Feuer am Dach - Weine aus Sizilien

Feuer am Dach - Weine aus Sizilien

Das Lava-Land rund um den Ätna ist der neue Hotspot der Weinwelt. Dort keltert eine junge Generation von Winzern heiß begehrte Kultweine. Ihr Geheimnis: alte Rebsorten und neuer Bio-Purismus.

Er ist eine imposante Erscheinung. Schon im Anflug auf Catania sieht man den Ätna aus der Landschaft emporragen. Über 3.300 Meter ist er hoch. Ganz genau lässt sich das nicht sagen, bildet sich doch mit jedem größeren Ausbruch eine neue Lavaschicht . Die Sizilianer nennen ihn liebevoll "Mongibello“, vielleicht auch, um ihn zu besänftigen. Der aktivste Vulkan Europas bricht zwar in regelmäßigen Abständen aus, richtet aber nur selten gröbere Zerstörungen an. Im Gegenteil: Das Land rund um den Ätna gilt als besonders fruchtbar. Neben Obst und Gemüse, Mandeln und Oliven wird auch Wein angebaut. Experten schätzen, dass schon seit 20.000 Jahren Wein am Ätna wächst. Aber erst in den letzten zehn Jahren boomt das Weinbaugebiet "Etna“, so die italienische Bezeichnung.

International gefragt

Auch andere Weinregionen Siziliens erfahren neuen Aufschwung. Eine neue Generation von Weinmachern zeigt, welches Potenzial die Insel birgt. Die Nachfrage ist groß, von London bis New York reißen sich Sommeliers der besten Restaurants um die Weine von der Mittelmeerinsel.

Das war nicht immer so: Jahrzehntelang dümpelte Siziliens Weinwirtschaft vor sich hin. Meist wurden die Trauben verkauft oder Fassweine an andere Erzeuger exportiert. Die wenigen eigenen Abfüller produzierten vorwiegend für den eigenen Gebrauch oder minderwertige Massenware. Lediglich der Marsala, ein gespriteter Süßwein nach Vorbild des Portweins, erlangte internationale Bekanntheit.


Frank Cornelissen. Die schillerndste Figur unter den Weinmachern am Ätna stammt aus Belgien und war Broker. Bild: © Christina Fieber

Erst in den späten 1980iger-Jahren gründeten wohlhabende Unternehmer eigene Betriebe, die hochwertigen Wein in die Flasche füllten. Allen voran Diego Planeta mit der Weinbaugenossenschaft Settesoli. Er erkannte das Potenzial der heimischen Trauben und experimentierte zugleich mit den internationalen Rebsorten Merlot, Syrah und Cabernet Sauvignon. Der Bann war gebrochen: In Folge investierten immer mehr betuchte Liebhaber in Weingärten, allen voran Donnafugata, Benanti, Tasca d’Almerita, Cos und eben auch Planeta, dessen Nachfolger von nun an ihr eigenes Weingut gründeten. Bekannt wurden sie mit ausladenden Kreszenzen internationalen Zuschnitts, wobei heimische Rebsorten meist mit internationalen verschnitten wurden. Technisch perfekt, aber ein wenig seelenlos und auch ohne die Handschrift ihrer Herkunft.

Bio-Extremisten

Bis dann vor einigen Jahren eine neue Generation an Winzern völlig neue Wege einschlug. Sie bauen ausschließlich alte Rebsorten der jeweiligen Region nach biologischen Richtlinien aus. Im Keller wird kaum eingegriffen und auf Zusatzstoffe und künstliche Hefen gänzlich verzichtet. Selbst stabilisierende Mittel wie Schwefel lehnen sie ab. Sie gehören zu einer neuen Bewegung von Naturweinwinzern, die derzeit in der Branche für hitzige Debatten sorgt. Nicht allen Weinliebhabern gefallen die geschmacklich oft eigenwilligen Weine.


Marco de Bartoli. Der Winzer überzeugt mit Weinen aus den Rebsorten Grillo und Catarratto. Bild: © AGJIVOVICH

Eine ihrer schillerndsten Figuren ist Frank Cornelissen, der seit fast 15 Jahren Weine auf den Hügeln des Ätna anbaut. Den gebürtigen Belgier reizte das einzigartige Klima und die besonderen Böden des Weinbaugebiets. Als einzige Region Siziliens herrscht hier kontinentales Klima, während der Rest der Insel von heißem, mediterranem Klima geprägt ist. Die Böden rund um den Ätna sind besonders mineralisch. Verwitterte Lava, die im Laufe der Jahrhunderte zu feinem, schwarzen Sand wurde.

Cornelissen schätzt auch die oft über hundertjährigen Rebstöcke, die sogar die Reblaus überstanden - eine Rarität. Auf bis zu 1.000 Höhenmetern wachsen knorrige Weinstöcke, die nur händisch bearbeitet werden können. Der ehemalige Broker handelte früher mit den besten Bordelaiser Weinen: Petrus, Mouton Rothschild & Co. Heute lebt er in bescheidenen Verhältnissen und steckt seine ganze Leidenschaft in weitgehend unbekannte Rebsorten wie Nerello Mascalese oder Nerello Cappuccio. Rebsorten, die immer schon am Ätna angebaut wurden.


Sam Vinciulla. Der australische Önologe kehrte zu seinen sizilianischen Wurzeln zurück und keltert seit Kurzem am Ätna Weine. Bild: © Christina Fieber

Hotspot der Weinbranche

Frank Cornelissen war gemeinsam mit dem norditalienischen Großhändler Marc de Grazia der erste, der sich hier ansiedelte und selbst Weine abfüllte. Vorher wurden lediglich Trauben verkauft. Mit seinen charakteristischen Weinen, die klar von ihrer Herkunft geprägt sind, erregte er weltweit Aufmerksamkeit und sorgt dafür, dass das DOC-Gebiet Etna zum absoluten Hotspot der Weinbranche avancierte. Nicht nur kleine ansässige Winzer machten sich von nun an selbstständig, sondern auch die Granden unter Siziliens Weinmachern.

Selbst Önologen aus dem Ausland zieht es zum Ätna. Der junge Australier Sam Vinciulla beispielsweise kehrt zu seinen sizilianischen Wurzeln zurück. Sein Großvater war damals von einem kleinen Dorf am Ätna nach Australien ausgewandert. Nach vier Monaten Praxis bei Frank Cornelissen hat er im letzten Jahr eigene Weingärten erworben. Sein erster Jahrgang ist vielversprechend - und selbstverständlich ohne Zusatz von Schwefel entstanden.


Giacomo Rallo. Der Besitzer des Weingutes Donnafugata gehört zu den Traditionalisten der sizilianischen Winzerszene. Bild: © Siffert/Donnafugata

Die Naturweinbewegung hat sich auch auf andere Weinbauregionen Siziliens ausgeweitet. Am deutlichsten ist der Trend rund um Vittoria, nahe der südöstlichen Stadt Ragusa, ausgeprägt. Im Sommer herrscht hier brütende Hitze. Trotzdem schaffen es einige Weinmacher, ohne künstliche Bewässerung durchaus elegante Weine zu keltern.

Natural Woman

Allen voran die charismatische Weinmacherin Arianna Occhipinti. Ihr Onkel hat schon mit dem Weingut COS gezeigt, was aus den Sorten Nero d’Avola und Frappato rauszuholen ist. COS ist seit 1980 hier ansässig und konnte viel Erfahrung sammeln. Seit einigen Jahren experimentieren sie auch mit Weinen, die in Tonamphoren ausgebaut sind. Wie COS arbeitet auch Arianna Occhipinti nach biologischen Richtlinien bei minimalem Schwefeleinsatz. Ihre Weine sind inzwischen unter Kennern heiß begehrt. Mit ihrem Buch "Natural Woman“ wurde sie zur Ikone der Naturweinbewegung.


Arianna Occhipinti. Die Weine der Kultwinzerin sind weltweit heiß begehrt. Bild: © Corbis

Auch im westlichen Sizilien, nahe von Palermo, feiert die Bewegung erstaunliche Erfolge. Die Kooperative Valdibella in Camporeale produziert nicht nur erstklassige Weine, sondern zeigt auch neue Wege der Produktion auf. In ihrem Betrieb arbeiten meist Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen.

Selbst in der scheinbar hoffnungslos altmodischen Region Marsala regt sich neues Leben: Dort beweist Marco de Bartoli, dass man aus einfachen Rebsorten wie Grillo und Catarratto auch hochwertige Weißweine erzeugen kann.

Adressen - Die Winzerelite Siziliens
Frank Cornelissen
Via Nazionale, 297, 95012 Solicchiata
Arianna Occhipinti
Via dei Mille 55, 97019 Vittoria
Marco de Bartoli
Contrada Fornara Samperi, 292, 91025 Marsala
Donnafugata
Via S.Lipari 18, 91025 Marsala
Planeta
Via Michele Amari 22, 90139 Palermo

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