Kamera an, Hirn aus: Action-Cams als Unfallrisiko

Kamera an, Hirn aus: Action-Cams als Unfallrisiko
Kamera an, Hirn aus: Action-Cams als Unfallrisiko

Volles Tempo durchs Unterholz: Action-Cams verleiten Benutzerzu riskantem Verhalten.

Action-Cams liegen voll im Trend. Um zu möglichst beeindruckenden Aufnahmen zu kommen gehen die Benutzer jedoch oft erhöhte Risiken ein. Selbstüberschätzung ist dabei eine große Gefahr.

Wer in den vergangenen Monaten Zeit mit Mountainbikern, Surfern oder Kletterern verbracht hat, der wird kaum an ihnen vorbei gekommen sein: Actionkameras wie die GoPro sind klein, robust und wetterfest werden daher von Hobbysportlern immer öfter verwendet, um sich selbst bei ihren Abenteuern zu filmen. Das befriedigt den Narzissmus der Menschen und lässt die Hersteller bestens verdienen. Doch es regt sich auch immer mehr Kritik an der neuen Form der Selbstdarstellung.

Denn durch die Kameras kann theoretisch jedermann zum Dokumentarfilmer oder Actionstar werden. „Doch das Problem ist, dass die Risikobereitschaft steigt, sobald die Kamera läuft“, sagt Stefan Siegel vom Alpenverein zu format.at: Denn die meisten Aufnahmen wirken enttäuschend, wenn der Sportler sich normal verhält – um möglichst spektakuläre Bilder zu filmen, gehen Viele über ihre Grenzen. Und im Internet ist auf Plattformen wie YouTube ein regelrechter Wettbewerb entbrannt, bei dem versucht wird, sich gegenseitig mit ausgefallenen Unfällen zu übertreffen.

Eine Sammlung verschiedener Crashs von Radfahrern - aufgenommen mit Action-Cams.

In der Schweiz warnen Institutionen bereits vor der Verwendung der Kameras und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. In Österreich üben sich das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) und die AUVA noch in Zurückhaltung – es wurden noch keine Daten zu Unfällen mit Actioncams ermittelt, heißt es auf Anfrage.

Allerdings weist das KfV darauf hin, dass Ablenkung mit einem Anteil von 38 Prozent am Gesamtunfallgeschehen im Jahr 2014 die häufigste Unfallursache in Österreich war. Bei Motorradfahrern gehört die Bedienung des Navigationssystems zu den häufigsten Ablenkungen, bei Autofahrern ist es Telefonieren oder das Schreiben von SMS. „Viele von uns denken, dass wir locker mehrere Tätigkeiten gleichzeitig verrichten können“, sagt dazu Othmar Thann, Direktor des KFV: „Doch diese Annahme ist ein Trugschluss, denn das menschliche Gehirn ist nicht zum Multitasking geschaffen“. Action-Cams, durch die der Nutzer sich der digitalen Beobachtung stets bewusst ist, dürften den Trend zu Ablenkung und Selbstüberschätzung wohl noch verstärken.

Erfolgsstory mit Vorbild Red Bull

Die starke Nachfrage – vor allem in Europa und Asien – beschert Marktführer GoPro jedenfalls ein blühendes Geschäft: Die Erlöse stiegen im vergangenen Quartal um 72 Prozent auf 420 Millionen Dollar (386,49 Millionen Euro); der Gewinn lag bei 35 Millionen Dollar, nach 20 Millionen Dollar im Vorjahr. Das Unternehmen aus San Mateo, Kalifornien, hat inzwischen über 1200 Mitarbeiter; an der Börse ist GoPro 7,7 Milliarden Dollar wert. Die Aktie wird von 68,4 Prozent der bei Bloomberg gelisteten Analysten zum Kauf empfohlen – sie sehen ein Ertragspotenzial von 30,5 Prozent für Aktionäre, die in das noch junge Unternehmen investieren.

Eine schillernde Person ist auch der Gründer und CEO des Unternehmens, Nicholas „Nick“ Woodman. Er hatte im Jahr 1999 eine Webmarketing-Agentur gegründet, die mit dem Platzen der Dotcom-Blase grandios scheiterte. Anschließend, im Jahr 2002, begab er sich auf einen Surfurlaub nach Indonesien und Australien, wo ihm die Idee für eine Actionkamera kam. Während er an dem Produkt arbeitete, finanzierte er seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf von Gürteln, die er in Bali günstig gekauft hatte. Heute nennt er Dietrich Mateschitz, den CEO von Red Bull, als „inoffiziellen Paten“ der GoPro. Kein Wunder – denn auch Mateschitz koppelt seine Produktwerbung an Sportereignisse, und mit der Action-Cam „AC1“ hatte Red Bull Mobile selbst ein ähnliches Produkt wie die GoPro im Portfolio.

Narzissmus erreicht ein neues Level

Doch Technologie erlebt eine konstante Evolution – und so ist der weitere Erfolg der GoPro unter anderem davon abhängig, ob sich Woodman gegen neue Gadgets durchsetzen kann. Zum Beispiel werden sogenannte „Selfie Drones“ in Nerd-Kreisen als die nächste Gadgetkategorie gesehen, die den Selbstdarstellungsdrang der Menschen befriedigen kann. Dabei handelt es sich um kleine Drohnen mit integrierten Kameras, die den Sportler eigenständig beim Skaten, Surfen oder Wandern umkreisen und so sein Verhalten dokumentieren.

Die Selfie-Drohne "Lily" umkreist ihre Besitzer und filmt deren Abenteuer.

Brancheninsider munkeln außerdem, dass der Internetkonzern Google seine Virtual Reality-Brille „Google Glass“ künftig in Skibrillen einbauen könnte, um dem Nutzer etwa dessen Fahrgeschwindigkeit anzuzeigen. Und smarte Armbanduhren wie die Apple Watch können den Puls des Sportlers messen und dokumentieren – auch das ist ein Tool zur Selbstdarstellung, mit entsprechendem Ablenkungspotenzial.

Risiko abschätzen

Dabei hinterlassen auch diverse prominente Beispiele ein mulmiges Gefühl in Bezug auf Selbstdarstellung und Action-Cams: Stuntman Mike Sutton soll etwa gleich drei Go-Pros dabei gehabt haben, als er bei einem Sprung tödlich verunglückte. Die Kameras liefen während Suttons Unfall durchgehend; manche Beobachter gehen davon aus, dass er ein zusätzliches Risiko einging, um mit den Kameras besonders spektakuläre Bilder aufzunehmen.

Siegel, der selbst begeistert Videos mit der GoPro filmt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das unabhängige Entscheiden im alpinen Raum zu fördern. Mit Jugendlichen ab 16 Jahren fährt er mehrere Tage ins Gebirge, um ihnen zu erklären, wie man das Risiko einer Situation in den Bergen richtig abschätzt. Die meisten von ihnen haben eine GoPro dabei.

Generell ist Siegel dem Konzept der Action-Cams nicht abgeneigt, vor allem im professionellen und semi-professionellen Bereich ließen sich nun beeindruckende Aufnahmen in Full-HD-Qualität produzieren. Das Problem ist bloß, wenn Ahnungslose das Risiko nicht richtig abschätzen können. „Dann fahren sie einmal im Jahr auf Skiurlaub, sehen Tiefschnee und fahren 20 Meter neben der Piste, nur um tolle Aufnahmen zu haben“, sagt er. Andererseits könne es in Zukunft auch passieren, dass die große Verbreitung der Kameras die Videos inflationär wirken lassen: „Dann kommen die Leute vielleicht darauf, dass ihre eigenen Videos längst nicht so gut sind wie die Profi-Videos“, sagt Siegel: „Sie sind dann enttäuscht und nehmen ihre Action-Cam beim nächsten Urlaub gar nicht erst mit.“ Und genießen vielleicht einfach den Urlaub, anstatt sich ständig selbst zu filmen.

Die besten Action-Cams der Saison

GoPro Actionkamera HERO4 Black Adventure 4k

Video: 4K/30fps
Foto: 12 Megapixel
Größe und Gewicht: 9 x 9 x 9 cm ; 86 g
Integriertes Wi-Fi und Bluetooth
Ab EUR 455,00

Garmin GPS Action Kamera VIRB X,

Video: 1080p/30 fps
Foto: 12 Megapixel, Serienbilder mit bis zu 10 Bilder pro Sekunde
Größe und Gewicht: 3,7 x 4,1 x 7,7 cm ; 150 g
Ohne zusätzliches Gehäuse wasserdicht bis zu 50 m Wassertiefe
Ab EUR 299,00

Body & Soul

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