Craft Beer – Edle Biere abseits des Mainstreams

Craft Beer – Edle Biere abseits des Mainstreams

Schon als Jugendlicher hat Johannes Kugler Versuchssude mit Pfefferminze, Früchten und Honig in Omas 20-Liter-Einkochtopf gemacht. Nun ist der Niederösterreicher 26, hat Brauwesen und Getränketechnologie im renommierten Weihenstephan bei München studiert und mit drei Kompagnons Brew Age gegründet, eine Wiener Start-up-Brauerei, die soeben mit ihren ersten Produkten auf den Markt kommt.

Neben einem Pale Ale und einem Wiener Lager hat das Quartett auch ein mit Hafer gebrautes Stout in Vorbereitung. "Wir brauen Biere abseits des Mainstreams“, definiert Kugler den Markenkern von Brew Age. Das gilt auch für die Produktion: Brauen im neuen Bierzeitalter bedeutet auch, dass man nicht unbedingt eine Brauerei besitzen muss. Kugler & Co. konzentrieren sich auf Produktentwicklung und Vermarktung, gebraut wird in der renommierten Salzburger Bio-Brauerei Gusswerk: "Eine eigene Sudanlage würde zwei bis drei Millionen Euro kosten. Das können wir uns noch nicht leisten.“

Vor zehn Jahren hätte niemand darauf gewettet, dass in Österreich noch einmal Brauereien gegründet werden. Der holländische Multi Heineken hatte eben den österreichischen Marktführer Brau Union übernommen. In der Branche erwartete man, dass sich die etablierten Privatfirmen wie Stiegl und Ottakringer halten werden können und daneben kaum noch Neues entstehen werde. Doch nun sprudelt das innovative Bier nur so aus den Zapfhähnen: Bevog, Brauschneider, Eule Koffeinbier - schon die Namensgebung lässt darauf schließen, dass hier eine neue, experimentierfreudige Tüftlergeneration am Werk ist, denen das Reinheitsgebot von 1516 zuwenig ist. Die zwei Hobby-Teilzeitbrauer von Xaver Bräu in Wien-Ottakring etwa entwickeln, brauen, füllen ihr Bier ab, etikettieren es und reinigen die Anlage - alles in Eigenregie und auf 52 Quadratmetern.

Bei der unsystematischen Verkostung in der trend-Redaktion zeigte sich: Vom Bier mit Maronigeschmack über belgisches Witbier bis zur Wein-Bier-Kreuzung (siehe Kasten "Sortenkunde“ auf Seite 47) - die Produkte sind nicht dazu gedacht, nebenher getrunken zu werden. Sie wollen selbst im Mittelpunkt stehen. Das kann anstrengend sein, ist aber im gelungenen Fall richtig kultig.

Handwerksbier

Der Trend hat seinen Ursprung nicht von ungefähr in einem Land, in dem herkömmliche Biere wässrig schmecken wie kaum anderswo: den USA. Craft Beer heißt die Bewegung, im deutschsprachigen Raum auch gern als Kreativbiere bezeichnet. In den Vereinigten Staaten machte dieses Segment, das meist alte Bierstile wiederbelebt und sich mit dem romantischen Image des Handgemachten, Unabhängigen und Charakterstarken schmückt, 2013 bereits 7,8 Prozent des Gesamtmarktes oder 14 Milliarden Dollar Umsatz aus. Tendenz: noch immer steigend.

Davon träumen auch die österreichischen Craft Brewer. Der Konsum liegt zwar statistisch noch unter der Wahrnehmungsgrenze: Von den 106 Litern, die ein Landsmann oder eine Landsfrau im Schnitt pro Jahr trinkt, ist gerade einmal ein Seidel der hippen neuen Kategorie zuzurechnen. Doch die Fachmedien und -tagungen kennen derzeit kein anderes Thema. Mitte Mai lockte das erste mehrtägige Craft-Beer-Fest Tausende Interessierte nach Wien. Nach den Spezialitäten aus Skandinavien und Italien, wo die Kreativbier-Szene schon voll erblüht ist, werden seit einiger Zeit auch die heimischen Innovationen erstmals international wahrgenommen.

Das von den Mönchen in Engelhartszell hergestellte Trappistenbier etwa gibt es - mit Unterstützung der nahen Mühlviertler Brauerei Hofstetten - erst seit zwei Jahren, und doch ist es schon ein kleiner Exportschlager. Zwei österreichische Biermacher wurden im April beim World Beer Cup der US-Brewers-Association in Denver hoch dekoriert: Die Salzburger Stieglbrauerei errang Silber mit ihrem "Wildshuter Sortenspiel“, das mit alten, selbst kultivierten Getreidesorten gemacht wird. Und das Kärntner Kreativduo Loncium heimste mit einem dunklen Weizenbock eine Bronzemedaille ein.

Alois Planner ist auch so ein Verrückter. "Es geht uns nicht um Wachstum, sondern darum, interessantes Bier herzustellen“, trällert der Loncium-Gründer auch noch sechs Jahre nach dem offiziellen Start im Brustton der Überzeugung. Inzwischen widmet der Gailtaler, der auch ein Wirtshaus betreibt, 80 Prozent seines Arbeitstages dem Biermachen; sein Partner, Klaus Feistritzer, ist schon Vollzeit bei der bierigen Sache. Ihr neues Indian Pale Ale (IPA) haben sie übrigens gleich mit dem lateinischen Namen ihres Bundeslandes verbunden: "Carinthipa“ heißt es.

Wein wird Bier

Die Rohstoffbeschaffung, erklärt Planner, ist im Zuge des Booms vielfältiger, aber auch teurer geworden. Neue, aromatisierte Hopfensorten aus den USA und Neuseeland ergänzen die bisherige Industrieware. Ob beim Antrunk nun Papaya, Kastanie oder Kaffee zu erahnen sein soll - fast alles ist möglich. "Für die Rohstoffe zahlen wir zum Teil das Zehnfache einer Großbrauerei“, sagt Planner. Und das schlägt sich natürlich im Preis nieder, der schon einmal das Zehnfache des Aktionsbiers im Supermarkt betragen kann. Kostet ein Deziliter eines Allerweltsmärzens im Handel rund 15 Cent, muss man im Online-Shop für die Loncium-Produkte oder das Stout der Bad Radkersburger Pionierbrauerei Bevog fast 70 Cent hinlegen. Noch teurer geben es die Engelszeller Mönche: Ihr Trappistenbier gibt es um stolze 1,26 Euro pro Deziliter - oder um fast 4,20 Euro je 0,33-Liter-Flasche.

Natürlich geht auch der Vertrieb eigene Wege. Er erfolgt über Spezialgeschäfte, ausgesuchte Bierlokale - in Wien zum Beispiel das "Känguruh“ im sechsten Bezirk - und über Onlineshops. Für österreichische Produkte ist mybier.at eine gute Adresse; wer die internationale Craft-Beer-Szene verkosten will, ist mit bier-box.at und bierfracht.at gut bedient - in Kooperation mit bierfracht.at offeriert der News-Verlag (zu dem trend zählt) seit Mai übrigens ein eigenes Bier-Abo ( biergourmet.at ). Wer in der Bundeshauptstadt auf Erfahrung und Variantenreichtum schwört, ist im 1999 gegründeten Bierpub "1516 Brewing Company“ am Schwarzenbergplatz richtig; Start-up-Charme riecht und schmeckt man in der Hasnerstraße bei der Minibrauerei Xaverbräu mit einem 200-Liter-Tank gleich hinter der Eingangstüre.

Nimmt man den Kult etwas näher in Augenschein, dann fällt sofort auf: In der Präsentation werden Bier- und Weinwelten einander immer ähnlicher. Spezielle Biersorten werden in edel designten 0,75-Liter-Flaschen angeboten. "Es gibt Leute, die sich einen eigenen Bierkeller anlegen und dort Jahrgangsböcke reifen lassen“, erzählt Brew-Age-Co-Gründer Kugler. Die Produkte werden mit exakten Empfehlungen garniert, mit welchen Speisen sie ideal harmonieren. Selbst die Sprache ähnelt jener der Weinszene: Experten loben die "Nuance von Bitterschokolade“ in jenem Stout und die "leichte Restsüße“ in diesem IPA. In eigenen Bier-Sommelierkursen kann man an sechs Tagen um tausend Euro lernen, was man mit Bier alles kochen kann und welches Glas für welchen Tropfen das richtige ist.

Denn selbstverständlich sind auch die Becher längst nicht mehr uniform: Spiegelau, eine Tochter des Tiroler Weinglaspioniers Riedel, hat eben ein eigenes Stout-Glas herausgebracht. Große Bierglashersteller wie Sahm haben inzwischen mehr als 100 Glasformen für individuelle Bierstile im Portfolio.

Big is Beautiful

Weil Craft Beer nicht nur umsatzmäßig eine Fixgröße werden könnte, sondern auch dem Image zuträglich ist, stürzen sich auch die Großen auf das Thema. Stiegl in Salzburg experimentiert zwar schon seit fast zwanzig Jahren mit einer Art "Brauerei in der Brauerei“, wie Braumeister Christian Pöpperl erzählt: "Aber erst in den letzten Jahren wandelt sich das völlig. Und wir sind überzeugt, dass sich dieses Segment hält.“

Die Wiener Ottakringer Brauerei baut eben das Ottakringer Brauwerk auf, eine eigene Kleinbrauerei für 1000-Liter-Sude. "Das ist groß genug, um das Bier unters Volk zu bringen, und klein genug, um ausgiebig experimentieren zu können“, sagt der eigens für das Brauwerk engagierte Braumeister Martin Simion, einer der "jungen Wilden“ der Szene. Beim Start Anfang Juli sollen schon ein IPA und ein Porter made by Ottakringer abgefüllt und ausgeschenkt werden.

Und selbst das Herz von Günther Seeleitner schlägt höher, wenn er über Kreativbiere spricht. Er ist sowohl Braumeister in Zipf, der Innovationsmarke im Brau-Union-Verbund, als auch in der kleinen Hofbrauerei Kaltenhausen nahe Salzburg, die eine Art Experimentierküche für den Konzern ist. Dort gibt es inzwischen Cherry-Bier und einen Bier-Riesling zu trinken, der mit Bier- und Weinhefen erzeugt wird. "Und jetzt werden wir ein Indian Pale Ale machen“, verkündet Seeleitner stolz. Im Vergleich zu den 4,5 Millionen Hektolitern Brau-Union-Gesamtstoß nehmen sich die aktuellen 1300 Hektoliter aus der Spezialitätenkiste jedoch noch bescheiden aus.

Johannes Kugler denkt noch nicht einmal an solche Dimensionen. Eine Charge mit 1800 Litern pro Monat ist für die erwähnte Wiener Start-up-Brauerei Brew Age am Anfang das Ziel, das ergibt hochgerechnet gerade einmal 220 Hektoliter pro Jahr - ein Sechstel dessen, was die Brau Union derzeit unter dem Titel Craft Beer braut. Aber es ist verdammt viel im Vergleich zu den 20-Liter- Suden im Kochtopf seiner Oma.

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