"Die Frage nach Gott drängte sich auf"

"Die Frage nach Gott drängte sich auf"

"In schwierigen Situationen bist du nur mit dem Überleben beschäftigt und denkst nur daran, hier schnell wieder rauszukommen." Extrembergsteiger Christian Stangl.

Der Extrembergsteiger Christian Stangl über Risiko, erschummelte Gipfelsiege, anerkannte Rekorde, sein neues Buch und Väterkarenz.

FORMAT: Sie sind der Begründer des Speed-Bergsteigens und prägten den Begriff Skyrunning. Wie kamen sie auf die Idee, die Berge quasi zu erlaufen?
Christian Stangl: Es gab auch schon vor mir Bergsteiger, die Berge möglichst schnell besteigen wollten. Ich habe lediglich erstmals sehr konsequent und professionell über eine Dekade lang die Idee des Skyrunnings, der Schnellbesteigung sehr hoher Berge, verfolgt. Leistungssportlich orientiertes Training war dafür die Grundvoraussetzung, und dieses harte Training habe ich geliebt.

FORMAT: Leichtes Gepäck und ein Minimum an Ausrüstung sind Teil dieses Konzepts. Ist das bei der Erstürmung von Achttausendern nicht ein enormes Risiko?
Stangl: Es ist nicht unbedingt ein größeres Risiko, mit wenig Gepäck, aber dafür schnell unterwegs zu sein. Bei aufkommenden Wetteränderungen muss man einfach die Disziplin haben, sofort umzukehren. Bei einer Schnellbesteigung verbringt man naturgemäß wenig Zeit in gefährlichen Zonen, und das senkt das Risiko.

FORMAT: In solchen Extremsituationen lässt sich ein hohes Risiko selbst bei sorgfältigster Planung nie völlig ausschließen. Wie gehen Sie mental mit dieser Gefahr um?
Stangl: Durch sehr sorgfältige und umfangreiche Planung kann das Risiko verringert werden, aber auf null reduzieren können sie es nie. Mein erster Versuch am K2 im Jahre 2008 führte mir das eindringlich vor Augen. Elf Menschen starben bei einem Lawinenabgang lediglich ein paar Hundert Meter von mir entfernt. Die Fragen nach einer möglichen Existenz Gottes drängte sich unweigerlich auf. Aber du willst die Antworten eigentlich gar nicht wissen, du willst nur gedankliche Ablenkung von der drohenden Gefahr und vor allem überleben.

FORMAT: Was war für Sie der gefährlichste Moment in ihrem Leben?
Stangl: Das war 1991, am 7.281 m hohen Ogre im Karakorum in Pakistan. Der Besteigungsversuch hatte damals überhaupt nichts mit einem "Skyrun" gemein. Ein herabstürzender Eisblock hat mir damals den Oberschenkel gebrochen. Neun Tage nach dem Unfall war ich erst in Sicherheit.

FORMAT: Denkt man in solchen Momenten auch an die Familie, Freunde?
Stangl: Nein, du bist in schwierigen Situationen nur mit dem Überleben beschäftigt und damit, wie man da schnell wieder rauskommt.

FORMAT: Was treibt Sie an, ihr Leben für einen Gipfelsieg zu riskieren?
Stangl: Ich kann diese Frage selbst nach 34 Jahren als Bergsteiger nicht beantworten. Aber es ist eine Art Gegenpol zu meinem normale Leben. Ich fand das fad und zu vorprogrammiert. Beim Bergsteigen konnte ich temporär ausbrechen. In brenzligen Momenten spürt man das Leben ganz intensiv.

FORMAT: War die Anerkennung des Guinness World Records des "Seven Second Summits","Seven Third Summits''und "Triple Seven Summits" eine Genugtuung für Sie?
Stangl: Ursprünglich war mir das Guinnessbuch der Rekorde ziemlich egal. Aber als 2012 die Frage um die erste Person auf den "Seven Second Summits" (Anmerkung: Das ist die Erstbesteigung aller zweithöchsten Berge auf allen sieben Kontinenten) hochkochte, stellte ich mich dem Wettbewerb. Ich hatte aus dieser Gruppe alle möglichen Berge bestiegen und gewann dadurch diese Teilserie souverän.

FORMAT: Sind ihnen solche Anerkennungen wichtig oder nur schönes Beiwerk, das man auch für die Sponsoren braucht?
Stangl: Für mich ist wichtig, sagen zu können: "Ich wurde von diesen Institutionen zum Sieger erklärt", so wie eben auch bei anderen Wettkämpfen eine Jury, eine Zeitmessung oder eine Wettkampfleitung den Sieger ermittelt. Das ist wie bei einem Schirennen. Würde es nur Sieger geben, wären weder die Rennläufer noch das Publikum zufrieden.

Der Skyrunner Christian Stangl ist heute ein gefragter Referent. Seine Themen gehen weit über das Bergsteigen hinaus.

FORMAT: Ihre Karriere als Bergsteiger hatte Höhen und Tiefen. 2010 lösten Sie mit ihrem nicht korrekten Gipfelfoto vom K2 eine riesige Diskussion in der Öffentlichkeit aus. Warum haben Sie sich zum Schummeln verleiten lassen?
Stangl: Es war der eigene Ehrgeiz. Erfolg kann süchtig machen. Meine ganze K2-Historie dauerte fünf Jahre. Sie begann 2008, als bei einem Lawinenabgang elf Bergsteiger starben. In meinem neuen Buch, "Gib niemals auf! Vom K2-Skandal zum Erfolg auf den Triple Seven Summits" (Anm.: erschienen im April 2015), habe ich dem K2 den weitaus größten Umfang eingeräumt, und das Kapitel bekam den Untertitel "Die große Prüfung". Tatsächlich war ich 2010 fast so weit, das Bergsteigen aufzugeben. Aber ohne den K2-Gipfel in der Tasche hätte ich keine ruhige Minute in meinem Leben mehr gefunden. Ich musste das Projekt "Triple Seven Summits", zu dem nun der K2 einmal gehört, fertigstellen, koste es, was es wolle.

FORMAT: Viele Ihrer Bergsteigerkollegen waren Ihnen richtig böse. Hat sich das in der Zwischenzeit etwas gelegt?
Stangl: Da müssen sie die Bergsteigerkollegen selbst befragen. Mein privater Freundeskreis und meine Kletterspezln sind die gleichen geblieben. Dass man meinen nachträglichen Erfolg im deutschsprachigen Raum aber totzuschweigen versuchte, ist mir nicht entgangen. Dafür habe ich heute viele Einladungen nach Japan und China.

FORMAT: Reinhold Messner und Hans Kammerlander sind stetige Kritiker von Ihnen. Stört sie das?
Stangl: Nein, ich kann damit leben. Mit den "Triple Seven Summits", den jeweils drei höchsten Bergen aller sieben Kontinente, habe ich eine sehr schöne und abenteuerliche Alternative zu den 14 Achttausendern geschaffen. Als Sammler aller vierzehn Achttausender könnte ich heute maximal die fünfunddreißigste Person werden, welche das schaffen würde. Doch wie Reinhold Messner selbst bin ich nicht an bloßen Wiederholungen und Nachahmungen interessiert, ich gehe lieber meinen eigenen Weg, suche ungelöste, neue und interessante Aufgaben. Dass Hans Kammerlander bei jeder Gelegenheit über mich ätzt, ist mir bekannt. Aber soll ich mich etwa dafür entschuldigen, dass ich von mehreren Institutionen zur ersten Person auf den "Seven Second Summits" gekürt wurde und er nicht, weil er nur sechs von sieben bestiegen hat?


"Dass man meinen Erfolg im deutschsprachigen Raum totzuschweigen versuchte, ist mir nicht verborgen geblieben."

FORMAT: In der Zwischenzeit ist ja das Business um den Gipfelsturm ein richtiges Millionengeschäft geworden. Extrembergsteiger nutzen zudem immer mehr Hilfsmittel, um möglichst schnell irgendwelche Rekorde aufzustellen, um Sponsoren glücklich zu machen. Wo bleibt hier die bergsteigerische Ehre?
Stangl: Nach den schweren Unfällen am Mount Everest im letzten Jahr und heuer mit 34 Toten wird das kommerzielle Bergsteigen am Everest sicher eine andere Richtung bekommen. Die Frage nach erlaubten und unerlaubten Hilfsmitteln im Bergsteigen führt in eine endlose Diskussion, wo hier die Grenzen sind. Viele vergessen, dass auch eine Hightech-Ausrüstung wie Spezial-Daunenoveralls oder präzise Wettervorhersagen via Internet Hilfsmittel sind. Ich persönlich lehne die Verwendung von Flaschensauerstoff immer kategorisch ab, denn ich wollte ja ganz bewusst die natürliche Atmosphäre auf den höchsten Gipfeln der Welt spüren und atmen.

FORMAT: Sie haben sich vom Skyrunning abgewandt und gehen ihre Projekte langsamer an. Warum?
Stangl: Im Juli werde ich 49, und die körperliche Leistungsfähigkeit lässt mit dem Alter einfach nach. Zudem habe ich mich von dem "Schneller, höher, weiter"-Gedanken abgewendet. Meine alten Geschwindigkeitsrekorde werde ich nicht mehr unterbieten, und höher geht es im Alpinismus seit 1953, der Erstbesteigung des Mount Everest, ohnehin nicht mehr. Unter dem Begriff "weiter" habe ich aber noch einige Projekte im Planung.

FORMAT: Sie legen heute großen Wert auf die Vermessung von Bergen. Lag das auch an den Erfahrungen 2010?
Stangl: Durchaus, ich wollte mir einfach keine Fehler mehr erlauben. Die Peinlichkeit, den falschen Berg in einer Serie zu haben, wollte ich mir auch ersparen. Mit den Bergen Ngga Pulu und Puncak Trikora lag ich auch zweimal voll daneben, aber ich habe die Argumente und Hinweise von Wissenschaftlern stets sachlich zu bewerten versucht, und bei geringsten Zweifeln zog ich wieder los. Eigentlich war das sehr interessant, ich lernte vermessungstechnisch viel dazu. Zudem fühle ich mich heute ein bisschen auf den Spuren der frühen Pioniere. Die brachen auf, um neue Welten zu erschließen und legten darüber auch sehr detaillierte Karten an.

FORMAT: Wollen sie weiter extrembergsteigen oder gehen sie heute ihr Leben etwas weniger riskant an?
Stangl: Im Moment bin ich in Vaterschaftskarenz. Das ist manchmal anstrengend, birgt auch den einen oder anderen Adrenalinschub, macht aber sehr viel Spaß. Wir klappern derzeit gemeinsam die Hütten in unserem Nationalpark Gesäuse ab. Zudem mache ich mit Mike Reinprecht von winning.at europaweit Seminare und Vorträge. Das fordert mich. Auch als Bergführer bin ich wieder unterwegs, und ja, ich muss zugeben, ich habe ein paar Projekte im Hinterkopf, die ich noch umsetzen möchte.

FORMAT:
Was ist Ihre größte Angst?
Stangl: Im Leben keine Ziele mehr zu haben.

FORMAT: Gibt es etwas das Sie in ihrem bisherigen Leben bereuen?
Stangl: Ich bin vor allem dankbar, dass alles gutgegangen ist.

Zur Person

Christian Stangl, 48, war der Erste, der die jeweils drei höchsten Berge aller sieben Kontinente, die sogenannten "Triple Seven Summits" bestiegen hat. Im April 2015 veröffentlichte er im Schall Verlag das Buch "Gib niemals auf!".

Wirtschaft

Kulinarischer Doppelpass von Do & Co mit Austria Wien

Werbung, Marketing & PR

Romantik und Kapitalismus - ein regelrechtes Traumpaar

Slideshow
Kitzbühel: Helden und Promis beim 76. Hahnenkammrennen

Sport

Kitzbühel: Helden und Promis beim 76. Hahnenkammrennen