Krisenportion: Hochqualitative Kleinlokale profitieren vom Wirtschaftsabschwung

Mittags viel, gut und billig essen? Lokale mit außergewöhnlichem Preis-Leistungs-Verhältnis sind die Krisengewinner.

Ein kleines Lokal in einer Einkaufspassage in der Rotenturmstraße im Zentrum Wiens: Wie jeden Tag zu Mittag ist auch diesmal der Laden voll. Der Mann hinter der Theke kocht direkt vor seinen Gästen, trägt ein japanisches Stirnband, Wok und Messer fliegen durch die Luft. Sepp Hausberger ist Tiroler und lebte lange Zeit in Asien. Fast 30 Jahre lang hat er in allen möglichen Küchen des Fernen Ostens gearbeitet – von Japan und Korea bis nach Thailand. Seit einigen Jahren betreibt er in Wien dieses Winziglokal und bietet vor allem zu Mittag ein echtes Kampfmenü: Spargelsuppe mit Lachsnockerln als Vorspeise. Orientalisches Beef mit exotischem Gemüse, Reis und vietnamesischem Koriander als Hauptspeise. Und schließlich ein Früchtesalat mit Passionsfrüchten und Pandamilch-Kokosschaum als Dessert. Preis: lediglich 15 Euro.

Neue Klientel im Kokoro
Hausberger ist damit ein echter Krisengewinner. Die Portionen sind enorm, die Qualität ist herausragend – wer hierher kommt, erhält viel für wenig Geld. Und genau das suchen die Leute in Krisenzeiten wie einen Bissen Brot. „Wir haben Gäste, die früher nie zu uns gekommen sind“, sagt Hausberger, „darunter auch viele Manager und Banker, die sich nicht mehr in die teuren Lokale trauen.“ „Manche“, so erzählt der Koch weiter, „sitzen jetzt zu zweit, teilen sich eine Suppe und trinken dazu Wasser.“ Das sind jene, die ihren Job entweder gänzlich verloren oder viel Geld in den Sand gesetzt haben.

Voll auf die Zwölf
Gute Mittagsmenüs für wenig Geld: Mit diesem Konzept punkten derzeit einige Wirte und Köche weit mehr als ihre Konkurrenten in den Luxusrestaurants. Es sind vor allem die Business-Esser, die nun wegen der weltweiten Finanzkrise die teuren Schlemmertempel besonders zu Mittag meiden. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar: Banker und Finanzjongleure haben derzeit ganz andere Sorgen. Wer überhaupt noch einen Job hat, dem wurde das Budget fürs Essengehen ­radikal gestrichen. Und wenn schon ein Geschäftsessen, dann bloß nicht in einem teuren Gourmet­tempel. Den Wirten in der Luxusklasse ist damit ihre lukrativste Klien­tel abhanden gekommen.

Der Gast bestimmt den Preis
Dafür zählen andere zu den Krisen­gewinnern – mit zuweilen ungewöhnlichen Ideen. Um der Krise zu trotzen, wird etwa im Hollmann Salon, einem Restaurant der Mittelklasse, seit einiger Zeit dem Gast überlassen, was er für ein dreigängiges Menü hinblättert. „Entscheiden Sie selbst, wie viel Sie für unsere Menüs bezahlen möchten. Zahlen Sie, was es Ihnen wert ist“, steht deshalb auch auf der Homepage. Koch Stephan Schartner: „Mittlerweile schaut die Bilanz dieser Aktion absolut ­positiv aus. Im Schnitt zahlen die Leute 12 Euro für drei Gänge.“ Damit sind zwar die Einnahmen pro Menü gleich geblieben, die Anzahl der Gäste aber konnte deutlich gesteigert werden. Laut Schartner zahlte bislang niemand weniger als sechs Euro, manche aber haben angeblich sogar bis zu 25 Euro bezahlt. „Weil ihnen das Essen so viel wert war“, so Schartner.

Kleine Krisengewinner
Am meisten profitieren derzeit kleine Lokale mit wenig oder gar keinen Angestellten. So wie das Ehepaar Prinz in seinem Winziglokal „Il Bio“ in der Burggasse. Ähnlich wie bei Sepp Hausberger sitzen auch im Reich der Prinzen die Gäste zum Teil direkt in der Küche. Roland Prinz ist ein außergewöhnlicher Koch, der sich auf Gerichte der norditalienischen Küche spezialisiert hat. Sie gelingen ihm in ganz hervorragender Qualität – während er gleichzeitig seine Gäste bei Laune hält. Marinierte Sardellen auf Tomatenbrotcreme, Gnocchi mit getrockneten Tomaten und San-Daniele-Schinken, ein hausgemachter Erdbeer­kuchen – zu Mittag zahlt der Gast für drei Gerichte nicht mehr als 14 Euro. Ein wohl unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis.

Aus dem Huth gezaubert
Beisln, Gasthäuser und Kleinstlokale mit Küche sind derzeit nicht Opfer, sondern eher Gewinner der Krise. Vor allem dann, wenn die Qualität passt. Günstige Mittagsmenüs bieten viele an, wirklich gutes Essen für wenig Geld aber erhält man nur selten. Zu diesen begehrten Adressen zählt unter anderem auch die Gastwirtschaft Huth in der Innenstadt, wo zweigängige Menüs derzeit 13,80 Euro kosten. Das Besondere daran ist aber nicht nur der Preis, sondern die Qualität des Gebotenen. Robert Huth ist einer jener Gastronomen, die es dank eines ausgeprägten Qualitätsbewusstseins und einer sicheren Hand bei Kalkulationen inzwischen zu einem kleinen Lokal-Imperium gebracht haben. Schräg gegenüber seinem Stammhaus betreibt er neben dem mediterranen „da Moritz“ seit einiger Zeit auch das „Huth Bierbeisl“. Dort kosten die Mittagsmenüs derzeit gar nur 8,90, bestehend aus einem Tages­gericht mit Suppe oder Dessert. Huth: „Von Krise merken wir gar nichts, in solchen Zeiten muss man da fast demütig sein.“

Von Herbert Hacker

Leben

Österreicher fahren auf italienischen Panettone ab

Schoko-Nikolo fallen im Greenpeace-Test durch

Leben

Schoko-Nikolo fallen im Greenpeace-Test durch

Leben

Jetzt wird Geliefert: Online-Supermärkte im Test