Monkey 47 – Das deutsche Gin-Wunder

Monkey 47 – Das deutsche Gin-Wunder

Als Alexander Stein sein Managerjob bei Nokia anödete, stieg er aus und machte das, was ihm Spaß macht: Gin brennen. Das war vor vier Jahren. Heute fehlt Monkey 47 in keiner Edelbar mehr.

Argwöhnisch beäugt Alexander Stein die Zitrone in seiner Hand. Unförmig ist sie, Beulen überall. Stein ist nicht zufrieden, sie ist ihm nicht unansehnlich genug. "Wir wollen die Hässlichen." Auf der Obstkiste vom Stuttgarter Großmarkt steht zwar Bio drauf, aber er ist sich sicher: Ganz unbewachst und unbehandelt sind die Früchte nicht. "Da fehlen die Flecken", sagt er und reibt mürrisch an der Schale. Die ist das Wichtigste, in ihr sind die ätherischen Öle, die er braucht. Und damit die unverfälscht sind, müssen die Zitronen eben so sein, wie die Natur sie schuf: klein, verschwiemelt, oll. Die Schrumpeldinger, die im Supermarkt jeder liegen ließe, Stein nimmt sie und verwandelt sie in den wahrscheinlich besten Gin der Welt. Mitten im deutschen Schwarzwald.

Bester Gin 2011

Monkey 47 heißt das Getränk, mit dem Stein seit wenigen Jahren den eng besetzten Spirituosenmarkt aufmischt. Seit 2010 ist die Marke auf dem Markt und hat sich schnell ihren Platz in den Edelbars rund um den Globus erobert. Ob im Ritz Carlton oder im Venice Simplon-Orient-Express – Moneky 47 darf nirgends mehr fehlen. 2011 hat die International Wine and Spirits Competition, der prestigeträchtigste Wettbewerb der Branche, den Gin als Besten seiner Art ausgezeichnet, einen Red Dot Award fürs Flaschendesign gab es obendrauf. Und dabei ist Stein Quereinsteiger.

Denn Steins Geschichte ist die eines Geschäftsmanns, der für einen Großkonzern in die Welt zog, aber erst seit seiner Rückkehr in den Schwarzwald so etwas wie Erfüllung findet. Anfang der 90er-Jahre fängt er bei Nokia an, da ist das Unternehmen noch ganz vorne mit dabei, bringt attraktive Produkte auf den Markt. Stein kämpft sich nach oben, ist zuletzt General Manager für das Nord- und Südamerika-Geschäft im Bereich Automotive, aber je länger er dabei ist, desto mehr schwindet der Freigeist im Konzern.

Ende 2008 wirft er hin: Die Strukturen sind zu eingefahren, die Innovationen machen andere. Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise gründet er die Black Forest Distillers GmbH . 35 ist er da, noch viel zu jung für eine Midlife-Crisis, aber sein Leben krempelt er trotzdem völlig um. Bisher hat Stein immer nur gedient, jetzt muss es was Eigenes sein. "Wenn ich jetzt das Risiko eingehe", denkt er sich, "habe ich noch genügend Zeit, es wieder auszubügeln, wenn es nicht klappt."

Dass sich der IT-Mann am Hochprozentigen versucht, ist auf den zweiten Blick gar nicht so verwunderlich. In Großheppach, tief im Herzen Baden-Württembergs, fabrizierte schon der Großvater Weinbrände. Steins Vater war auch Brenner, doch er selbst spürte keine Begeisterung für den Beruf in sich. Der Ferienjob am Fließband war ein "notwendiges Übel", wie er sagt. Erst 2006 beginnt die Idee eines Gins aus einheimischen Zutaten in seinem Kopf herumzugeistern – und sie wird attraktiver in dem Maße, wie seine Unzufriedenheit bei Nokia wächst. Als sie dann endlich Form annehmen soll, fehlt vor allem eines: eine Brennerei. Das ist der Moment, in dem Christoph Keller in Steins Leben tritt.

Einer der zehn besten Schnaps-Brenner der Welt

Keller ist eigentlich Kunstbuchverleger. Früher veröffentlichte er 120 Bücher im Jahr, heute sind es nur noch drei oder vier. 2005 kauft er in Eigeltingen-Münchhöf ein Mühlenanwesen aus dem 18. Jahrhundert, kurz nach dem Einzug klopft der Zoll bei ihm an: Ob er das Brennrecht behalten wolle, das auf dem Grundstück liege. Keller will. Gut, dann müssen Sie aber auch brennen, ist die Antwort. Also fängt Keller an, zu brennen. Es ist ein zufälliger Bruch in der Biografie, kein gewollter wie der von Stein, aber auch Keller hat durch das Brennen ein Stück zu sich selbst gefunden: "Wenn ich Leuten mein neues Buch in die Hand gedrückt habe, sagten sie: ,Schaue ich mir später mal an‘, und legten es beiseite", sagt er. "Wenn ich ihnen heute meinen neuen Brand zeige, sagen sie: ,Gib her, will ich mal probieren.‘" Heute zählt ihn der Gault Millau zu den zehn besten Brennern der Welt.

Von Steins Angebot ist der Autodidakt anfangs ganz und gar nicht begeistert: Keller brennt Edelobstbrände wie die Hegauer Hauszwetschge oder den Schwäbischen Hagebuttenbrand, Liebhaberreihen von meist nicht mehr als 20 Flaschen. Stein aber will in die Massenproduktion, 4000 Flaschen pro Brennvorgang und mehr. Es ist ein seltsames Gespann, das da zusammenfindet: Stein, der Geschäftsmann im Anzug, der sich den Lebenstraum eines eigenen Unternehmens erfüllt. Und Keller, der in Latzhose, Mütze und Clogs nur mitmacht, weil er den Gin so brennen kann, wie er will, und weil ihm Monkey 47 sein Steckenpferd finanziert. Aber es ist ein Gespann, das funktioniert.

47 Zutaten, der Wacholder aus der Toskana

Das Anwesen der Brennerei strahlt eine Urtümlichkeit aus, die den Besucher sofort umfängt: Walliser Schwarzhalsziegen laufen über den Hof mit seinen verwitterten Wirtschaftsgebäuden und den bemoosten Dächern, Phönixhühner und Walachenschafe. Die Naturwüchsigkeit ist beiden wichtig. Einige der 47 Zutaten ihres Gins kommen direkt aus Kellers Kräutergarten: Scharlachmonade, Ysop, Schlehen. Die Preiselbeeren kommen aus der Region, nur die Hauptzutat, den Wacholder, kaufen sie in der Toskana ein, wegen des intensiveren Aromas.

So urig die Brennerei von außen ist, so modern ist sie von innen. Stein investierte in eine neue Brennanlage und zwei Verkostungsräume. Einer von ihnen liegt dort, wo früher einmal ein Fahrsilo stand. Drinnen ist die Luft feucht und kühl. In dem kahlen Raum stehen etwa 80 Gallonen mit durchsichtigen Flüssigkeiten, denen man nicht ansieht, welche Zutaten in ihnen stecken. Hierher kommt Stein mit seinen Geschäftskunden, um ihnen zu zeigen, "was man geschmacklich so machen kann".

Sie selbst hantieren zwei Jahre lang mit dem, was man geschmacklich so machen kann. 120 Testdestillationen brauchen sie, erst dann steht ihre Rezeptur, die binnen Jahresfrist Kritiker und Genießer auf der ganzen Welt begeistert. Wie abenteuerlich das Experimentieren sein kann, zeigt ihnen ausgerechnet ihr qualitativ hochwertiges Gin-Destillat: "Sobald man Tonic dazugibt, schmeckt es nach Fanta", sagt Stein.

Hier, in den Verkostungsräumen, erzählt er auch gern die Geschichte, wie ihr Gin zu seinem Namen kam: Nach dem Zweiten Weltkrieg zog der englische Diplomatensohn Montgomery Collins in den Schwarzwald, um das Uhrmacherhandwerk zu erlernen. Weil er auch fern der Heimat nicht auf seinen Gin verzichten wollte, fing er an, sich die Spirituose aus heimischen Zutaten zu brennen. Irgendwann übernahm er die Patenschaft für Max, einen Affen im Berliner Zoo, und eröffnete einen Gasthof Zum wilden Affen. Ihm zu Ehren heißt Monkey 47 nun eben Monkey 47. So steht es auch auf dem Etikett der Flaschen. Fragt man Brennmeister Keller nach dem Wahrheitsgehalt dieses Gründungsmythos, grinst der nur in seinen Bart: "Es ist einfach eine schöne Geschichte."

So wie die von Alexander Stein und Christoph Keller.

P.S.: Der weltbeste Vodka kommt übrigens aus Niederösterreich . Schnapsbrenner Josef V. Farthofer durfte jubeln. Sein Organic Vodka wurde bei der International Wine & Spirits Competition (IWSC) 2012 in London mit dem Titel bester Vodka der Welt geadelt.
Niederösterreich brilliert neben dem weltbesten Vodka aber auch mit den vielfach international prämierten Edelbränden von Hans Krenn .

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