Ottakringer goes Craft-Beer

Ottakringer goes Craft-Beer

Wenn Christiane Wenckheim von Bier spricht, verwendet sie neuerdings Worte wie "hopfenbetont“, "fassgereift“ und "Zitrusnote“. Ihre Mitarbeiter basteln an "Biermenüs“ und "Bierkarten“. Und die Kunden buchen scharenweise den hauseigenen Lehrgang zum Biersommelier. "Der Wein kann einpacken. Jetzt ist bei Bier Vielfalt und Qualität angesagt“, so die Chefin der Ottakringer Brauerei.

Der Brauereiriese Ottakringer (Umsatz 2012: 82 Millionen Euro) steigt im Sommer in den Markt für Kreativbiere ein. Das sind experimentelle und hochpreisige Biersorten, die in kleinen Mengen hergestellt werden. Derzeit errichtet Ottakringer dafür am Firmengelände in Wien ein eigenes Brauhaus und hat einen Kreativbraumeister eingestellt. Im August startet die neue Produktlinie, die unter der Marke Brauwerk verkauft wird. Mit drei Sorten will Ottakringer beginnen. "Wir haben vor, jährlich sieben bis acht Craft-Biere für einen bestimmten Zeitraum auf den Markt zu bringen“, so Wenckheim.

Vom Hinterhof ins Supermarktregal

In der österreichischen Bierwelt ist derzeit eine kleine Revolution im Gange. Während in den letzten Jahrzehnten Brauereien von internationalen Konzernen wie Heineken geschluckt wurden und sich Einheitsgeschmäcker durchsetzten, passiert seit Kurzem genau das Gegenteil: Eine Szene aus Hobbybrauern und lokalen Brauerein experimentiert mit alternativen Rohstoffen wie Dinkel, Roggen und Emmer. Sie verwenden Hopfen-Raritäten aus den USA, die nach Mango, Passionsfrucht oder Zitrone schmecken. Sie lassen Bier in Barriquefässern reifen, in denen davor Rum oder Whiskey gelagert waren. Statt Hefe wird mancherorts Milchsäure für die Gärung eingesetzt. Und manche fügen gar Frucht- und Kräutersirupe zum Gerstensaft.

Die Biere, die daraus entstehen, haben schräge Namen, einen intensiven Geschmack und eine meist ungewöhnliche Farbe. Der Trend lässt sich unter dem Namen Craft Beer, im Deutschen als Kreativbier bekannt, zusammenfassen. "Die Bewegung kommt aus den Hinterhöfen und hält derzeit im Mainstream Einzug“, sagt Martin Voigt, Hobbybrauer und Blogger auf probier.at .

Indischer Geschmack nach Ottakring

Am Brauereigelände in Wien-Ottakring laufen die Vorbereitungen für die neue Produktlinie auf Hochtouren: Auf der ganzen Welt hat sich Ottakringer Rohstoffe gesichert. Viele Spezialhopfensorten sind nämlich vergriffen und schwer zu bekommen. Auch die Produkttests sind voll im Gange, und der erste Probesud ist begutachtet.

Ottakringer wird zunächst das Vorzeigebier der Szene, das so genannte India Pale Ale, herausbringen. Das Bier wurde ursprünglich in England und Schottland im 19. Jahrhundert für die indischen Kolonien gebraut. Es ist ein helles, starkes Ale mit intensivem Fruchtgeschmack. "Unsere Biere werden aber nicht abgehoben sein, sondern sollen immer gut trinkbar bleiben“, sagt Ottakringer-Braumeister Tobias Frank. Ottakringers Konkurrent, die Stiegl Brauerei, hat schon länger Erfahrung mit dem Thema: Seit gut zwanzig Jahren experimentieren die Salzburger mit Kreativbier. Unter der Marke "Hausbiere“ werden Raritäten mit lustigen Namen wie "Gmahde Wiesn“ (eine Kooperation mit Kräuterhersteller Sonnentor) oder "Wildshuter Sortenspiel“ (aus Mühlviertler Aromahopfen) im Internet, bei ausgewählten Gastronomen und Gourmettempeln wie Meinl am Graben verkauft. Billig sind die Biere freilich nicht: 6,90 Euro müssen Kunden für einen Dreiviertelliter hinblättern. "Da die Mengen relativ klein sind, ist mit Kreativbieren nicht das schnelle Geld zu machen“, sagt Braumeister Christian Pöpperl.

Auch Ottakringer wird vorerst klein beginnen: 1.500 Hektorliter Kreativbier pro Jahr sollen in Ottakring abgefüllt werden - im Vergleich zum jährlichen Bierausstoß von mehr als 550.000 Hektolitern. In den USA, woher der Trend der Craft Beers kommt, liegt deren Marktanteil schon bei rund zehn Prozent. "Realistisch gesehen wird in Österreich der Marktanteil von Kreativbier langfristig maximal zehn Prozent betragen“, sagt Wenckheim.

Doch für die Imagepflege des Unternehmens ist die neue Produktlinie enorm wichtig. "Im neuen Brauhaus wird es die Möglichkeit für Besichtigungen und Verkostungen geben. Wir wollen die Leute zu uns hereinholen und zeigen, wie interessant und vielfältig Bier sein kann. Von den Weinbetrieben kann man hier einiges lernen“, so Wenckheim.

Es sind vor allem jüngere Biertrinker, die affin sind für den neuen Trend. Und in dieser Zielgruppe will Ottakringer wachsen. Trotz der bereits sehr intensiven Konkurrenz: Ende 2013 waren inklusive der Gasthausbrauereien exakt 194 Braustätten österreichweit registriert. Obwohl der Inlandsausstoß mit rund 8,5 Millionen Hektolitern praktisch stagniert. Ottakringer liegt derzeit auf Platz fünf der größten Brauhäuser. "In urbanen Zentren wie Wien, Innsbruck und Graz sowie bei jüngeren Biertrinkern sehen wir nach wie vor Marktpotenzial“, sagt Wenckheim.

Ein Hebel dafür sind Veranstaltungen am Firmengelände wie Konzerte und die Braukultur-Wochen im Sommer. 250.000 Besucher kamen vergangenes Jahr.

Ob die Brauereiriesen nun mit ihrem Einstieg in die Kreativbierschiene den kleinen Antreibern erst recht das Wasser abgraben? "Nein, das ich sehe ich nicht so“, sagt Blogger Martin Voigt, "solche Entwicklungen führen eher dazu, dass Bier als hochwertiges und qualitatives Produkt wahrgenommen wird. Und das ist für alle gut.“

Bier-Erziehung

Doch ähnlich wie beim Wein brauchen Konsumenten auch beim Bier eine gewisse Heranführung an das Produkt. Die Ottakringer Brauerei bietet daher seit diesem Jahr Lehrkurse zum Biersommelier an. "Wir erarbeiten Bierkarten ähnlich wie Weinkarten und verkosten verschiedene Bierstile. Damit brechen wir den Märzen-Bier-Wahn auf“, sagt Braumeister Tobias Frank, der die Kurse persönlich leitet.

Beim Lehrgang im September gibt es bereits eine prominente Anmeldung: die Chefin persönlich.

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