsel mit akribischer Genauigkeit über die Leinwand. "Wenn der Grundentwurf fertig ist, konzentriere ich mich in absoluter Stille auf die Vollendung des Bildes. Dann ist alles andere unwichtig. Zumindest für eine kurze Zeit“, schwärmt Swoboda von der Entspannung, die ihm das Malen bringt. Zufrieden ist der Perfektionist mit seinen Bildern aber selten: "Da ich sie ständig überarbeite, sind sie am Ende nie das, was sie sein sollten.“

Kunsttherapie

Flexibilität und Präzision werden Swoboda - privat mit Ex-Politikerin und Siemens AG-Vorstandsmitglied Brigitte Ederer verheiratet - auch von der Politik abverlangt. Als Vorsitzender der Fraktion Progressive Allianz der Sozialdemokraten (S&D) im Europäischen Parlament reißt es ihn zwischen Sitzungen, Delegationen und anderen Verpflichtungen hin und her. Kürzlich veröffentlichte Swoboda, gemeinsam mit dem britischen Journalisten David Gow, auch noch das Buch "Basta! An End To Austerity“, das gegen die strenge Sparpolitik der EU vorgehen will. Neben seinem Brüssel-zentrierten Arbeitsplatz ist Swoboda aber auch beruflich viel auf Reisen. Sei es in Marokko, Tunesien oder Ägypten, wo er die politischen Gesinnungen nach dem arabischen Frühling untersucht oder etwa in Russland, wo er Beziehungsarbeit für die EU leistet.

"All die fremden Landschaften, Eindrücke, aber auch politischen Szenen inspirieren mich dann, meine Bilder zu malen“, erklärt er. Vor allem der Balkan hat es ihm angetan, wo er für seinen politischen Einsatz mit der Ehrung "Aktivster EU-Politiker auf dem Balkan“ ausgezeichnet wurde. Es sind die Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen in diesen Ländern, die manchmal schwer zu verkraften sind. "Ich verarbeite diese Erlebnisse dann in Ruhe auf der Leinwand.“

Malen gegen Armut

Obwohl Swoboda nicht den Anspruch stellt, ein Künstler zu sein, veranstaltete er bereits einige Ausstellungen. Beispielsweise in Venedig, Mazedonien, Albanien oder auch in Wien: "Aber ich halte mich persönlich eher zurück. Meistens stelle ich meine Bilder Benefizveranstaltungen zur Verfügung“, erzählt er. Oder er verschenkt Arbeiten in seinem Freundes- und Bekanntenkreis und fordert die neuen Besitzer auf, den Wert des Bildes für einen guten Zweck zu spenden. Zum Beispiel für die "Casa Hannes“ - "ein Projekt, das ich in Rumänien begonnen und mitfinanziert habe. Es ist ein Haus für Straßenkinder, eine Wohngemeinschaft, die ihnen helfen soll, eine Lehre zu beenden und ins Berufsleben einzusteigen. Momentan beherbergt die Casa 26 Jugendliche.“

Als sehr aktiver EU-Politiker kann Swoboda seinem Hobby nur zeitweise frönen: "Wenn ich dann deprimiert von gescheiterten Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina oder beflügelt vom Eindruck des Sonnenuntergangs am Bosporus in Istanbul in mein Atelier zurückkehre und ein längeres Wochenende zur Verfügung habe, entstehen schon einmal zwei Bilder. Dafür muss aber der Eindruck, den ich verarbeiten will, die Zeit und die Muse da sein“, sinniert er.

All das könnte schon bald der Fall sein, denn Swoboda kündigte kürzlich an, zur nächsten Fraktionsvorsitzendenwahl nicht mehr anzutreten und sich dann langsam in seinen Ruhestand verabschieden zu wollen. Immerhin stieg der studierte Jurist und Volkswirtschaftler gleich nach der Universität in die Wiener Stadtpolitik ein und ist seit 1996 als Abgeordneter fürs Europäische Parlament im Amt. Swoboda freut sich jedenfalls schon auf das Danach: "Die Zeit kommt dann der Kunst zugute.“

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